Augsburg will nicht Prostitutionshauptstadt sein

Lesedauer: 6 Min
Ein geplantes Laufhaus mit 50 Zimmern bremste die Stadt Augsburg aus.
Ein geplantes Laufhaus mit 50 Zimmern bremste die Stadt Augsburg aus. (Foto: imago Images)
Patrik Stäbler

Augsburg, das ist die weithin bekannte Fuggerstadt. Die Renaissancestadt. Die Stadt der Bundesligakicker vom FCA und natürlich der Augsburger Puppenkiste. Sowie – wobei man dieses Prädikat im Rathaus naturgemäß nicht gerne hört: die Stadt der Prostituierten.

Zu diesem Schluss ist zumindest eine Umfrage der „Welt am Sonntag“ unter deutschen Großstädten gekommen. Demnach bieten etwa in Hamburg trotz der Reeperbahn nur etwa 122 Prostituierte je 100 000 Einwohner ihre Dienste an. In München sind es bereits rund 200. Einsam an der Spitze thront Augsburg – mit 244 Sexarbeiterinnen pro 100 000 Einwohner. Nun ist diese Umfrage zum einen schon einige Jahre her. Zum anderen sind die Zahlen mit Vorsicht zu genießen, da sie nicht nur auf präzisen Angaben vonseiten der Kommunen beruhten, sondern teils auch auf Hochrechnungen und Schätzungen. Doch ganz augenscheinlich ist, dass die boomende Schwaben-Metropole Augsburg in jüngerer Zeit nicht nur bei Einwohnerzahl, Mieten und Lebensstandard kräftig zugelegt hat. Parallel dazu floriert auch das horizontale Gewerbe.

Aktuell gibt es in Augsburg etwa 30 Bordelle sowie rund ein Dutzend Bordellwohnungen, in denen 400 bis 500 Prostituierte „sexuelle Dienstleistungen erbringen“, teilt die Stadt mit. Und ginge es nach den Betreibern solcher Etablissements, dann lägen die Zahlen deutlich höher. Vor allem in die Gewerbegebiete von Lechhausen, Oberhausen und Haunstetten drängen immer mehr und immer größere Bordelle. Prominentester Fall: Ein Investor, der 2014 in Lechhausen den Umbau einer Lagerhalle in ein XXL-Laufhaus mit 50 Zimmern beantragte – ein Vorhaben, das die Stadt erst nach mehreren Gerichtsverfahren ausbremste.

Stadt steuert seit Jahren

Ganz abgesehen von diesem Einzelfall bemüht sich das Augsburger Rathaus seit Jahren verstärkt darum, die Entwicklung des boomenden Rotlichtmilieus zu steuern.

Ein Meilenstein war das Verbot der Straßenprostitution im Jahr 2013, das wegen „zunehmend aufkommender Anwohnerbeschwerden“ erlassen wurde, wie die Stadt mitteilt. Wenig später gab der Stadtrat die Erstellung eines Bordell-Strukturkonzepts in Auftrag, um damit die Neuansiedlungen von derlei Rotlichtbetrieben zu steuern. Bereits existierende Puffs genießen schließlich Bestandsschutz. Doch dieses Vorhaben wurde zum Schlag ins Wasser: Nachdem sich Vorschläge für ein Strukturkonzept als unzureichend und kaum umsetzbar herausgestellt hatten, musste die Stadt ihre Pläne begraben.

Vielmehr beschloss der Stadtrat im Juni 2017, die Neuansiedlung von Bordellen über das Baurecht zu steuern. So wurden Bebauungspläne neu aufgestellt oder geändert – meist mit dem Ziel, bestimmte Gegenden frei von neuen Rotlichtbetrieben zu halten. In dem Zusammenhang fand sich die Stadt mehrfach vor Gericht wieder; einer dieser Fälle wird am Dienstag vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof in München verhandelt. Als Kläger tritt dabei ein Bordellbesitzer auf, der sein Etablissement in Lechhausen mit derzeit fünf Bordellzimmern durch einen Neubau mit 16 Zimmern ersetzen will. Einen entsprechenden Bauantrag hat die Stadt jedoch abgelehnt mit dem Verweis auf einen 2015 geänderten Bebauungsplan, der die Neuansiedlung von „Bordellen, bordellartigen Betrieben und Wohnungsprostitution“ untersagt.

Grundsätzlich gelten solche Etablissements als Vergnügungsbetriebe – und sind in Städten mit mehr als 30 000 Einwohnern in Gewerbegebieten zulässig. Zugleich dürfen sich Bordelle aber nicht in der Nähe von Wohnhäusern oder besonders schutzbedürftigen Einrichtungen wie Schulen, Kitas, Krankenhäusern oder Kirchen befinden. Zudem sind Stadtteile ausgeschlossen, wo es bereits etliche Bordelle gibt, oder die durch eine Neuansiedlung abgewertet werden könnten. „Trading-Down-Effekt“ heißt diese Entwicklung im Fachjargon. Sie wird dadurch verstärkt, dass Bordelle oftmals Spielhallen und weitere Betriebe mit Rotlichtbezug anziehen.

Keine komplette Verbannung

„Hierbei können jahrelange Anstrengungen der Stadtsanierung und Aufwertung innerstädtischer Quartiere zunichtegemacht werden“, teilt das Baureferat im Rathaus mit. Demnach könne die Ansiedlung eines neuen Bordells auch hochwertige Gewerbegebiete, etwa mit einem Schwerpunkt auf Verwaltung und Wissenschaft, stark beeinträchtigen – sowie besonders Produktions- und Handwerksbetriebe verdrängen. Komplett aus dem Stadtgebiet verbannen wolle man die Bordelle aber nicht, heißt es aus dem Baureferat: „Nach geltendem Recht sind prostitutive Nutzungen eine gewerbliche Nutzung eigener Art, für die innerhalb des Stadtgebiets auch grundsätzlich Ansiedlungsmöglichkeiten bestehen müssen.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen