Gentleman mit unbändigem Ehrgeiz: Wolfgang Reitzle wird 70

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Wolfgang Reitzle
Wolfgang Reitzle, Aufsichtsratschef von Linde, sitzt auf einer Versammlung der Linde AG auf dem Podium. (Foto: Matthias Balk/Archiv / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Roland Losch

Eigentlich könnte Wolfgang Reitzle heute auf seinem Weingut in der Toskana im Schaukelstuhl sitzen und auf sein Lebenswerk zurückschauen. Als BMW-Vorstand und Linde-Chef hat er Millionen verdient, nächste Woche, am 7. März, wird er 70 Jahre alt. Aber Ruhestand ist nichts für den ehrgeizigen Schwaben. Er will schaffen und gestalten. Und erlebt gerade „einen zweiten Frühling“, wie einer sagt, der ihn lange kennt.

Denn als Linde-Aufsichtsratschef hat Reitzle die Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair zum Weltmarktführer für Industriegase gegen alle Widerstände durchgeboxt. Jetzt kann die neue Führungsmannschaft endlich an die Arbeit gehen. Als Chef des Board of Directors ist Reitzle nicht mehr bloß oberster Aufpasser, sondern kann auf Augenhöhe mit dem Vorstandschef Steve Angel agieren.

Bei mehreren anderen Unternehmen ist Reitzle ebenfalls ordentlich eingespannt. Beim Autozulieferer Continental ist er Aufsichtsratschef, beim Medienkonzern Axel Springer Mitglied des Aufsichtsrats - und beide Konzerne legen just an Reitzles Geburtstag am 7. März ihre Bilanzen vor. Viel Arbeit also. Aktionäre hatten die Mehrfachbelastung auf Hauptversammlungen kritisiert.

Er müsse sein Wissen und seine Erfahrung doch einbringen, hatte er mal erklärt. Reitzle ist ein Macher - energisch, zielgerichtet, immer mit Vollgas. Der Bergsteiger Reinhold Messner hatte nach mehreren Touren mit Managern dem „Playboy“ gesagt, Reitzle habe ihm besonders imponiert: „Immer picobello, immer schnell, immer elegant.“

Der 1,85 Meter große Gentleman mit dem Menjou-Bart - einem sehr schmalen Schnurrbart - kann über Luxus oder die Größe von Grabsteinen im antiken Griechenland genauso leidenschaftlich sprechen wie über seine Unternehmen. „Er vereint den Schwung eines jungen Start-up-Unternehmers mit der Erfahrung eines 70-jährigen Managers. Das ist schon ungewöhnlich“, sagt jemand aus der Industrie, der ihn kennt. Andere beschreiben ihn als Überzeugungstäter und Prototypen eines Anführers.

Wolfgang Reitzle ist in Ulm aufgewachsen, hat Maschinenbau studiert und mit Bestnote zum Dr.-Ing. promoviert. Schon mit 38 Jahren wurde er BMW-Vorstand, brachte den BMW X5 als ersten SUV auf den Markt. Sein schon sicher geglaubter Aufstieg zum BMW-Chef scheiterte 1999 jedoch am Widerstand der Arbeitnehmer - seine größte Niederlage, wie er später der „Süddeutschen Zeitung“ sagte.

Reitzle wechselte als Chef der Ford-Luxusmarken Jaguar, Aston Martin und Co. nach London und heiratete in zweiter Ehe die ZDF-Moderatorin Nina Ruge. 2003 ging er als Vorstandschef zu dem schwächelnden, von einer Übernahme bedrohten Gabelstapler- und Gasekonzern Linde - und machte daraus eine Goldgrube.

Er übernahm den größeren britischen Gasekonzern BOC und machte Linde zum Weltmarktführer. In den zwölf Jahren seiner Amtszeit verdoppelte er den Umsatz, verdreifachte den Gewinn und verzehnfachte den Börsenwert: von 2,7 auf 27 Milliarden Euro.

Und mit der Fusion von Linde und Praxair setzt er noch eins drauf. Mit 85 Milliarden Euro ist die Linde plc heute die Nummer zwei im Deutschen Aktienindex - und fast doppelt so viel wert wie sein früherer Arbeitgeber BMW.

Aber der Kampf um den Zusammenschluss hat Blessuren hinterlassen. Denn trotz seines Erfolgs reagiert Reitzle auf Kritik überraschend dünnhäutig. Als der erste Anlauf zur Fusion mit Praxair nach Krach im Vorstand 2016 scheiterte, kritisierten Investoren und Medien Chaostage bei Linde. Beim zweiten Anlauf Anfang 2017 gingen Gewerkschafter und Betriebsräte auf die Barrikaden, demonstrierten vor der Linde-Zentrale in München gegen „Monopoly-Spielchen“ und eine Gefährdung von 10 000 Arbeitsplätzen, gegen „Preixle“, Verrat und Kahlschlag. Reitzle zeigte sich beleidigt und gereizt. „Ich habe mich in die Buhmann-Rolle eingefunden“, sagte er auf der Hauptversammlung 2017.

Auf der letzten Hauptversammlung der alten Linde AG vor zwei Monaten in München beklagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, das sei nun „das letzte Kapitel eines traurigen Abschieds“ und kein rühmlicher Abgang. Reitzle hatte die Sache jedoch längst abgehakt. Nach der letzten Abstimmung verlas er das Ergebnis im Eiltempo und schloss die Veranstaltung mit den Worten: „Klappe zu, Affe tot. Wir sind dann mal weg.“

Reitzles Homepage

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