Auf den Spuren des Darknets: Wie Cyber-Ermittler arbeiten

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Mann sitzt vor mehreren Bildschirmen und tippt auf der Tastatur
Der IT-Forensiker Hannes Pollach sitzt in senem Büro vor mehreren Bildschirmen. Die Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB) feiert am 1. Januar fünfjähriges Jubiläum. (Foto: Nicolas Armer)
Deutsche Presse-Agentur
Mirjam Uhrich

Der Satiriker Oliver Welke oder die TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ dienen als Lockvögel. Sie werben in sozialen Medien mit lukrativen Deals. Zehntausende Euro pro Tag, nach ein paar Klicks. Also folgen User dem Link und geben ihre Daten ein. Schon kurze Zeit später klingelt das Telefon. Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt überzeugend: Wer jetzt auf eine bestimmte Aktie setze, verdiene ein Vermögen. Sobald das erste Geld überwiesen ist, gibt es auch schon den Beweis. Balken und Grafiken in bunten Farben zeigen den Gewinn.

Doch gewonnen hätten hier nur die Betrüger, sagt Nino Goldbeck, Staatsanwalt als Gruppenleiter bei der Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB) in Bamberg. Das Geld sei weg, denn irgendwann sei die Aktie angeblich gecrasht oder die Website einfach nicht mehr erreichbar. Der echte Welke und die echten „Löwen“ haben damit freilich nichts zu tun. „Die Schäden sind immens, hundert Millionen Euro pro Jahr allein in Mitteleuropa“, sagt Goldbeck. Stapelweise Akten mit genau solchen Fällen hat er schon bearbeitet.

Viele würden ohne die ZCB wohl nie aufgeklärt werden, glaubt der stellvertretende Leiter, Oberstaatsanwalt Thomas Goger. „Da muss man schon genau hinschauen. Jedes Verfahren ist extrem einzigartig und langwierig.“ So gingen im Gründungsjahr 2015 bayernweit knapp 300 neue Verfahren ein, dieses Jahr schon mehr als 6000.

Inzwischen arbeiten 14 Staatsanwälte hier

Anfangs waren es zwei Staatsanwälte, die gegen Hackerangriffe, Betrug durch Fake-Shops oder Online-Handel mit Betäubungsmitteln und Waffen vorgingen. Inzwischen sind es 14 Staatsanwälte, die auch bei Wirtschaftskriminalität und Kinderpornografie im Internet ermitteln. Mit Ausnahme von Nordrhein-Westfalen und Hessen sei kaum ein anderes Bundesland so gut aufgestellt wie Bayern, betonen die Staatsanwälte.

Unter anderem kamen sie einem Mann auf die Spur, der auf Facebook mit Falschgeld gehandelt haben sollen. Und einem Händlerring, der mit Kräutermischungen im Internet mehrere Millionen verdient haben soll. Und einem Logopäden aus Würzburg, der wegen schweren sexuellen Missbrauchs von sieben Jungen angeklagt ist. Mehr als 23 000 Dateien mit Kinderpornografie fanden die Ermittler bei der Durchsuchung.

„Bei solchen Aufnahmen muss man eine dicke Haut haben und innerlich Abstand halten“, räumt der zuständige Oberstaatsanwalt Christian Schorr ein. Die Standardbilder kennen die Ermittler längst, dagegen hätten sie eine gewisse Immunität entwickelt. „Schwieriger ist es bei Fällen wie in Würzburg, so ein lokaler Bezug kann schon aufwühlen.“ Manchmal helfe es dann, eine andere Akte zu bearbeiten. Oder Supervision – also eine Art Beratung für die Mitarbeiter.

Beim ZCB landen die schweren Fälle

Es sind immer die schweren Fälle, die bei der ZCB landen. Verfahren von „besonderer Bedeutung“, wie es offiziell heißt. Wenn es besonders viele Opfer gibt, staatliche Einrichtungen betroffen sind, bei Fällen im Darknet oder mit Kryptowährungen, also digitalen Zahlungsmitteln. Auch bei sogenannter Ransomware, einer Software zur Erpressung von großen Unternehmen, sind die ZCB-Ermittler im Einsatz. Wie erst Mitte Dezember bei einem Hackerangriff auf das Klinikum Fürth.

Schon bei der Durchsuchung waren sie damals beteiligt, früher als bei der Staatsanwaltschaft üblich. „Wir sind oft von Anfang an dabei, also schon kurz nach der Tat“, erklärt Goldbeck. So könnten sie zum Beispiel gleich den Zugriff auf Datenträger oder E-Mail-Konten erlauben. Auch sonst hat die ZCB andere Ermittlungsmöglichkeiten. Sie ist mit der neuesten Technik ausgerüstet, die Mitarbeiter surfen in einem geschützten Netz und bekommen bei technischen Kniffligkeiten Hilfe von drei sogenannten IT-Forensikern.

Anders als seine Kollegen bei der Rechtsmedizin untersucht Forensiker Johannes Pollach keine Leichen, sondern Computer, Smartphones und externe Festplatten. Ein paar schwarze Gummihandschuhe liegen trotzdem immer neben seinen blinkenden Bildschirmen parat. „Die Asservate kommen nicht immer im besten Zustand zu uns, viele sind dreckig“, erzählt er. Er entsperre sie, ziehe eine Kopie und werte dann die Daten aus. Sein Bericht ist entscheidend für die Gerichtsverhandlung.

Die Staatsanwälte wälzen derweil Aktenberge, um die Anklage vorzubereiten. Doch viel Zeit hinter seinem Schreibtisch verbringe er nicht, sagt Goger. Ständig laufen Absprachen mit der Zollfahndung, den Cyberermittlern der Polizei oder dem Bundeskriminalamt. Gleich muss er zu einer Anhörung nach Berlin, manchmal auch zur Absprache mit Kollegen bis nach Singapur oder Neu-Delhi. „Wir haben es mit international agierenden Tätergruppen zu tun, die professionell Strukturen aufbauen“, sagt Goger. „Cybercrime endet nicht an den Grenzen Bayerns.“

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