Forscher legen Studie zu bettelnden Roma vor

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Einer Studie der Landesregierung zufolge sind in Vorarlberg täglich bis zu 80 Bettler aus rumänischen Roma-Familien unterwegs. T
Einer Studie der Landesregierung zufolge sind in Vorarlberg täglich bis zu 80 Bettler aus rumänischen Roma-Familien unterwegs. Teilweise sind sie auch in Lindau, Wasserburg oder Wangen aktiv. (Foto: Archiv: dpa)
Uwe Jauß

Mindestens 80 Bettler aus rumänischen Roma-Familien waren im ersten Halbjahr im Durchschnitt täglich in Vorarlberg aktiv. Hinzu kamen noch gut 20 Menschen aus diesen Kreisen, die eine Straßenzeitung verkauften. Dies ergab eine jetzt in Bregenz vorgestellte Untersuchung der Fachhochschule Vorarlberg. Sie wurde von der Landesregierung in Auftrag gegeben. Auslöser dafür waren die Querelen um die Räumung eines Roma-Lagers im Winter bei den Bahnanlagen von Dornbirn gewesen.

Vorarlberg ist seit einigen Jahren Ziel von rumänischen Roma-Familien. So fielen etwa 2013 von ihnen gebildete Waldlager beim Grenzort Lochau auf. Bereits seinerzeit zeigte sich, dass diese Roma am östlichen Bodenseeraum grenzüberschreitend operieren. Sie wurden etwa bettelnd in Lindau, Wasserburg und Wangen angetroffen. Die zuständigen Polizeidienststellen in Vorarlberg, Bayern und Baden-Württemberg verzeichneten auch einen Anstieg von sogenannten Einschleichdiebstählen. In solchen Fällen nutzt eine Person beispielsweise offen stehende Haustüren, um im Flur schnell zuzugreifen.

Junge Männer als Problemfall

Die Täter wurden damals von der Polizei grob osteuropäischen Banden zugeordnet. Dass es sich um die jetzt untersuchte Personengruppe handeln könnte, schloss Erika Geser-Engleitner weitgehend aus. Sie ist Professorin an der FH Vorarlberg und Autorin der Studie. Nach ihren Worten sind ganz unterschiedliche Gruppen unterwegs. Längst nicht alle seien Roma. Und bei ihnen müssten junge, dynamisch auftretende Männer gesondert betrachtet werden. Hier gebe es eher eine Neigung zur Kleinkriminalität.

Anders gelagert sei der Fall bei Familien, wie sie im vergangenen halben Jahr in Vorarlberg anzutreffen gewesen seien. Sie beschränkten sich auf Bettelei, den Verkauf von Straßenzeitungen und – wenn möglich – auf Gelegenheitsarbeiten.

Zehn bis 30 Euro Einnahmen

Geser-Engleitner benutzte den Begriff Notreisende, um diese Familien zu charakterisieren. Sie machte auf die ärmlichen Verhältnisse aufmerksam, in denen die Roma in Rumänien zu leben hätten. Diese würden von der Mehrheitsbevölkerung diskriminiert und würde ihre Chancen im westlichen Europa suchen. So seien zahlreiche Familienangehörige in den vergangenen Jahren in Italien gewesen. Wegen der zunehmenden Konkurrenz durch bettelnde Migranten hätten dort aber die Verdienstmöglichkeiten abgenommen, sagte die Professorin. Über die Schnellbusverbindung von Mailand nach Dornbirn, so Geser-Engleitner, sei es dann zur Entdeckung der Möglichkeiten in Vorarlberg gekommen.

Insgesamt hätten gemäß der Studie während des Erfassungszeitraums rund 200 Roma von der Bettelei und dem Straßenzeitungsverkauf gelebt. Die täglichen Einnahmen eines Bettlers seien im Bereich von zehn bis 30 Euro gewesen. Als Hochburgen der Aktivitäten gelten die Landeshauptstadt Bregenz und Feldkirch. Hierarchisch organisiertes Banden-Betteln konnte Geser-Eng-leitner bei den Familiengruppen nicht feststellen.

Mehrheitlich Analphabeten

Laut ihren Angaben würden die betreffenden Roma durchaus gerne regulär arbeiten. In Befragungen hat sich aber ergeben, dass es sich bei 64Prozent um Analphabeten handele. Diejenigen, die eine Schule besucht haben, hätten dies teilweise gerade mal für zwei Jahre getan. Ganz schlecht sei die Lage bei Frauen. Hier könne praktisch komplett von einer Null-Bildung ausgegangen werden. Wie Geser-Engleitner sagt, liege dies zu einem großen Teil in den Roma-Traditionen begründet. Sie würden für Mädchen keinen Schulbesuch vorsehen.

Die für soziale Angelegenheiten zuständige Vorarlberger Landesrätin Katharina Wiesflecker (Grüne) forderte nach der Vorstellung der Studie die Vorarlberger auf, den Bettlern tolerant zu begegnen. Sie gab bekannt, dass die Landesregierung für die Roma-Familien im nächsten Winter Notschlafstellen zur Verfügung stellen wolle.

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