Markus Söder arbeitet an sich

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Ministerpräsident Markus Söder gibt sich in den vergangenen Monaten recht zahm – zumindest im Vergleich mit früheren Zeiten.
Ministerpräsident Markus Söder gibt sich in den vergangenen Monaten recht zahm – zumindest im Vergleich mit früheren Zeiten. (Foto: dpa)
Ralf Müller

München - Der Pulverdampf des Scharmützels zwischen CSU und CDU, zwischen Horst Seehofer und Angela Merkel, hatte sich noch längst nicht verzogen, da sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder etwas Ungewöhnliches: „Wir müssen auch auf unsere Umgangsformen achten.“ Erstaunlich auch deshalb, weil es aus dem Munde von jemandem kam, der für seine gediegenen Umgangsformen bisher nicht bekannt ist.

Markus Söder lernt dazu – im Eiltempo. Und das muss er auch. Unerwartet für die CSU-Oberen kam zum Höhepunkt des Schwesternzoffs die von Demoskopen erfragte Erkenntnis heraus, dass die Aktion „Zurückweisung um jeden Preis“ der CSU nicht geholfen, sondern sogar eher geschadet habe. Denn so gerne der CSU-Wähler die Tür vor weiteren Asylbewerbern möglichst verschließen möchte, so sehr missfallen ihm andererseits Parteiengezänk und gar eine instabile Regierung. Bürgerliche Wähler schätzen Ruhe, Ordnung und Anstand.

Die Bemerkung zu den Umgangsformen hat Söder aber wohl nicht nur auf den Streit mit der Schwesterpartei bezogen, sondern womöglich auch ein wenig auf sich selbst. Schon lange bevor Horst Seehofer ihm nach langem Zögern und Taktieren widerwillig Platz in der Münchener Staatskanzlei gemacht hat, hatte Söder an sich gearbeitet. So wie ehedem Edmund Stoiber vom „blonden Fallbeil“ von Franz Josef Strauß zum Landesvater mutierte, ließ Söder seine Vergangenheit als rüpeliger Generalsekretär hinter sich, dem Ex-SPD-Landeschef Florian Pronold einmal ein nicht weniger rüpeliges „Jeden Tag blöder – Markus Söder“ hinterhergeworfen hatte.

Milder Landesvater

Doch ebenso wenig wie Stoiber zu 100 Prozent ein Paulus werden konnte (und wollte), wuchs Söder bisher in die Rolle eines milden Landesvaters hinein, obwohl sich bei dem 51-Jährigen schon die ersten grauen Haare zeigen. Das will er auch gar nicht und das wird er auch nie werden, zumal er selbst seine Amtszeit auf zehn Jahre begrenzen will. Das böse Wort vom „Asyltourismus“, das Söder in den Mund nahm, zeigt, dass der scharfmacherische Generalsekretär immer noch präsent ist. Er darf nur nicht mehr so oft raus.

Auf Kraftmeiereien mag Söder aber nicht verzichten. Der protestantische Franke glaubt fest daran, dass mit der „Mir-san-mir“-Rhetorik die Lufthoheit insbesondere über den oberbayerischen Stammtischen zu gewinnen wäre. Wobei er vergisst, dass insbesondere im großstädtischen Publikum die Zahl derer, denen die weiß-blaue Großmannssucht gehörig auf den Senkel geht, ständig wächst. Mit der penetranten Wiederholung von Sätzen wie „Das gibt es nur in Bayern“ ärgert er die inzwischen zahlreichen Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund (etwa gebürtige Hessen, Niedersachsen oder Württemberger) eher, weil diese immer noch nicht der Meinung sind, dass man ohne Bescheidenheit weiter kommt.

Söder lernt schnell und ist flexibel. Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass er die Krawallbürste für den Rest des Wahlkampfs zur Landtagswahl am 14. Oktober endgültig beiseite legt. Seine Erleichterung nach dem Asyl-Kompromiss von Berlin war nicht gespielt. Was nichts daran änderte, dass er vorher zu denen in der CSU gehörte, die Kanzlerin Angela Merkel am erbittertsten aufs Korn nahmen. Im Machtkampf Seehofer-Merkel hatte Söder zuletzt mit mäßigenden Appellen für gelindes Erstaunen gesorgt.

Unters Volk mischen

Dass der Nürnberger bei seinen öffentlichen Auftritten, die er unermüdlich und in rekordverdächtiger Zahl landauf landab absolviert, gut ankommt, müssen auch die politischen Gegner einräumen. Eloquent, humorvoll und mit einem Schuss Selbstironie kann er mit kurzweiligen Reden fast jedes Publikum für sich einnehmen. Parteifreunde haben Söder denn auch geraten, möglichst viel zum Volk zu gehen. Das könne dann feststellen, so ein Söder-Intimus, „dass er gar nicht so schlimm ist“. Treu geblieben ist Söder freilich seinem Stil, die bayerische Opposition weitgehend zu ignorieren, ja zu missachten. Während Amtsvorgänger Seehofer sich noch zuweilen - freilich nicht ohne den Ausdruck des Mitleids – mit SPD, Freien Wählern und Grünen zusammensetzte, hat Söder für so etwas keine Zeit, weil er mit allen Mitteln die AfD aus dem Landesparlament heraushalten muss.

Beiläufig ließ er einmal wissen, dass er mit der FDP, die gar nicht im Parlament vertreten ist, nicht koalieren möchte. Und wütend über Söders Wort vom „Asyltourismus“ erteilte Grünen-Landtagsfraktionschef Ludwig Hartmann einem schwarz-grünen Bündnis eine Absage.

Aber auch andere können nicht mit Söder. AfD-Chef Alexander Gauland gab unlängst zu Protokoll, dass er „keine Lust“ hätte, sich mit Söder in einer Koalition auseinanderzusetzen.

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