Debatte um Christkind mit Migrationshintergrund: „Heulen über so viel Menschenfeindlichkeit“

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Neues Nürnberger Christkind gibt Pressekonferenz
Das neugewählte Nürnberger Christkind, Benigna Munsi, gibt nach dem Eklat wegen eines rassistischen Kommentars auf der Facebook-Seite eines AfD-Kreisverbands eine Pressekonferenz. (Foto: Nicolas Armer)
Landesdienst Bayern
Herbert Mackert

Den Trubel um ihre Hautfarbe nimmt Benigna gelassen. Für die in den nächsten zwei Jahren vor ihr liegenden Aufgaben als frisch gewähltes Nürnberger Christkind sei sie jetzt sogar noch motivierter. „Es tut mir leid für die Menschen, die mit so einer Sicht durch die Welt gehen und sich nicht mit offenen Augen auf das fokussieren können, was wichtig ist, vor allem in der Weihnachtszeit“, sagt sie am Sonntag in einer extra einberufenen Pressekonferenz im Nürnberger Rathaus.

Die 17-Jährige war am Mittwoch von einer Jury, der Vertreter der Stadt und Journalisten angehören, einstimmig zum neuen Christkind von Nürnberg gewählt worden. Zuvor hatte sie mit weiteren Bewerberinnen in Online-Votings und bei Zeitungslesern die meisten Stimmen auf sich vereint. Einen Tag später postete der AfD-Kreisverband München-Land Benignas Bild und schrieb darüber in Anspielung auf die Ureinwohner Amerikas: „Nürnberg hat ein neues Christkind. Eines Tages wird es uns wie den Indianern gehen.“ Hunderte Internetnutzer verteidigten die junge Frau daraufhin; der AfD-Kreisverband löschte die umstrittene Mitteilung später und entschuldigte sich.

Munsi ist gebürtige Nürnbergerin, ihr Vater ist indischer Herkunft und besitzt nach eigenen Angaben seit 1999 ausschließlich die deutsche Staatsbürgerschaft, auch ihre Mutter ist Deutsche.

„Man müsste lachen, wenn man nicht wüsste, dass diese Typen es ernst meinen, aber man könnte heulen über so viel Menschenfeindlichkeit“, bewertet Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) den Kommentar der Rechtsaußenpartei. Das Nürnberger Christkind habe in der Vergangenheit immer wieder „blödsinnige Kommentare“ verursacht. „Mal gefiel manchen die Nase nicht, manchen die Sommersprossen. Und es gab auch schon ethnisch konnotierte Kommentare. Aber heute sind wir in einer offen rassistischen Konnotation.“

Die Reaktionen auf den Post des AfD-Kreisverbands zeigten jedoch, „dass unsere Demokratie auch im Netz Haltung und Menschenwürde zeigt“, so das Nürnberger Stadtoberhaupt. Die Wahl des Nürnberger Christkinds sei weder eine ethnische Frage noch eine Frage der Staatsbürgerschaft, stellt er klar.

Benigna lässt sich von dem verbalen Angriff im Netz nicht unterkriegen. Es gehe ihr gut. „Ich bin vor allem überrascht über die vielen positiven Nachrichten. Sie sagen „Kopf hoch, nicht alle Menschen sind so negativ eingestellt. Aber wir stehen hinter Dir.“ Darüber habe ich mich sehr gefreut.“ Es sei das erste Mal, dass sie wegen ihrer Hautfarbe und Aussehen angefeindet worden sei. „Ich habe mir denken können, dass solche Post von so einer Seite kommen könnten, aber an sich wurde ich zum ersten Mal so konfrontiert.“

Ihr Vater Kausik Munsi betont: „Das ist das Wunderbare in der Demokratie, dass man unterschiedliche Meinungen hat. Das gibt es auf der ganzen Welt. Deswegen war ich nicht ganz überrascht. Aber ich war extrem überwältigt über die positive Resonanz.“ Er fühle sich als Deutscher, weil er schon seit Langem hier lebe und seit 1999 die deutsche Staatsbürgerschaft habe. „Ich habe natürlich sehr viele indische Wurzeln, aber ich habe so viel von hier, habe so viel Gutes hier gesehen. Meine Studienzeit in Berlin war eine wunderbare Zeit“, sagte der 54-Jährige, der nach eigenen Worten im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) arbeitet. „Die Menschen, die Not haben, die wandern. Die gesamte Welt ist in Wanderung. Wenn man heute 20 Kilometer weiter geboren wird, hat man eine andere Nationalität.“

Benigna spricht nach Angaben ihrer Mutter neben Deutsch und Englisch auch Portugiesisch und Spanisch. Sie ist Ministrantin, singt im Jugendchor der Nürnberger Kirchengemeinde St. Bonifaz und spielt Oboe. Als Statistin und Mitglied im Jugendclub des Staatstheaters schnupperte sie erste Bühnenluft. „Nach der Schule möchte ich gerne Schauspiel studieren“, sagt die 17-Jährige.

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