Grüne gegen Bau neuer Gaskraftwerke

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 Das Gaskraftwerk Irsching im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm dient nur noch der Netzreserve und ist äußerst selten in Betrieb
Das Gaskraftwerk Irsching im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm dient nur noch der Netzreserve und ist äußerst selten in Betrieb. (Foto: dpa)
Ralf Müller

Die Errichtung zusätzlicher Gaskraftwerke in Bayern ist nach den Ergebnissen einer von den Grünen im Landtag in Auftrag gegebenen Studie überflüssig, wenn wie geplant Stromleitungen errichtet und die erneuerbaren Energien ausgebaut werden. Der Energieexperte der Fraktion Martin Stümpfig forderte am Mittwoch in München von der bayerischen Energiepolitik „klare Ziele und Investitionsentscheidungen“. Mit dem „Irrlichtern“ von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) zu diesem Thema könne es nicht weitergehen.

Für die Studie hat das Öko-Institut Freiburg zwei verschiedene Szenarien angenommen. Auch im ungünstigen Fall, der einen Ausbau der Windenergie von derzeit 2500 auf 4000 Megawatt und eine Ausweitung der Photovoltaik-Stromproduktion von heute knapp 12000 auf 20000 Megawatt bis 2035 vorsieht, würden keine neuen Gaskraftwerke benötigt, um den Strombedarf zu decken, sagte Öko-Institut-Bereichsleiter Christof Timpe.

Die bestehenden Blöcke 4 und 5 des oberbayerischen Gaskraftwerks Irsching würden nur für wenige Stunden des Jahres benötigt, sagte Timpe. Die beiden Blöcke sind seit 2013 in der Netzreserve und werden nur in Betrieb genommen, wenn sie vom Netzbetreiber Tennet zur Netzstabilisierung angefordert werden. Auch diese Nutzung ist seit 2013 stark zurückgegangen, obwohl die Atomkraftwerke Grafenrheinfeld (Landkreis Schweinfurt) und Grundremmingen (Landkreis Günzburg) abgeschaltet wurden.

Größere neue Gaskraftwerke würden ohnehin nur gebaut wenn es Bedarf dafür gäbe, teilte Wirtschaftsminister Aiwanger auf Anfrage mit. Man wolle aber in den nächsten Jahren Tausende dezentrale Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen in Bayern errichten; auch das seien überwiegend Gaskraftwerke „wenn man so will“. Wie sich dieser Bedarf in den nächsten 15 Jahren entwickele, könne heute nicht vorausgesagt werden. Es sei allerdings „verantwortungslos gegenüber dem Wirtschaftsstandort Bayern, neue Gaskraftwerke jetzt schon kategorisch auszuschließen“.

Sollte man in Bayern das Ziel der Stromautarkie anstreben, so wäre dies nach Ansicht des Öko-Institut-Bereichsleiters Timpes unökonomisch. Die besonders im Norden eingesetzte Windenergie sei leistungsfähiger als die mehr für den Süden geeignete Photovoltaik. Deshalb sei es aus Gründen der Kosteneffizienz sinnvoller, Strom aus dem Norden zu importieren als im Süden weitere Gaskraftwerke zu bauen.

Die Wirtschaft habe das längst erkannt, sagte der Grünen-Politiker Stümpfig. Die Planungen der OMV und der Stadtwerke Ulm für Gaskraftwerke seien eingestellt worden. Allerdings würden Milliarden-Investitionen für „fossile Gaskraftwerke“ erforderlich, sollte es bei der zögerlichen Politik der bayerischen Staatsregierung bleiben. Das derzeitige Ausbautempo der erneuerbaren Energien sei nicht annähernd ausreichend, so Stümpfig. Eine zentrale Rolle komme dabei dem Ausbau der Windkraft zu. Wenn man deren Leistung nicht mindestens vervierfache, würden große Mengen an Importstrom nötig – bei dessen Produktion würden aber CO-Emissionen erzeugt werden. Für die nächsten zehn Jahre hält Stümpfig 1500 zusätzliche Windkraftanlagen im Freistaat für notwendig. In jedem Landkreis des Freistaats müssten also noch 20Anlagen entstehen.

Wirtschaftsminister Aiwanger entgegnete, wenn der Plan der Grünen auf vielen neuen Windrädern und auf Stromtrassen beruhe, die vor Ort nur schwer durchsetzbar seien, dann sei „vieles auf das Prinzip Hoffnung ausgerichtet. Das ist zu wenig.“

Mit den 100 Windrädern, welche nach dem Klimaschutzkonzept der Landesregierung im Staatswald entstehen sollen, ist es nach Einschätzung des Grünen-Energieexperten Stümpfig nicht ansatzweise getan. Es verstehe sich von selbst, dass die einschränkende „10H“-Abstandsregelung für Windräder fallen müsse. Erst am Dienstag hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bekräftigt, diese Regelung habe sich bewährt und bleibe bestehen.

Bei der Berechnung des künftigen Strombedarfs hat das Öko-Institut nach Angaben Timpes einerseits einen steigenden Verbrauch etwa aufgrund der Elektromobilität eingerechnet, andererseits aber auch ein Potenzial von 20 bis 30 Prozent Einsparungen durch energiesparendere moderne Geräte berücksichtigt.

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