Bier, Schweiß und Schmerzen - wie sich eine Wiesn-Kellnerin wappnet

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Angela Hopper, Wiesn-Kellnerin und Studentin, nimmt Maßkrüge aus dem Regal ihrer Schenke. Bis zu acht Maßkrüge trägt die 25-Jährige gleichzeitig zu den Tischen im Schottenhamel-Festzelt. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur

Hunderte Liter Bier wird Angela Hopper Tag für Tag durchs Festzelt wuchten. Dabei 30, manchmal 40 Kilometer zurücklegen. Kellnern auf dem Münchner Oktoberfest ist ein Knochenjob. „Als ich angefangen habe, konnte das kaum jemand fassen“, erinnert sich die 25-Jährige an ihre erste Wiesn vor zwei Jahren. „Das schaffst du nie, haben sie gesagt“. 1,67 Meter groß, 54 Kilogramm leicht: Die zierliche Frau ist nicht gerade das, was man sich unter einer robusten Wiesnkellnerin vorstellen würde.

Aber Eltern und Freunde irren damals: Die 16 Tage im Festzelt Schottenhamel übersteht Angela Hopper — und das lediglich mit schmerzenden Fußsohlen. „Ich wollte das unbedingt schaffen und hab mich vorbereitet. Mein Fitnesstrainer hat sich ein spezielles Training ausgedacht. Rumpf und Rücken, dazu Bizeps und Trizeps.“ Auch die Beine wurden trainiert, denn aus der Hocke stemmt sie die schweren Krüge in die Höhe. Das Wiesn-Workout absolviert sie seither jedes Jahr, um die Menschenmassen mit Maß, Hendl oder Schweinshaxe zu versorgen.

Nicht alle Kellner bereiten sich so gezielt vor. Eine Kollegin ist ehemalige Profiskifahrerin. „Zwei Meter groß, ein ganz anderer Typ als ich. Die trägt schon mal 14 Maß auf einmal.“ Angela Hopper belässt es bei acht Krügen — gefüllt wiegt jeder einzelne mehr als zwei Kilo. Die Tragetechnik (Krüge im Kranz, umschlungen von beiden Armen) hat ein Freund mit ihr vorm ersten Einsatz geübt. Andere Oktoberfestbedienungen arbeiten das ganze Jahr in der Großgastronomie, sind von Berufs wegen immer im Training.

„Wir haben auch Kellnerinnen dabei, die sind weit über 60“, erzählt Claudia Neuhofer, die den Service im Festzelt leitet und für die 261 Bedienungen dort verantwortlich ist. „Wie die sich in die Menschenmenge werfen, ist unglaublich. Die leben das einfach.“ Auch Angela Hopper kennt die Gastronomie von klein auf. Die Eltern betreiben ein Hotel mit Restaurant in Landshut. „Ich bin da drin groß geworden, stand täglich im Lokal mitten im Geschehen. Ich weiß, wie man ein Tablett trägt — und mit den Gästen umgeht!“, sagt die 25-Jährige mit einem Bachelor in Betriebswirtschaftslehre. In der Steuerkanzlei, in der sie jobbt, hat sie im August Extraschichten geschoben, um fürs Oktoberfest freinehmen zu können.

Mit drei Kolleginnen bedient sie 14 Tische. Würde eine von ihnen ausfallen, wäre das eine Katastrophe. „Letztes Jahr war im Zelt eine heftige Grippewelle. Ich hatte drei Tage richtig Fieber. Das schlaucht dann irre, aber man kann das Team nicht hängen lassen — zu dritt würden wir das nie schaffen.“ Wenige Tage vorm Anstich hat sich Angela Hopper heuer in der Apotheke eingedeckt. „Man weiß irgendwann genau, was man braucht: Für die Füße Bandagen, damit man nicht umknickt. Blasenpflaster, Schmerzgel, Schmerztabletten.“

laudia Neuhofer, Chefin des Schottenhamel-Festzelts steht in ihrem Zelt. Kellnern auf dem Oktoberfest ist ein Knochenjob. Die Kellner legen nicht selten 30, manchmal sogar 40 Kilometer am Tag zurück. (Foto: dpa)

Und warum genau tut man sich das eigentlich an? Angela Hopper freut sich wahnsinnig auf ihre Kolleginnen. Und auf einige Gäste, die jedes Jahr wiederkommen. Der Verdienst sei ein Faktor, klar, sagt Claudia Neuhofer. „Es ist aber mehr. Da packt einen das Wiesnfieber. Das lässt einen nie mehr los. Größer als das Oktoberfest geht einfach nicht!“ Mit 27 Jahren kellnerte sie selbst das erste Mal dort — 21 Jahre später stellt sie die Teams im Schottenhamel zusammen. „Es sind so viele zierliche Mädels dabei. Wenn jemand sehr schwach wirkt, frage ich schon mal: Traust du dir das zu? Aber viele haben so eine Power! Und das Adrenalin darf man auf keinen Fall unterschätzen.“

Oktoberfest
Das Oktoberfest bei Nacht. Erneut werden Millionen Gäste erwartet. (Foto: Matthias Balk/Archiv / DPA)

„Du musst hart im Nehmen sein“, so beschreibt es Angela Hopper. „Du darfst kein Müdigkeitsgefühl haben, kein Schmerz- und kein Ekelgefühl“. Vergangenes Jahr habe sich ein Gast auf sie übergeben - sie habe sich schnell umgezogen und weitergemacht. Die junge Frau muss jetzt schmunzeln, Wiesn sei schon eine irre Belastung: „In der Zeit hat man quasi keine Privatsphäre. Wenn ich dann mal nach Hause komme, dusche ich, wasche Haare — und auch die Schürzen!“ 16 der weißen Schürzen, die die Schottenhamel-Kellnerinnen tragen, hat sich Angela Hopper mittlerweile gekauft. In ihr erstes Oktoberfest startete sie mit acht. „Ich musste jeden zweiten Tag zum Waschsalon und dann neben der Maschine sitzen. Das geht dann direkt vom Schlaf ab.“

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