Gauweiler: „Merkel hat es im Wellenreiten zur Weltmeisterschaft gebracht“

Lesedauer: 11 Min
 Peter Gauweiler
Peter Gauweiler war und ist ein ebenso prägender und polarisierender Kopf der CSU. Er findet, die schwächelnden Volksparteien sollten ihre Profile stärker betonen. (Foto: dpa)
Florian Kinast

Promenadeplatz 9, vierter Stock, gegenüber vom Bayerischen Hof. Die Kanzlei von Peter Gauweiler, das Zimmer holzvertäfelt, an der Wand Ölgemälde vom Chiemsee und der Maximiliansbrücke, daneben ein Foto seiner vier Kinder. Der CSU-Politiker und Anwalt, der an diesem Samstag seinen 70. Geburtstag feiert, empfängt zum Interview. Aber allzu feierlich-zurückhaltend gibt sich der CSU-Mann im Gespräch mit Florian Kinast nicht.

Herr Gauweiler, Sie werden gerade mal 70. Warum fühlen Sie sich denn schon uralt?

Hab ich das gesagt?

Ja, vor vier Wochen in einem Radiointerview.

Richtig, im Schweizer Rundfunk. Im Mai an der Uni Zürich hielt ich einen Vortrag über die Rolle Europas als Schweiz der Welt. In einem Gespräch davor im Radio ging es heftigst um die nächste Generation und die Zukunft – in dem Zusammenhang kam offensichtlich mein Geständnis: Ich bin uralt.

Sie erwähnten im gleichen Atemzug, dass Sie schon seit mehr als 50 Jahren CSU-Mitglied sind. Hat Ihre Partei Sie so altern lassen?

Eigentlich nicht. Auch die Partei selbst ist zum großen Teil immer noch die CSU, in die ich 1968 eingetreten bin. Vieles ist wie damals: der Bayern-Stolz. Der Eigensinn. Das Bei-sich-selbst-Gebliebene. Die schnelle Erregbarkeit, die dann aber auch ganz schnell wieder verraucht. Unverkennbare Merkmale der Partei – damals wie heute.

Eine ihrer Kernkompetenzen schien die CSU zuletzt aber verloren zu haben. Das Gespür fürs Volk. Den Menschen zumindest das Gefühl zu geben, sie zu verstehen. Sie haben dafür auch Horst Seehofer nach dem Bundestagswahldebakel 2017 heftig kritisiert.

Franz Josef Strauß hat immer gesagt: Stammkundschaft geht vor Laufkundschaft. Das darf nie vergessen werden. Wenn man in Bayern einmal die SPD als Wasserscheide nimmt: Die SPD und links davon ein Drittel, rechts davon zwei Drittel. Von der Rechts-Links-Stimmung her ist das heute noch immer so. Nur decken wir das parteipolitisch nicht mehr ganz ab. Das ist für uns Krise und Wachstumschance zugleich, und es wird ja schon wieder besser.

Eine schwere Krise erleben gerade die Volksparteien. Wie erklären Sie sich den Niedergang von Union und SPD angesichts der Ergebnisse bei der Europawahl?

Zunächst einmal, die CSU hat diesen Abwärtstrend nicht bestätigt. Im Gegenteil: In Bayern lagen wir schon wieder bei über 40 Prozent. Ich finde auch, dass Söder eine immer bessere Figur macht. Das Problem von CDU und SPD ist: Die Stammkundschaft weiß nicht mehr, wofür die betreffende Partei noch steht. Ich nehme da gern einen Vergleich zur Musik: Jede Partei hat eine eigene Tonart, eine Erkennungsmelodie. In den letzten Jahren gab es zu viel atonale Musik.

Sie haben die Akkorde nicht mehr getroffen?

Noch besser. Was immer mehr fehlt, ist die Bereitschaft, Unterschiede herauszuarbeiten und dazu zu stehen. Dazu kommt noch das Schwinden der Fähigkeit zur Problemlösung. Wenn sich zeigt, dass das Staatsmanagement nicht mal mehr fähig ist, trotz großartiger Ankündigungen und wichtigtuerischer Auftritte von Polit-Kohorten einen Flughafen zu bauen, ist die Glaubwürdigkeit dahin.

Was muss also passieren in der Politik?

Mehr Fantasien und Ideen. Mehr argumentatives Pro und Kontra und dann gemeinsam große Dinge tun. Und nicht wie jetzt die Hemdknöpfe in den falschen Löchern lassen und verkünden, so herumzulaufen sei alternativlos.

Ein Lieblingsschlagwort unserer Kanzlerin. Im Spätherbst ihrer Amtszeit, wie fällt Ihr Resümee über Angela Merkels Kurs der letzten 14 Jahre aus?

Kurs? Sie hat einen guten Stil, aber keine durchgehaltene Linie. Merkel hat es im Wellenreiten als politische Fortbewegung zur Weltmeisterschaft gebracht. Mal hierhin, mal dorthin. Kam der Wind und mit ihm die Welle dann von der Seite, dann eben in die andere Richtung. Wieder andererseits ist es eine wirkliche Leistung, sich in diesem maskulin geprägten Amtsgeschäft so stabil auf dem Brett zu halten. Fast ein bisschen wie Maria Theresia.

