Die Einstiche kommen näher

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So bedrohlich sieht die Tigermücke in Übergröße aus. Das Modell steht im Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt.
So bedrohlich sieht die Tigermücke in Übergröße aus. Das Modell steht im Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt. (Foto: Senckenberg Naturmuseum)
Schwäbische Zeitung
Ralf Müller

Mit dem Beginn der warmen Jahreszeit haben die Gesundheitsbehörden in Italien, Österreich und der Schweiz ein wachsames Auge auf einen ungebetenen Gast: Die asiatische Tigermücke (Aedes albopictus beziehungsweise Stegomyia albopicta) scheint im Zuge der Klimaerwärmung und des lebhaften Reise- und Handelsverkehrs immer weiter nach Norden vorzurücken.

Was sie so gefährlich macht: Sie kann das Zika-Virus, das in Brasilien zeitweise sogar die Olympischen Spiele in Frage stellte, aber auch die Erreger des Dengue-Fiebers und das Chikungunya-Virus übertragen. Dies wurde bisher in Europa allerdings noch nicht nachgewiesen.

Das Tier selbst allerdings hat Deutschland längst erreicht. Exemplare wurden schon vor einiger Zeit im Raum Freiburg entdeckt. Im Schweizer Tessin wurde das tropische Insekt schon 2003 gesichtet. Geradezu rasant hat sie sich in Italien ausgebreitet. Begleitet wird die Tigermücke von nicht weniger unerwünschten Artgenossen, nämlich der japanischen Buschmücke (Ochlerotatus japonicus), die die japanische Encephalitis und das West-Nil-Virus übertragen kann, sowie die Malariamücke (Anopheles), so Markus Frühwein, Vorstand der Bayerischen Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen

Insektensuche an Raststätten

Zu Panik ist nach Ansicht der Tropenmediziner kein Anlass, wohl aber zur Vorsicht. Denn um gefährlich zu sein, müssten sich zufällig ein Mückenweibchen bei der Blutmahlzeit bei einem Menschen mit einem nach Europa importierten Virus infiziert haben. Dennoch will Tirols Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg eine Ansiedlung des Insekts verhindern. Die Landesregierung bereitet derzeit eine wissenschaftlich begleitete Überwachung der Mücke vor, die im Mai starten soll. Schwerpunktmäßig wird um Raststätten und Autobahnparkplätzen gesucht, da das Insekt meistens als blinder Passagier mit Pkw und Lkw aus Italien einreist.

Die Ausbreitung der tropischen Mückenarten in Mitteleuropa komplett zu verhindern, wird nach Ansicht von Fachleuten allerdings nicht möglich sein. Die schnelle Ausbreitung der Tigermücke von Italien über die Schweiz und Österreich bis nach Süddeutschland erklären Forscher mit ihrer hohen Reproduktionsrate. Außerdem besiedelten die Insekten städtische Gebiete, in denen es kaum Fressfeinde gibt.

Der Siegeszug der potenziell gefährlichen Tropen-Mücken nach Mitteleuropa könnte bald für die ungezählten Gartenteich-Liebhabern zum Problem werden. Schon wird in der Schweiz und Österreich davor gewarnt, bei der Gartengestaltung stehende Gewässer vorzusehen. „Nur wenige Millimeter Wasser reichen für diese Mücke aus, um sich zu vermehren“, sagt die Schweizer Biologin Eleonora Flaco. Auch Autoreifen, vergessenes Kinderspielzeug, Regenrinnen, Vogeltränken, Gieskannen oder Abdeckplanen können das die erforderlichen Pfützen zur Vermehrung der Mücke vorhalten.

Bayern hält Gefahr für gering

Beim bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) teilt man die Besorgnisse der Gesundheitsbehörden in den südlichen Nachbarländern nicht so ganz. Für die bayerische Bevölkerung bestehe weder in diesem noch in den nächsten Jahren eine realistische Gefahr, an verschiedenen durch die Tigermücke übertragenen Infektionen zu erkranken.

Weder hätten sich die Insekten in Deutschland bisher „etablieren“ können noch sei in der Bevölkerung ein „kritisches Erreger-Reservoir“ vorhanden, so das LGL: Soll heißen: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine zugewanderte Mücke einen bereits infizierten Menschen sticht und den ebenfalls eingeschleppten Virus so weiter verbreitet, ist verschwindend gering.

Vorsorgliche Warnung

Aber auch in Bayern werden Gartenbesitzer gemahnt, Stechmücken nicht ungewollt paradiesische Brutbedingungen zu bieten. Man solle „unnötige Feuchthabitate in der Nähe von menschlichen Ansiedlungen“ tunlichst vermeiden, so das LGL.

Entwarnung für Bayern und Deutschland gibt es nur für die nächsten Jahre. Modellrechnungen hätten ergeben, dass – bei ungehindertem Verlauf –eine großflächige Verbreitung der Tigermücke im Rahmen der Klimaerwärmung zur Mitte des Jahrhunderts wahrscheinlich sei.

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