Cyborg-Aktivisten wollen Grenzen sprengen

Lesedauer: 11 Min
Stefan Greiner im Selbstversuch mit einem Computer-Hirn-Interface, das Hirnsignale empfängt und an einen Computer leitet. <cutli
Stefan Greiner im Selbstversuch mit einem Computer-Hirn-Interface, das Hirnsignale empfängt und an einen Computer leitet. (Foto: Laurens R Krol)
Schwäbische Zeitung
Landes-Korrespondentin

Stefan Greiner will mit seinem Finger telefonieren. Sein Smartphone soll Signale an einen Ring senden, den der 31-Jährige trägt. Der Ring wiederum leitet die Schallwellen an einen Magneten unter Greiners Haut weiter: „Ich würde die Stimme nicht aus dem Telefon, sondern aus meinem Finger hören.“ Greiner nennt sich selbst einen Cyborg – eine Mensch-Maschine. Seine Manipulationen am eigenen Körper haben ihn zum Medienstar einer Szene gemacht, die international und auch in Deutschland wächst. In Berlin hat Greiner, der aus Volkratshofen bei Memmingen stammt und heute an der TU Berlin forscht, mit Gleichgesinnten den Verein Cyborge. V. gegründet. Der Name des Klubs ist plakativ: Greiner und seine Mitstreiter nutzen dafür eine Faszination, die sich gleichermaßen aus Science-Fiction-Filmen über Roboterkrieger speist wie aus der für viele schaurigen Idee, freiwillig irgendwelche Technik unter der Haut herumzutragen.

Verbesserte Hirnleistung

Doch Greiner ist kein Freak, der Spaß an der Provokation hat. Ihn treibt eine Mission: Er will auf die Risiken aufmerksam machen, die die Verschmelzung von Technik und Mensch für die Gesellschaft bedeuten kann. Gefährlich erscheint ihm dabei nicht das Fremde im eigenen Körper. Angst macht ihm der Gedanke, wer sich diese Technik künftig leisten kann und wozu sie genutzt wird. Bestes Beispiel ist das sogenannte Neuro-Enhancement, eine Verbesserung der Hirnleistung durch Medikamente oder Technik. An Hochschulen und in Pharmakonzernen forschen Wissenschaftler daran, wie elektronische Impulse bestimmte Areale des Gehirns gezielt stimulieren können. Dadurch ließe sich zum Beispiel die Aufmerksamkeit erhöhen. In den USA laufen bereits seit Jahren Versuchsreihen mit Scharfschützen. Diese sollen dank der Impulse kurz vor dem Schuss konzentrierter abdrücken. Der technisch optimierte Superkrieger ist längst keine Utopie mehr.

Ganz real sind Implantate seit Jahrzehnten in der Medizin. Das fängt beim Herzschrittmacher an und hört bei hoch entwickelten Prothesen längst nicht auf. Einer der Gründer des Cyborg-Vereins ist Enno Park. Er war lange schwerhörig, bis ihm ein Cochlea-Implantat sein Hörvermögen zurückgab. Auch er bezeichnet sich als Cyborg. Viele Menschen mit Behinderungen profitieren von Technologien im und am Körper. Hochleistungsprothesen wie die von Paralympicstars sind nur eines der Beispiele. Enno Park fordert für sich und andere Zugang zu Programmen und Bauplänen seines Implantates. Er will die Macht der Hersteller nicht akzeptieren, deren Produkte Teil seines Körpers sind und die er so akzeptieren muss, wie sie ausgeliefert werden. Logisch, denn Cyborgs nehmen das, was gemeinhin als natürliche Grenze des menschlichen Körpers gilt, nicht hin. „Was ist normal, was ist natürlich?“ „Das Bild eines menschlichen Standardkörpers ist doch ohnehin falsch, jeder ist ganz unterschiedlich“, sagt Stefan Greiner. Begriffe wie Behinderung könnten im Cyborg-Zeitalter über Bord geworfen werden. Die Utopie der Cyborgs: Jeder darf frei entscheiden, ob und womit er seinen Körper technisch aufrüstet.

Im Fachmagazin „Nature“ berichten Forscher von vielversprechenden Versuchen mit Transplantaten, die Nerven stimulieren. Sie könnten zum Beispiel jenen Nerv steuern, der Völlegefühl signalisiert – und so Übergewichtigen beim Abnehmen helfen.

Ein Gefühl von Freiheit

Daran zeigt sich ein weiterer Punkt, den Stefan Greiner dringend öffentlich debattiert wissen will. „Wann ist ein solcher Eingriff noch notwendige Therapie und wann eine medizinisch nicht zwingend notwendige Erweiterung des Körpers?“ Und: Wer trägt die Kosten dafür? Greiner fürchtet eine Gesellschaft, in der sich Reiche technische Verbesserung des Ichs leisten können, während Arme mit den Beschränkungen der Biologie leben müssen. Es dürfe nicht nur darum gehen, einen immer leistungsfähigeren Menschen zu schaffen, der länger im Büro sitzen und härter arbeiten könne. Während diese Bedenken noch viele Menschen teilen dürften, geht Greiner viel weiter: „Technologie ist wie Bildung ein Weg, seine Persönlichkeit zu entfalten. Deshalb muss es dazu einen gleichberechtigten Zugang geben.“ Hat jeder ein Recht auf Technik, die verbessert? „Ich würde nicht von Optimierung sprechen, sondern von Erweiterung der Wahrnehmung“, sagt Greiner. Für ihn sei es ein Gefühl von Freiheit, den eigenen Körper mit Technik so aufrüsten zu können. Dabei muss ein Implantat keinem Nutzen dienen. Greiner will zunächst nur erleben, was möglich ist. So trug er lange einen Magneten im Finger und spürte elektromagnetische Felder – etwa die des Diebstahlsicherungssystems in der Hochschulbibliothek.

Chips für die Blutwerte

In den USA haben sich Cyborg-Aktivisten Chips einsetzen lassen, die Blutwerte analysieren. Der in Barcelona geborene Brite Neil Harbisson ist von Geburt an farbenblind. Vor seiner Stirn trägt er eine Kamera. Sie ist mit einem Chip im Hinterkopf verbunden, der Farben in Geräusche umwandelt. Sieht der Brite eine bestimmte Farbe, hört er denselben Klang. Seit zehn Jahren hat er den selbst entwickelten Eyeborg. Er hat die Cyborg Foundation gegründet, die von Barcelona ähnliche Ziele verfolgt wie der Berliner Cyborg e. V. Einig sind sich die Aktivisten darin, dass sie keine Angst haben vor einer Verschmelzung mit der Technik. Die Erweiterung des Menschen über seine Biologie hinaus halten sie für erstrebenswert, Stefan Greiner sagt: „Es ist zutiefst menschlich.“ Schon immer hätten Menschen versucht, ihre Fähigkeiten mithilfe von Werkzeugen zu erweitern. Die zentrale These der Cyborg-Bewegung: Wir alle sind bereits Mensch-Maschinen, nur dass die Technik außerhalb des Körpers sitzt. Noch. Der Wissenschaftler Gundolf S. Freyermuth von der Fachhochschule Köln nennt Beispiele: Wer sein Adressbuch im Handy speichert, lagert damit sein Gedächtnis aus, wer sich ins Auto setzt, überlässt sein Schicksal der Technik – erst recht im Zeitalter zunehmend eingreifender Fahrassistenzsysteme.

Die Idee von Technik im Körper löse nur deshalb so viel Angst und Abwehr aus, weil wir uns und unseren Körper als abgeschlossenes Gebilde verstehen, das wir kontrollieren. „Dabei ist die Haut doch nur eine symbolische Barriere. Ob die Technik an mir oder in mir ist, macht letztlich keinen Unterschied“, meint Greiner. In Momenten, in denen Technik der Biologie überlegen ist, übernimmt die Maschine die Kontrolle – für Cyborgs keine Gruselvorstellung, sondern sinnvoll, um bestimmte Situationen zu bewältigen.

Der Tübinger Medizinethiker Jens Clausen hält das für ein Horrorszenario, das technisch noch längst nicht möglich sei. Er wirft den Cyborg-Aktivisten vor, den Begriff Cyborg bewusst zu nutzen, um Aufmerksamkeit zu erregen. „So, wie der Begriff derzeit besetzt ist, assoziiert man damit Maschinen mit Superkräften – und eben keine Menschen.“ Deshalb schüren Greiner und sein Mitstreiter aus seiner Sicht unnötige Angst. Eine Debatte über Chancen und Risiken der Technik hält aber auch Clausen für zwingend notwendig: „Letztlich geht es um ganz zentrale Fragen: Was macht uns als Menschen aus? Welche Menschen wollen wir sein?“ Dabei ist Clausen kein Technikfeind, im Gegenteil. Auch er glaubt, dass Menschen schon immer Werkzeuge genutzt haben.

Fatale Nebenwirkung

Er illustriert am Beispiel der Tiefen-stimulation bestimmter Hirnregionen, welche komplexen ethischen Fragen solche neuen Technologien aufwerfen. Das Verfahren wird zum Beispiel bei Parkinson-Patienten erfolgreich eingesetzt, um Symptome wie Zittern oder Bewegungsstörungen zu therapieren. Dabei werden bestimmte Hirnareale durch Elektroden stimuliert, die Chirurgen ins Gehirn einsetzen. Clausen berichtet von folgendem Fall: Ein Patient erzählte von guten Therapieerfolgen durch die Stimulation. Seine Frau jedoch war verzweifelt. Ihr Mann, jahrzehntelang ein friedfertiger, zurückhaltender Mensch, brach auf offener Straße in ein Auto ein. Er fühlte sich seit Beginn der Therapie unbesiegbar – seine Persönlichkeit hatte sich verändert. Nach Ende der Stimulation verschwanden die Nebenwirkungen, die bei dem an sich etablierten Verfahren auch äußerst selten auftreten. Clausen: „Wer trägt die Verantwortung für das kriminelle Verhalten? Arzt, Patient – oder war der Mann völlig unzurechnungsfähig?“ Solche und ähnliche Fragen würden auf Gesellschaft und Justiz zukommen.

Beruhigend bleibt: Einer der führenden Fachleute für künstliche Intelligenz, der Berliner Professor Raúl Rojas, glaubt nicht, dass die Roboter noch in diesem Jahrhundert die Macht übernehmen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen