Auf dem Land fehlen junge Leute

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Familien mit Kindern suchen öfters die Nähe zu Ballungsräumen. Im Ländlichen Raum altert die Bevölkerung daher schneller.
Familien mit Kindern suchen öfters die Nähe zu Ballungsräumen. Im Ländlichen Raum altert die Bevölkerung daher schneller. (Foto: Marcus Brandt)
Schwäbische Zeitung
Klaus Wieschemeyer
Redakteur

Die Schwarzwaldtäler werden wohl vorerst doch nicht zuwachsen. Und auch nicht die Albhochflächen oder die Allgäuer Wiesen. Die große Entvölkerung auf dem Lande bleibt im Südwesten vorerst aus, verkündet Statistikamts-Chefin Carmina Brenner am Montag in Stuttgart. Verlassene Geisterdörfer, um die Wolfsrudel ziehen, sind demnach zwar ein Thema für östliche Flächenländer oder die nordhessische Provinz, aber nicht für Baden-Württemberg.

Zumindest bis zum Jahr 2030 nicht. In den meisten ländlichen Gemeinden des Landes gehen die Statistiker von fast stabilen Bevölkerungszahlen aus. Erst zwischen 2020 und 2030 soll die Bevölkerungszahl moderat um ein Prozent zurückgehen. Anders als in den städtischen Verdichtungsräumen soll die Zahl der Einwohner auf dem Land aber auch nicht mehr wachsen.

Billiges Bauland reicht nicht mehr

Trotzdem fällt der Bevölkerungsumbruch mitnichten aus: „Demografischer Wandel heißt eben auch Alterung der Gesellschaft“, sagt Brenner. Denn beim Zuzug junger Menschen würden oftmals die Verdichtungsräume gewinnen, trotz hoher Immobilienpreise. „Die Hauptsache ist nicht mehr billiges Bauland“, sagt Brenner. Wichtig seien eine gute Infrastruktur aus Bildung, Betreuung und Einkaufsmöglichkeiten sowie „moderne Arbeitsplätze“. Auch würden verstärkt wieder ältere Menschen zurück in die Städte ziehen, doch noch fällt das statistisch kaum ins Gewicht. Folglich gehen die Statistiker davon aus, dass die Bevölkerung auf dem Land schneller altert als die in der Stadt: 2030 soll der durchschnittliche Landbewohner demnach 46,7 Jahre alt sein, der Städter 44,8. Aktuell liegt der Durchschnitt bei Stadt und Land fast gleichauf bei 43 Jahren.

Stark in den Wandel

Der zuständige Minister sieht demnach auch Handlungsbedarf. Der Ländliche Raum im Südwesten stehe vor „großen Herausforderungen“, sagte Agrarminister Alexander Bonde (Grüne). Diese könne er aber lösen – „aus einer Position der Stärke heraus, die uns von anderen Bundesländern deutlich unterscheidet.“

Bonde setzt auf Entwicklungsprogramme für den Ländlichen Raum, allen voran den aktuell 60,4 Millionen Euro schweren Förderklassiker ELR. Zudem fördere das Land schnelles Internet und habe die Breitbandförderung 2015 verdreifacht. Und nicht zuletzt setzt Bonde auf die Attraktivität des Ländlichen nicht nur als Heimstatt, sondern auch als touristisches Ziel. Immerhin zählt der Ländliche Raum 62 Prozent der 20 Millionen Übernachtungen im Südwesten.

Touristisch zeichne sich dabei eine Zweiteilung ab: 85Prozent aller Übernachtungen im Ländlichen wurden in Gemeinden mit Prädikat gezählt. Besonders die Kur- und Erholungsorte können hier punkten – vor allem in der Bodenseeregion. Dabei konnten Besucher aus dem Ausland den Rückgang deutscher Kurgäste ausgleichen: Seit 2000 hat sich der Anteil von ausländischen Übernachtungen im Ländlichen auf 18Prozent verdoppelt.

Das allein wird den Ländlichen Raum aber nicht lebendig halten können. Bonde setzt auch auf bürgerschaftliches Engagement vor Ort – wie den E-Bürgerbus in Berkheim (Kreis Biberach) oder den von einer Initiative betriebenen Nahversorgungsladen „Dorv-Zentrum“ in Eisental bei Brühl (Kreis Rastatt).

Ob das auf Dauer reicht, den vielfältigen Ländlichen Raum im Südwesten attraktiv zu halten für Menschen jeden Alters, bleibt ungewiss. Auch die Statistiker sind vorsichtig geworden – hatten sie doch vor wenigen Jahren noch eine Entvölkerung ganzer Regionen vorausgesagt. Damals war der jahrelange Wirtschaftsboom mit dazugehöriger Zuwanderung nicht eingerechnet gewesen. Die aktuelle Statistik geht nun von einer robusten Wirtschaft aus, dafür fehlen unter anderem auch die vielen Flüchtlinge, die gerade nach Baden-Württemberg kommen. Das weiß auch Brenner: „Eine Vorausrechnung kann natürlich nicht die Entwicklung voraussagen“, sagt sie.

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