Wer könnte Merkel denn beerben? Kann AKK Kanzler?

(langes Schweigen) Ich dachte, das soll ein entspanntes Geburtstagsinterview werden. Ich finde, Edmund Stoiber hatte ganz recht, als er neulich Primaries nach amerikanischem Vorbild anregte. Innerparteiliche Vorwahlen, bei denen sich entscheidet, wer als Kanzlerkandidat ins Rennen geht. So wie zuletzt Bernie Sanders gegen Hillary Clinton. Das hätte was Demokratisches. Aber nicht wieder, dass irgendwo am Schwielowsee unter fünf Leuten ausgemauschelt wird, wer kandidieren darf.

Oder unter vier Augen bei einem Frühstück in Wolfratshausen.

Richtig. Oder ob die Kandidatenfrage davon abhängig ist, ob Herr Merz auf einen Anruf von AKK Chancen hat oder nicht. Wir brauchen ganz im Ernst so einen Wettbewerb, bei dem sich die Bewerber präsentieren und ihre Standpunkte verdeutlichen können. Und der oder die mit den meisten Stimmen geht dann ins Rennen.

Gut, jetzt aber doch zu Ihrem runden Geburtstag. So ein Jubiläum ist ja auch immer Anlass zurückzublicken auf ein Leben.

Das klingt jetzt schon fast wie ein Nachruf.

Damit lassen wir uns noch Zeit.

Dann bin ich beruhigt.

Wenn Sie reflektieren über Ihre Wandlung vom Law-and-Order-Hardliner der 1980er-Jahre hin zu einem der wenigen konservativen Intellektuellen, der sich in kein Lager zwängen lässt und mit Oskar Lafontaine befreundet ist. Wie erklären Sie sich die Metamorphose?

In der Aids-Debatte von damals räume ich gern Fehler in der Sensibilität ein. Aber in der Sache hatten wir leider recht: Dass der Rechtsstaat und seine Gesundheitsämter eine damals todbringende Infektion nicht mit ein paar Broschüren abtun dürfen. Aber es ist des Lernens im Leben kein Ende. Auch ich musste immer wieder dazulernen und das hat mir gutgetan. Darum ist, was Sie beschreiben, für mich keine Wandlung, sondern eine Erfahrung.

Schmerzt es Sie noch, dass es Ihnen durch den vorzeitigen Tod Ihres Mentors Strauß verwehrt blieb, von ihm als Nachfolger installiert zu werden, bevor Sie von Stoiber eiskalt abserviert wurden?

Eugen Roth hat mal gesagt: Der Mensch blickt auf die Zeit zurück und sieht, das Unglück war sein Glück. Alles gut so, wie alles gelaufen ist.

Damals träumten Sie aber schon davon, Ministerpräsident werden.

…mindestens Bundeskanzler…

War der Abschied vom Bundestag 2015 eine Erleichterung?

Ich war gerne Volksvertreter und es war mir eine Ehre. Den dortigen Alltag vermisse ich nicht. Ich bin zweimal die Woche hin, mit der furchtbaren Frühmaschine um 6.10 Uhr. Und dann kommst du um kurz nach acht an den Reichstag mit deiner lange vorbereiten großen Rede, warum du gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan bist, und dann wird dir gesagt: „Du, Peter, wir haben dich von der Rednerliste gestrichen.“ Dafür sprach dann die sehr nette Frau Hasselfeldt. Dann schmeißt du halt die Rede wieder weg. Aber Spaß macht das keinen mehr. Ich wollte ja Parlamentarier sein. Parlare heißt sprechen. Und nicht Stühle absitzen und Ja und Amen sagen.

Haben Sie jetzt wieder mehr Zeit fürs Privatleben, Ihre Frau Eva und Ihre vier Kinder?

Die Zeit habe ich mir schon immer genommen. Mein heimatliches Biotop habe ich schon immer gebraucht. München und das ganze Oberland.

Von Seehofer weiß man, dass er eine Modelleisenbahn im Keller hat. Was sind eigentlich Ihre Hobbys?

Bayern und seine Geschichte. Da waren großartige Typen. Ob Max Emanuel, Tassilo oder die Agnes Bernauer. Darüber nachzudenken und zu schreiben, das ist für mich wie für andere ein Bild zu malen.

Gibt es eine große Geburtstagsfeier?

Ja, ich habe ein paar Freunde zu einem Sonnwendfeuer mit den Gebirgsschützen eingeladen.

Macht Ihnen die Zahl 70 etwas aus?

Nein. Der letzte runde Geburtstag, der mich irritierte, war der Vierziger. Weil ich da noch das Gefühl hatte, ich hätte gerade eben erst Abitur gemacht und komme trotzdem schon ins fünfte Lebensjahrzehnt. Ich kann mich noch an den Siebzigsten meines Opas erinnern, der hieß Ludwig, war ziemlich lustig, aber kam mir damals schon ziemlich alt vor. Und damit zurück zu Ihrer Einstiegsfrage: Nein, ich fühle mich jedenfalls heute nicht uralt. Ich bin blutjung.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen