Das Schneechaos wirkt noch nach

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Blick auf schneebedeckte Berge
Die Folgen des verschneiten Winters: Ein Landwirt wendet im Trettachtal bei Oberstdorf geschnittenes Gras – während die umliegenden Gipfel noch mit Schnee bedeckt sind. (Foto: dpa)
lby und Sabine Dobel

An Seen räkeln sich Badegäste in der Sonne, bei über 30 Grad sind Flipflops und kurze Hosen angesagt. Doch in den Bergen wirkt der schneereiche Winter nach. Vielerorts können Kühe nicht auf die Alm, Alpenvereinshütten öffnen später.

Vor einer Woche hätte Hüttenwirt Michael Puntigam die 2363 Meter hoch gelegene Plauener Hütte bei Mayrhofen im Zillertal aufschließen wollen – jetzt wird es wohl Anfang Juli. „Das Wetter ist traumhaft schön, wir haben von daher momentan wunderbare Verhältnisse. Aber es ist noch kein gefahrloser Aufstieg zur Hütte möglich. Solange die Hütte nicht sicher erreichbar ist, öffne ich nicht“, sagt Puntigam. Denn Schneefelder bedecken den Steig. „Wir sind seit 16 Jahren Hüttenwirte. Aber in dem Ausmaß haben wir das noch nicht erlebt.“

An der Terrasse der Hütte liegen noch vier Meter Schnee, vor wenigen Tagen sei er mit Skiern etwa 500 Höhenmeter zur Materialseilbahn abgefahren – die still steht: Schneemassen und Orkanstürme haben die Bergstation zerstört, die Elektrik liegt brach. „Es sind schwere Schäden, die der Winter hinterlassen hat“, sagt Puntigam.

Verschüttete und zerstörte Wege

Auch andere Hütten sind betroffen. Am Stöhrhaus am Untersberg (1894 m) in den Berchtesgadener Alpen, das derzeit renoviert wird, sind die Hauptzugangswege gesperrt, weil Wegstücke weggebrochen sind. Auch zum Hallerangerhaus im Karwendel auf 1768 Metern gab es bis vor Kurzem keinen Zugang – der Weg war von Lawinen verschüttet. Mit Traktor und Schneefräse zu räumen wäre aufwendig gewesen, sagt Hüttenwirtin Kerstin Lehner. „Es hätte sehr lange gedauert und viel Geld gekostet.“

Das Pfingstgeschäft mussten sie und ihr Mann ausfallen lassen. An diesem Wochenende geht es los – zwei Wochen verspätet. „Wir haben noch nie so spät aufgesperrt.“

Auch den Almbauern machen die Folgen des Winters zu schaffen. Im Schnitt ein bis zwei Wochen später finde der Almauftrieb statt, sagt Susanne Krapfl vom Amt für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten in Holzkirchen. Die Vegetation ist verzögert, damit fehlt es an Futter. Auf Hochalmen und nordseitig gehe es teils erst drei Wochen später los. „Das wirbelt die Planung gewaltig durcheinander.“

Denn gerade um diese Jahreszeit haben die Bauern im Tal alle Hände voll zu tun. Stattdessen sind viele nun auf den Almen unterwegs, um kaputte Zäune und Wege zu reparieren und Weideflächen freizuräumen. „Da, wo der Schnee weggeht, wartet jede Menge Arbeit“, sagt Georg Mair, Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern. Seine 45 Kühe grasen bereits auf etwa 1300 Metern, in etwa drei Wochen geht es auf etwa 1900 Meter. Dort liegt jetzt teils noch Schnee.

Nicht nur das Vieh, sondern auch Ausflügler treffen weiter oben auf Schwierigkeiten: Der Deutsche Alpenverein (DAV) empfiehlt Wanderern, Touren über 1700 Metern zu meiden. Gefahr geht von Schneefeldern aus. „Wer abrutscht, erreicht schnell hohe Geschwindigkeiten, und das oft felsige Gelände am unteren Ende wird zur gefährlichen Falle“, sagt der DAV-Experte Robert Mayer.

Selbst Lawinen sind noch möglich

Selbst die Lawinengefahr ist nicht völlig gebannt. Auch wenn rundum schon alles grün ist, hält sich Schnee in schattigen Rinnen. „Vor allem im steilen Gelände können sich Altschneereste lösen“ – und als steinharte Brocken Wanderer verletzten, sagt der Leiter der Lawinenwarnzentrale Bayern, Hans Konetschny. Anfang Juni mussten bei Oberammergau am Laber vier Menschen schwer verletzt mit dem Hubschrauber geborgen werden, als sich Schneemassen lösten.

Auch zwei Wochen später gilt laut Konetschny: „Das Potenzial solcher Gleitschneelawinen ist sicher noch da.“

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