Löws letzte Müller-Sichtung: „Telefonieren tue ich ständig“

Joachim Löw und Thomas Müller
Trainer Joachim Löw (l) spricht mit Thomas Müller. (Foto: Christian Charisius / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Arne Richter und Klaus Bergmann

Zur letzten Sichtung vor der EM-Nominierung schaut Thomas Müller praktischerweise bei Joachim Löw im Breisgau vorbei. Der Bundestrainer wird vier Tage vor der Benennung seines Kaders für die Fußball-Europameisterschaft das Gastspiel des FC Bayern München beim SC Freiburg am Samstag (15.30 Uhr/Sky) im Stadion verfolgen. Somit kann der 61-Jährige nach der Begutachtung der Dortmunder Comeback-Kandidaten Mats Hummels und Marco Reus beim Pokalsieg des BVB gegen RB Leipzig auch die aktuelle Müller-Form beim deutschen Meister checken.

Ob der letzte Eindruck des Bayern-Routiniers für die spektakulärste Rückkehr in der langen Ära von Löw aber überhaupt noch zählt? Mit rhetorischem Geschick vermied der Rekord-Bundestrainer als Gast beim Cup-Endspiel am Donnerstagabend in Berlin jede konkrete Aussage zur immer noch unbeantworteten und so brisanten Rückkehrerfrage.

„Telefonieren tue ich eigentlich ständig im Moment, das hilft schon, mit allen möglichen Leuten“, sagte der 61-Jährige im Halbzeit-Interview bei der ARD. Die „Bild“-Zeitung hatte berichtet, Löw solle Müller (31) am Telefon signalisiert haben, ihn in die Nationalmannschaft zurückholen zu wollen.

Löw war jedenfalls vorbereitet. Gegen die lausigen Temperaturen im verregneten Olympiastadion half der wärmende schwarz-weiße Mantel, gegen die bohrenden Fragen auch ein mal charmantes, mal fast verlegen wirkendes Lächeln. „Alles, was möglich war, haben wir überprüft und nochmals analysiert“, versicherte Löw. Und: Die Spieler würden seine Entscheidung als Erste erfahren.

Das klang irgendwie so, als hätte Müller die positive Nachricht schon bekommen. Auch ARD-Experte und Müller-Spezi Bastian Schweinsteiger musste neben Löw arg an sich halten, um nicht möglicherweise zu viel zu verraten. Er rechne jedenfalls mit Müller im EM-Aufgebot.

Auch für den scheidenden Bayern-Trainer und designierten Löw-Nachfolger Hansi Flick ist die Sache klar. „Thomas Müller ist ein Spieler, der dir mehr Freude macht als Kopfzerbrechen. Er ist ein Spieler, den man gerne in der Mannschaft hat“, sagte Flick, den DFB-Direktor Oliver Bierhoff möglichst noch vor dem Turnier als künftigen Bundestrainer verkünden möchte. Müller selbst hatte längst betont: „Ich habe Lust, im Sommer nach Titeln zu jagen.“

Am kommenden Mittwoch (12.30 Uhr) wird Löw seine 26 EM-Spieler dann offiziell benennen. Drei Plätze mehr als üblich hat Löw wegen der Corona-Pandemie zur Verfügung. Wie kompliziert das Turnier werden kann, verdeutlichte am Freitag die Nachricht von der Quarantäne für Toni Kroos als Kontaktperson eines Infizierten bei Real Madrid. Möglicherweise kommt der Routinier durch die Zwangsauszeit gerade rechtzeitig zum Beginn des Trainingslagers am 28. Mai nach Seefeld in Tirol

Und die Personalie Müller ist nicht mehr die einzige möglich wirkende Comeback-Option. Auch Hummels (32) darf hoffen, gemeinsam mit seinem Weltmeister-Kollegen von 2014 wieder im DFB-Zirkel aufgenommen zu werden. Gut zwei Jahre nach der damals spektakulären Ausbootung von Müller, Hummels und Jérôme Boateng im März 2019 als Spätwirkung des WM-Desasters hat Löw längst seine klare Neubau-Strategie der DFB-Elf aufgegeben. Er ist für alles Perspektivische nach der EM nicht mehr zuständig.

Löw sah sich Hummels wie auch den wiedererstarkten Reus kürzlich gleich zweimal gegen Leipzig an. Beim 4:1 im Pokalendspiel spielte der BVB-Manndecker konstanter als beim 3:2 im Ligaspiel. Reus (31), der seit Oktober 2019 nicht mehr für Deutschland spielte, überzeugte in beiden Partien. „Marco hatte die letzten Wochen wieder einen guten Rhythmus“, sagte Löw. Er sei im „erweiterten Kader“. Auch Flick lobte Reus. „Aktuell ist er einer, der den Unterschied macht.“

Doch wie bei Müller geht es bei Hummels und auch bei dem oft für Verletzungen anfälligen Reus um mehr als aktuelle Formkurven. Führungsstärke muss Löw seinem zuletzt so wankelmütigen Kader zufügen. Mit dem Trio würde er die Erfahrung von 214 Länderspielen ins EM-Aufgebot holen.

Zumal die Bayern-Profis Niklas Süle (25) und Leon Goretzka (26) als zwei Fix-Größen des Neuaufbaus zuletzt Probleme hatten. Süle hat seit März nicht mehr im Bayern-Trikot verteidigt und soll, so versprach es Flick, in den letzten zwei Saisonspielen die notwendige Praxis bekommen.

Goretzka bangt nach seinem Muskelfaserriss noch um die Fitness für den ersten EM-Ernstfall am 15. Juni in der Münchner Arena gegen Weltmeister Frankreich. Am Freitag gab es gute Nachrichten. „Der Verlauf ist so, wie man sich das vorstellt“, sagte Flick. „Klar ist das Ziel, dass er bei der EM dabei ist. Das wünschen wir ihm alle, er ist für die Nationalmannschaft ein wichtiger Spieler.“

© dpa-infocom, dpa:210514-99-595419/3

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