Lebenserwartung steigt mit dem Einkommen

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Die Lebenserwartung bei Frauen im Großraum München liegt bei 84,4 Jahren, bei Männern sind es 80,6 Jahre.
Die Lebenserwartung bei Frauen im Großraum München liegt bei 84,4 Jahren, bei Männern sind es 80,6 Jahre. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung
Ralf Müller

Wie gesund jemand ist und wie lange er lebt, hängt auch in Bayern von Einkommen und sozialem Status ab. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten des Sozialwissenschaftlers Christian Janßen von der Hochschule München im Auftrag der SPD-Fraktion im bayerischen Landtag, das am Mittwoch in München vorgelegt wurde. Die Landtags-SPD zieht daraus die Konsequenz, dass gesundheitliche Prävention verstärkt sozial benachteiligte Gruppen erreichen müsse, so die Forderung.

Die wichtigsten gesundheitsbezogenen Risikofaktoren seien Rauchen, Alkohol, Gewicht, Bewegungsmangel und Ernährung. Bis auf den Alkoholkonsum kämen alle diese Risiken bei Menschen mit „geringem sozioökonomischen Status“ überdurchschnittlich vor. Noch sei die medizinische Versorgung für alle gesellschaftlichen Gruppen in Deutschland im Großen und Ganzen gleich hoch, so Janßen. Unterschiede gebe es aber in der psychotherapeutischen Versorgung, deren Bedeutung rapide zunehme.

Die SPD-Sozialpolitikerinnen Ruth Müller und Ruth Waldmann sowie der Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt Bayern, Thomas Beyer, warfen der bayerischen CSU-Staatsregierung vor, den Zusammenhang nicht ausreichend aufzuklären. Für die CSU-Sozialpolitik gebe es ja keine Armut im Freistaat, sondern nur Menschen mit geringem Einkommen, so Beyer. Weil man die sozioökonomischen Fakten gar nicht so wissen wolle, operiere man in weiten Teilen der Gesundheitspolitik Bayerns „im Blindflug“, so Waldmann.

Bis zu zehn Jahre Unterschied

Seit den 1980er-Jahren sei der Zusammenhang zwischen sozialem Status und Krankheitshäufigkeit (Morbidität) und Sterblichkeit bekannt, sagte Janßen. Der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Arm und Reich könne bis zu zehn Jahren betragen. Vor allem bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebserkrankungen sei es ein Unterschied, welcher sozialen Schicht der Betreffende angehöre. Auf der ganzen Welt gelte die Regel: Wo Einkommensunterschiede gering seien wie etwa in Skandinavien, seien auch die Unterschiede bei Morbidität und Mortalität gering.

Ein Zusammenhang zwischen Gebiet, Einkommen und Lebenserwartung in Bayern lässt sich aus den Zahlen, die Janßen für die einzelnen Regionen zusammengetragen hat, durchaus herauslesen. Trotz angeblich lebensbedrohender Feinstaub- und Kohlendioxidbelastung haben danach die Menschen im Großraum München die höchste mittlere Lebenserwartung. Sie lag 2017 bei Frauen bei 84,4 und bei Männern bei 80,6 Jahren. Demgegenüber können in der Region Oberfranken-Ost Frauen im Schnitt nur mit einer Lebenserwartung von 81,8 Jahren und Männer mit 76,6 Jahren rechnen.

Die Studie des Soziologen Janßen stellt die Lebenserwartung deshalb in einen direkten Kontext mit dem Durchschnittseinkommen in den jeweiligen Regionen. Hier ist München ebenfalls mit 2163,40 Euro pro Einwohner Spitzenreiter, gefolgt vom bayerischen Oberland mit 2087,60 Euro sowie der schwäbischen Grenzregion Donau-Iller mit 1951 Euro. Schlusslichter sind die niederbayerische Region Donau-Wald (1683,30 Euro), die nördliche Oberpfalz (1703,50 Euro) und die unterfränkische Region Main-Rhön (1741,60 Euro).

Viele Präventionsmaßnahmen seien „auf dem sozialen Auge blind“, befand Janßen. Es sei aber „nicht gottgegeben“, dass Kinder und Jugendliche in Mittelschulen häufiger mit dem Rauchen anfingen als an Gymnasien: „Präventionsmaßnahmen müssen dafür sensibel sein.“

Gesundheitsministerin wehrt sich

Dass Wertschöpfung, Qualifikations- und Erwerbsstrukturen sowie soziale Lebenslagen für den Stand der Volksgesundheit eine Rolle spielten, sei keine neue Erkenntnis, so Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Dieses Wissen sei geradezu „Basis“ ihrer Gesundheitspolitik.

Huml verwies zudem darauf, dass im Juli 2015 bereits auf Bundesebene das Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention in Kraft getreten ist. Präventionsmaßnahmen nach diesem Gesetz sollten zur Verringerung sozialer, regionaler und geschlechterbezogener Ungleichheit bei der Gesundheit beitragen.

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