Irrsinn in Irsching: Einem dringend gebrauchten Gaskraftwerk droht das Aus

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Das Kraftwerk Irsching sieht auf PR-Fotos gut aus, reißt aber bei Eon und den Stadtwerken Nürnberg und Darmstadt große Löcher. (Foto: Eon)
Schwäbische Zeitung

Der Energiekonzern Eon droht Bayern offen mit dem Abbau eines der modernsten Gaskraftwerke Deutschlands bei Ingolstadt. Damit eskaliert ein seit Monaten schwelender Streit zwischen Konzern und Staatsregierung. „Ich brauche Irsching 5 nicht“, sagte Eon-Vorstandschef Johannes Teyssen am Samstag bei einem Seminar in der Evangelischen Akademie Tutzing. „Ich könnte überlegen, Irsching 5 auseinanderzunehmen und da aufzubauen, wo die Kunden das wollen“, fügte Teyssen hinzu. Bis Ende des Monats werde Eon entscheiden, was mit dem Kraftwerk getan werde.

Der Freistaat Bayern lehnt die Stilllegung ab und will die Betreiber nun notfalls gesetzlich zwingen, Irsching in Betrieb zu halten. „Ich habe immer gesagt, Irsching darf nicht vom Netz gehen“, sagte Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) gestern. Das Kraftwerk sei für die Energieversorgung essenziell wichtig, darauf könne man nicht verzichten. Nun verhandeln Staatsregierung, Bundesnetzagentur und Kraftwerksbetreiber über eine Lösung. Und die könnte Signalwirkung für ganz Deutschland haben, denn Irsching ist kein Einzelfall:

Die 2010 in Betrieb gestellte 400Millionen Euro teure Anlage gilt als eines der modernsten Gaskraftwerke der Welt. Trotzdem müssen die Betreiber – neben Eon die Stadtwerke in Nürnberg, Frankfurt und Darmstadt – tiefrote Zahlen verkraften. Wegen der verstärkten Einspeisung von Wind- und Sonnenstrom im Zuge der Energiewende ist die 845-Megawatt-Anlage seltener als geplant am Netz. Statt wie geplant 4000 bis 5000 Stunden pro Jahr läuft Irsching derzeit nicht einmal 1000 Stunden. Denn selbst, wenn die erneuerbaren Energien nicht genug liefern, werden Kraftwerke zugeschaltet, die deutlich preiswerter produzieren als Irsching. Und hier wird es geradezu bizarr: Denn ausgerechnet die klimaschädlichen Braunkohlekraftwerke schlagen das sauberere Gas derzeit preislich um Längen. Grund: Kohle ist billig, und die Zertifikate für Kohlendioxidemissionen sind aktuell spottbillig.

Dringend gebrauchte Anlagen

Gleichzeitig sind sich Experten einig, dass ausgerechnet wegen der Energiewende Anlagen vom Typ Irsching dringender benötigt werden als je zuvor: Die modernen Kraftwerke können flugs hochfahren, wenn Wind und Sonne gerade keinen Strom liefern. Doch wegen des Einspeisevorrangs der erneuerbaren Energien müssen konventionelle Kraftwerke – ob mit Gas, Kohle oder Atomkraft betrieben – immer öfter abgeschaltet werden und verdienen kein Geld. Fast alle Neubauprojekte sind aktuell gestoppt – nicht nur in Deutschland. „Derzeit investiert keiner freiwillig in Kraftwerke“, sagt EU-Energiekommissar Günther Oettinger.

Die erneuerbaren Energien in Deutschland schaffen es mittlerweile zwar zeitweise – wenn die Sonne scheint und der Wind weht – den kompletten Bedarf zu decken. Nur: Der Strom kann nicht gespeichert werden, so dass dieselbe Stromkapazität auch auf andere Weise bereitstehen muss. Experten fordern nun, dass künftig nicht nur der verkaufte Strom, sondern auch für Wolken und Windstille bereit gestellte Reserven vergütet werden. Wer dieses „Marktdesign“ einer „Versicherungslösung“ bezahlen soll, ist unklar. Billig wird es nicht: Eon-Chef Teyssen beziffert die Kosten allein für Irsching auf 100 Millionen Euro pro Jahr.

In Berlin soll bis zum Sommer nach Zeils Worten eine Versicherungslösung erarbeitet werden. Die Zeit drängt, zumal 2015 und 2017 in Bayern weitere Atommeiler vom Netz gehen, die dann benötigten zusätzlichen Gaskraftwerke aber nicht in Sicht sind. Eine Idee ist, die Kapazitäten auszuschreiben. Wer die Kosten für die Ausschreibung am Ende aufgebürdet bekommt, darüber sind sich Zeil und Teyssen einig: Der Stromkunde und Steuerzahler.

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