Ladensterben auf dem Land: Tante Emma im Dilemma

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Ruth van Doornik

Die Apotheke ist dicht. Der Bäcker findet keinen Nachfolger, und der Supermarkt um die Ecke hat schon vor Ewigkeiten geschlossen. Wer in Bayern auf dem Land seine Einkäufe erledigen will, ist ohne Auto immer häufiger aufgeschmissen. Eine parlamentarische Anfrage des SPD-Landtagsabgeordneten Klaus Adelt ergab: Zwischen 2006 und 2016 ging die Zahl der Lebensmittelgeschäfte um zwölf Prozent zurück. In fast jeder dritten Kommune gibt es inzwischen keinen Lebensmittelladen mehr. Besonders betroffen sind Regionen wie Oberfranken und Niederbayern. Während die Ortskerne veröden und mit Leerständen kämpfen, boomt das Geschäft der Discounter auf der grünen Wiese.

Kommunen und Städte sorgen sich angesichts des rasanten Ladensterbens. Dabei sind die Probleme meist hausgemacht: Die genehmigten Megaprojekte auf dem Acker am Dorfrand verbrauchen nicht nur Fläche, sondern ziehen auch die Kaufkraft aus den umliegenden Zentren ab. „Diese Kannibalisierung muss aufhören, sonst ist Bayern bald ein einziger Parkplatz“, warnt Adelt.

Die Staatsregierung will jetzt mehr Geld für die Entwicklung von Ortskernen zur Verfügung stellen. Doch kann die Wende zurück zu mehr lokalem Handel überhaupt noch gelingen? „Ja, wenn die Stadträte den Lockrufen der Investoren widerstehen und sich nicht gegenseitig Konkurrenz machen“, meint der Freyunger Bürgermeister Olaf Heinrich. Der CSU-Politiker und Bezirkstagspräsident von Niederbayern weiß, wovon er spricht. „Auch bei uns wurden Fehler gemacht“, sagt der 39-Jährige und erzählt von der Entwicklung eines Gewerbegebiets am Bahnhof unter seinem Vorvorgänger. „Das hat die Innenstadt extrem geschädigt. Dann haben wir die Handbremse gezogen.“ Seither würden keine Genehmigungen mehr für innenstädtisch relevanten Einzelhandel außerhalb des Zentrums erteilt.

Innenstadt revitalisiert

Als der inhabergeführte Edeka sich beispielsweise am Rand der 7300-Einwohner-Stadt erheblich erweitern wollte, machte der Stadtrat nicht mit. „Dafür haben wir eine Verkaufsfläche mit Tiefgarage in einem Neubau neben der Stadtpfarrkirche angeboten.“ Der Betreiber willigte ein. „Dass ein Edeka zurück in die Stadt geht, war ein Novum – aber es funktioniert.“ Durch den Supermarkt sei die Innenstadt revitalisiert worden. „Wer hier einkauft, geht gleich noch zum Blumenladen oder in den Schuhladen nebenan.“

Die Kommunalpolitik könne sich nicht aus der Verantwortung stehlen, sagt Heinrich: „Selbst wenn der Landtag einiges zu regeln hat: Wir vor Ort haben eine extreme Entscheidungsgewalt.“

Dass Mega-Supermärkte auf der grünen Wiese im Freistaat überhaupt möglich sind, geht auf den ehemaligen Wirtschaftsminister Martin Zeil zurück. Der FDP-Politiker erlaubte 2013 die Höchstverkaufsfläche für Lebensmittelvollsortimenter unabhängig vom Standort von 800 auf 1200 Quadratmeter zu erhöhen. Seither kann jede Gemeinde einen Supermarkt haben.

Ein fataler Fehler, wie Manfred Miosga, Professor für Stadt- und Regionalentwicklung an der Universität Bayreuth, findet: „Dies hat den Strukturwandel extrem beschleunigt. Im Wettbewerb um die Investoren nehmen sich die Kommunen gegenseitig die Butter vom Brot.“

Leidtragende des Konzentrationsprozesses im Lebensmittelhandel sind die „Tante-Emma-Läden“ – und die ältere Bevölkerung. „Rentner sind auf nachbarschaftliche Hilfe angewiesen, weil sie fußläufig keine Bank, keinen Bäcker, keine Post mehr finden und die Gewerbegebiete mit dem öffentlichen Nahverkehr schlecht zu erreichen sind“, sagt Miosga. Rund 1,2 Millionen Menschen müssten bereits mehr als drei Kilometer zum nächsten Laden mit breiterem Sortiment zurücklegen – doppelt so viele wie noch vor 15 Jahren.

Was das für das Gemeindeleben bedeutet? „Oft gibt es ohne den Supermarkt keinen Kommunikationsort mehr, wo sich die Bürger treffen“, sagt Olaf Heinrich. „Die Wirtshäuser sind schon lange dicht, in die Kirche gehen immer weniger Menschen und am Ende trifft man sich nur noch auf Beerdigungen.“ Licht am Ende des Tunnels ist laut Bernd Ohlmann, Sprecher des Bayerischen Handelsverbands, nicht in Sicht: „Der Trend ist: Die Big Player wachsen, die Kleinen bleiben auf der Strecke.“ Ist der örtliche Laden erst mal weg, machen auch die anderen Geschäfte nach und nach dicht. „Es ist eine Kettenreaktion.“

Oft nur Krokodilstränen

Wer allein der Politik den Schwarzen Peter zuschiebe, mache es sich daher zu einfach. „Leute, die ihrem Geschäft ums Eck nachtrauern, dort aber nur das beim Großeinkauf im Gewerbegebiet vergessene Katzenfutter besorgt haben, weinen Krokodilstränen“, sagt Ohlmann. „Viele Leute parken am liebsten an der Kasse, mögen weite Gänge und wollen aus fünf verschiedenen Sorten Klopapier wählen.“ Da hätten es kleine Geschäfte schwer. Vielerorts finde sich auch kein Nachfolger. „Tante Emma ist im Dilemma“, sagt Ohlmann. Nur wenn sich Kommunen, Wirtschaft und Bürger an einen Tisch setzen, könne sich etwas ändern. „Doch Einzelhandel bedeutet leider nicht selten einzeln handeln.“

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