Eine Mahnung für mehr Wachsamkeit gegen rechts

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Zwei Geschwister von Robert Höckmayer waren bei dem Anschlag getötet worden – auch an sie erinnert die neue Gedenktafel im Münch
Zwei Geschwister von Robert Höckmayer waren bei dem Anschlag getötet worden – auch an sie erinnert die neue Gedenktafel im Münchener Rathaus. (Foto: patrik stäbler)
Patrik Stäbler

Eine Gedenktafel am Münchner Rathaus erinnert 38 Jahre nach dem Anschlag eines Rechtsextremisten auf das Oktoberfest an die Opfer der Tat. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) enthüllte die Tafel am Dienstag. Zwölf Menschen wurden bei dem Attentat getötet.

Darunter auch zwei Geschwister von Robert Höckmayr. Der 26. September 1980 ist ein lauer Spätsommertag, Höckmayr und seine Geschwister steuern auf den Ausgang zu. „Wir hatten gebrannte Mandeln gekauft“, erzählt Höckmayr, damals elf Jahre alt. „Und wir wollten die leeren Tüten in den Abfalleimer werfen.“

Was weder die Geschwister noch sonst einer der Aberhunderten Wiesn-Besucher hier am Haupteingang wissen: In diesem Papierkorb steckt eine Mörsergranate, gefüllt mit 1,3 Kilogramm Sprengstoff. Um 22.19 Uhr – Ilona (7) und Ignaz (6) laufen voran, dahinter Willi (14), Sissi (10) und Robert – explodiert die Rohrbombe mit einem gewaltigen Knall. Die Druckwelle schleudert die beiden Jüngsten durch die Luft; auch Robert wird wie von unsichtbarer Hand nach hinten katapultiert. Im nächsten Moment sei alles voller Blut gewesen, Menschen schreien um Hilfe. „Ich kann mich noch an alles erinnern“, sagt Robert Höckmayr 38 Jahre später. „Das vergisst man nie.“ Es ist der bis dahin schlimmste Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Auch der mutmaßliche Bombenleger, der Rechtsextremist Gundolf Köhler, ist unter den zwölf Toten. 211 Wiesn-Besucher werden verletzt, 68 davon schwer. Auch Ilona und Ignaz sterben an jenem Abend; die anderen zwei Geschwister von Robert Höckmayr nehmen sich später das Leben.

Das Attentat habe seine Familie zerstört, sagt der Münchner. Noch heute vergehe kein Tag, an dem er nicht an das Unglück denke. „Da reicht es, wenn ich einen Heliumballon sehe“, sagt er, „denn die hatten wir uns damals gekauft“. Um an das Attentat zu erinnern, hat die Stadt München 1981 ein Denkmal am Tatort aufgestellt – eine Stele, die 2008 um eine halbrunde Stahlwand ergänzt wurde. Einmal im Jahr kommt Höckmayr hierher, zum offiziellen Gedenk akt. Ansonsten meidet er diesen Ort, weil er – so wie viele Betroffene – die Form des Gedenkens als unwürdig empfindet. „Es ist demütigend und diskriminierend“, sagt er. „Ich kenne kein anderes Denkmal, an das regelmäßig uriniert und gekotzt wird.“

Auch wegen dieser Kritik hat die Stadt nun einen neuen Ort des Gedenkens geschaffen – auf Initiative der Betroffenen hin, die bei der Gestaltung miteinbezogen wurden. Ihnen war es unter anderem wichtig, dass auf der Gedenktafel die Opfer im Vordergrund stehen – und dass der rechtsextreme Hintergrund der Tat explizit genannt wird. „Ihr unbeachtetes Leid mahnt uns zur Fürsorge“, heißt es auf der Steintafel, die nun im Prunkhof des Münchner Rathauses hängt. Und weiter: „Rechtsextreme Taten fordern unsere Wachsamkeit. München erinnert an alle Betroffenen und Todesopfer des Oktoberfest-Attentats vom 26. September 1980.“

Umstände nicht komplett geklärt

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sprach am Dienstag bei der Enthüllung der Tafel von „Versäumnissen in der Vergangenheit“, deretwegen man nun eine „angemessene Form des Gedenkens an einer zentraleren Stelle als bisher“ geschaffen habe. Zudem kündigte er eine Umgestaltung der Gedenkstätte an der Theresienwiese an, um diese „erkennbarer und würdiger“ zu machen.

Reiter betonte, dass die Hintergründe des Anschlags auch 38 Jahre nach der Tat noch nicht restlos aufgeklärt seien – „vor allem was mögliche Drahtzieher aus rechtsextremen Kreisen betrifft“. So hieß es 1982 im Abschlussbericht der Ermittler zwar, dass Gundolf Köhler – ein Anhänger der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann – den Anschlag alleine geplant, vorbereitet und ausgeführt habe. Doch das wurde immer wieder bezweifelt; im Dezember 2014 hat der Generalbundesanwalt die Wiederaufnahme der Ermittlungen angeordnet. „Die juristische Aufklärung muss weitergehen“, forderte Reiter.

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