Erschütternder Prozess um Kindesmissbrauch

Lesedauer: 6 Min
Illustration Gericht
Eine modellhafte Nachbildung der Justitia steht neben einem Holzhammer und einem Aktenstapel. (Foto: Volker Hartmann / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Britta Schultejans

Jahrelanger, hundertfacher Missbrauch - und die jüngsten mutmaßlichen Opfer waren erst fünf Jahre alt: Es sind entsetzliche Vorwürfe, mit denen das Landgericht München II sich von diesem Mittwoch an befassen muss. Ein 56 Jahre alter Mann aus dem Landkreis Starnberg soll seine Stief-Enkel und deren Freunde immer wieder auf massivste Art und Weise missbraucht haben. Ihm wird auch Vergewaltigung vorgeworfen.

Die Staatsanwaltschaft listet mehr als 700 Fälle auf. Laut Anklage erlitten die Kinder teils heftige Schmerzen. Einen Jungen soll der Angeklagte nicht nur zu Hause und im Wald, sondern auch in einer Kirche missbraucht haben. Wenn sein Stief-Enkel nicht mitmachen wollte, habe er ihm gedroht, das Lieblingskuscheltier wegzunehmen, ihn zwei Tage in sein Zimmer einzusperren oder seiner Mutter wehzutun, so heißt es in der Anklage.

Von Zwang will der deutsche Angeklagte allerdings nichts wissen, wie er vor Gericht betont. „Ich hasse Gewalt“, sagt er. „Ich habe auch die Kinder niemals geschlagen und niemals zu irgendwas gezwungen. Das ist eine freie Erfindung.“ Als der Staatsanwalt die Anklage verliest, schließt der Angeklagte die Augen und schüttelt immer wieder den Kopf. Er habe Kinder nie mit Süßigkeiten bestochen. „Ich bin Diabetiker.“ Und überhaupt sei er nach einer Operation schon jahrelang impotent. „Gerauft“ habe er manchmal mit ihnen.

Das, was er über seine Kindheit und Jugend erzählt, ist ebenso erschreckend wie das, was der Staatsanwalt in seiner Anklage verliest. Er selbst habe als Kind in verschiedenen Kinderheimen Gewalt erfahren, sagt der Angeklagte - und auch Missbrauch. „Alles, was mir vorgeworfen wird, ist mir da passiert“, sagt er. „Ich hab' da keine Schmerzen gehabt. Ich hab' halt gedacht, der hat mich lieb - fertig.“

Er berichtet von massivem Missbrauch durch mehrere Erzieher, und auch eine Nonne habe sich an ihm vergangen. Seine erste sexuelle Erfahrung habe er mit elf Jahren mit einer Erzieherin gehabt - ganz freiwillig. „Ich bin halt auf sie gestanden.“ Er schildert „Sexpartys“, zu denen die Erzieher Männer in das Kinderheim holten, damit sie sich dort an den Jungen vergehen konnten - und dass sie „zum Anschaffen nach München“ gefahren worden seien.

Als Gewalt habe er das alles aber nur selten empfunden, sagt der Angeklagte - eher als Zuneigung. „Ich hab mich halt geborgen gefühlt. Die waren nett zu mir, die haben mich in den Arm genommen und haben mir Sachen gegeben und versprochen.“ Trotzdem habe er schon in der Jugend mehrfach mit teils drastischen Mitteln versucht, sich das Leben zu nehmen, sagt der 56-Jährige. „Aber verreckt bin ich nicht.“

Der Angeklagte beruft sich auch auf Erinnerungslücken. Er wolle aussagen - „so gut ich mich erinnern kann“. Aus Sicht seiner Anwältin, die vor Prozessbeginn nach Gerichtsangaben eine Einigung, einen sogenannten Deal, ins Gespräch brachte, bestehen Zweifel daran, ob er verhandlungsfähig ist. Außerdem sei er ein Hochrisikopatient. Wegen des grassierenden Coronavirus erscheint der 56-Jährige mit Atemschutzmaske vor Gericht. Die Erinnerungen, die er teilt, fallen allerdings oft sogar sehr detailliert aus.

Der Angeklagte äußert sich am ersten Prozesstag noch nicht konkret zu den Vorwürfen gegen ihn. Es geht zunächst nur um seine persönlichen Angaben. Das, was er laut Anklage mit seiner Stief-Enkelin und seinem Stief-Enkel, die von ihrer Geburt an in seinem Haus lebten, und zwei etwa gleichaltrigen Freunden gemacht haben soll, wird zunächst nur gestreift. Zwang habe er Kindern nie angetan, betont der 56-Jährige mehrfach. Die könnten ja im übrigen auch schon früh entscheiden, was sie wollen und was nicht.

Einmal schildert er, wie seine Stieftochter, die Mutter seiner beiden mutmaßlichen Opfer, sich ihm anvertraute. Sie sei selbst von ihrem Stiefvater missbraucht worden, sagt der Angeklagte. Das mache ihr heute noch furchtbar zu schaffen - „weil es wirklich ungewollt war“.

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen