Gefahr im Untergrund: Warum in Bayern jetzt viele Wasserrohre ausgetauscht werden müssen

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So können Wasserrohre aussehen, wenn sie jahrzehntelang im Boden lagen. In Bayern müssen nun viele ersetzt werden.
So können Wasserrohre aussehen, wenn sie jahrzehntelang im Boden lagen. In Bayern müssen nun viele ersetzt werden. (Foto: Sebastian Heilemann)
Ulf Vogler

Sie sind weitgehend unsichtbar und trotzdem lebensnotwendig – die Wasserleitungen im Untergrund. Für die Städte und Gemeinden zählt das Rohrnetz zu dem größten und wichtigsten Vermögen, das aber auch leicht zu einer finanziellen Belastung werden kann. Denn die Leitungen und Kanäle haben eine begrenzte Nutzungsdauer. Tausende Kilometer Rohre sind in Bayern in die Jahre gekommen und müssen bald ausgetauscht werden.

Das Landesamt für Umwelt tourt deswegen durch den ganzen Freistaat und informiert Kommunalpolitiker und Behördenmitarbeiter. Doch auch private Immobilienbesitzer sind betroffen, denn in Einfamilienhäusern oder größeren Wohnanlagen müssen veraltete Rohre ebenfalls ausgetauscht werden.

Die Dimension der Aufgabe ist gewaltig: Nach Angaben des Landesamtes in Augsburg gibt es in Bayern rund 115 000 Kilometer öffentliche Trinkwasserleitungen und 105 000 Kilometer Entsorgungskanäle. Auf Privatgrund gibt es noch einmal etwa 250 000 Kilometer Abwasserleitungen.

Die Experten gehen davon aus, dass zehn bis 15 Prozent aller kommunalen Leitungen in den kommenden Jahren aus Altersgründen saniert werden müssen. „Sonst könnte eine Zunahme von Schäden und Rohrbrüchen die Bürgerinnen und Bürger unnötig belasten“, betont das Umweltamt. Aber auch die privaten Eigentümer seien gefordert: „Ein neuer öffentlicher Kanal nutzt wenig, wenn die damit verbundenen Grundstücksentwässerungsanlagen undicht sind.“

Um die Menschen vor Ort zu informieren, wurde die Initiative „Schau auf die Rohre“ gegründet. Seit mehr als einem Jahr gibt es Aktionstage in den verschiedenen Teilen des Freistaats. Die Infotour hat unter anderem bereits in Gemünden am Main, Schwabach, Herrsching am Ammersee, Burglengenfeld oder zuletzt in Memmingen Station gemacht. Die nächste Veranstaltung ist am 6. Februar 2020 im Rathaus in Pfaffenhofen an der Ilm geplant.

In der Regel müssten Rohre nach 50 bis 80 Jahren erneuert werden. Deswegen wird das Thema jetzt aktuell. „In den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren erfolgte großteils der flächige Ausbau von Kanal- und öffentlicher Trinkwasserversorgung in Bayern“, erklärt Karl Schindele vom Wasserwirtschaftsamt in Kempten. „Etwa 30 Prozent unserer Leitungen sind heute älter als 40 Jahre.“

Besonders um kleinere Gemeinden bei der Aufgabe zu unterstützen, hat die Staatsregierung eine Härtefallförderung ins Leben gerufen. Bis zu 70 Millionen Euro stehen pro Jahr dafür zur Verfügung.

Vom Abkochen zum Chloren

Wenn Probleme mit der öffentlichen Wasserversorgung bekannt werden, hat das für die Bürger unangenehme Folgen und sorgt häufig für Ärger. Immer wieder werden in Gemeinden Keime im Wasser entdeckt, dann folgt üblicherweise eine Abkochanordnung als Sofortmaßnahme. Wenn das Problem nicht kurzfristig abgestellt werden kann, wird Trinkwasser auf Anordnung des Gesundheitsamtes gechlort – eine überaus unbeliebte Maßnahme, die oftmals zu Kritik führt und Jahre dauern kann.

Allein im Landkreis Augsburg musste in den vergangenen Jahren in drei Kommunen – Dinkelscherben, Diedorf und Gersthofen – zu dieser Maßnahme gegriffen werden. Diese Fälle zeigen aber auch, dass nicht nur veraltete Rohre ein Problem für die Wasserqualität sein können. Die Ursachenforschung ist komplex und häufig werden mehrere potenzielle Schwachstellen im Trinkwassersystem entdeckt.

Ein Problem für belastetes Wasser sind häufig sogenannte Totleitungen, die früher oft in öffentlichen und privaten Netzen montiert wurden. Es handelt sich um verschlossene Rohre, an die später eventuell eine neue Verbrauchsstelle angeschlossen werden soll. Bis dahin steht das Wasser aber in diesen Leitungen, die so eine Brutstätte für Krankheitserreger werden können. In den betroffenen Orten im Kreis Augsburg müssen deswegen Totleitungen nun wieder aufwendig entfernt werden.

Doch auch in Wohnungen drohen Probleme, wenn marode Leitungen nicht ausgetauscht werden – insbesondere Rohrbrüche. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft registriert jährlich rund 1,1 Millionen Leitungswasserschäden, die etwa 2,3 Milliarden Euro Kosten verursachen. Der Verband empfiehlt, nach 30 Jahren Rohre überprüfen zu lassen. Besonders betroffen von den Wasserschäden sind nach der Statistik der Versicherer die alten Bundesländer. Grund dafür sei, dass in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung viele Häuser von Grund auf saniert worden seien und so über neuere Technik verfügen.

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