Vom „Spinnerten“ zum „Gesicht des Artenschutzes“ – Josef Settele erhält EuroNatur-Umweltpreis

Josef Settele erhält EuroNatur-Preis
Josef Settele, international renommierter Biodiversitätsforscher, steht in seinem Büro im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle/Saale. 2021 wird er in Konstanz mit dem EuroNatur-Preis für Verdienste um den Naturschutz ausgezeichnet. (Foto: Hendrik Schmidt)
Deutsche Presse-Agentur

Die Begeisterung für Insekten, die er als Sechsjähriger im Allgäu entwickelt hat, ist Josef Settele auch mehr als 50 Jahre später noch anzumerken. „In meiner Freizeit sammle ich immer noch Schmetterlinge“, sagt der 60-jährige Agrarbiologe, jetzt Professor für Ökologie und am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle (Saale) tätig. Statt des Kindheitskumpels interessieren sich nun Politiker für seine Arbeit: Settele ist einer der drei Hauptautoren des Berichts des Weltbiodiversitätsrats IPBES zum Zustand der Erde beim Artenschutz.

Josef Settele erhält EuroNatur-Preis
Frankreichs Präsident, Deutschlands Umweltministerin, Niederösterreichs Jäger - geht es um Artenschutz, zählen sie auf die Arbeit von Josef Settele. In Konstanz wird der Biodiversitätsforscher aus dem Allgäu mit dem EuroNatur-Umweltpreis für seine Arbeit ausgezeichnet. (Foto: Hendrik Schmidt)

Und der ist nach Erkenntnissen der beteiligten Wissenschaftler dramatisch: Bis zu eine Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Das Ausmaß des Artensterbens sei in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß gewesen, warnte Settele bei der Vorstellung des jüngsten Weltberichts 2019. Die Menschheit lasse die Natur in rasendem Tempo verschwinden. Gravierende Folgen weltweit seien wahrscheinlich. Wachstum dürfe daher nicht länger im Mittelpunkt stehen, nachhaltige Wirtschaftssysteme seien nötig.

Das Gesicht des Naturschutzes

Im Gespräch mit Josef Settele ist von Alarmismus aber wenig zu hören. Artenschutz, das sei „wie beim Klima ein zäher Prozess“, sagt er.

Aber fast alle Prozesse im politischen Kontext sind langsam.

Seine Aufgabe sei es nicht, Politikern vorzuschreiben, was sie tun sollen, sondern sie für Entscheidungen zu informieren, betont Settele. „Das ist oft eine Gratwanderung.“ Schließlich unterstützt er auch klare Empfehlungen: zum Beispiel 30 Prozent der Flächen in Deutschland unter Naturschutz zu stellen und nachhaltig zu bewirtschaften oder Umweltkosten bei Lebensmitteln einzupreisen.

Josef Settele erhält EuroNatur-Preis
Josef Settele, international renommierter Biodiversitätsforscher am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle/Saale. (Foto: Hendrik Schmidt)

Gerade seine Rolle als Vermittler hat dem Agrarbiologen viele Türen geöffnet. Für den Weltbiodiversitätsrat IPBES habe ihn die Bundesregierung nominiert, „weil er es versteht, sein breites und fundiertes Wissen in weithin wahrnehmbare, verständliche Handlungsvorschläge zu übersetzen“, sagt eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums. „International ist er damit als Fachwissenschaftler zum Gesicht des Naturschutzes geworden.“

Das Gremium selbst wird von vielen Regierungen hoch geachtet: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron empfing IPBES-Vertreter im Elysee-Palast, mehrere Umweltminister nominierten den Rat mehrfach für den Friedensnobelpreis – bislang erfolglos. Stattdessen nimmt der 60-Jährige am Donnerstag stellvertretend für das Gremium in Konstanz den EuroNatur-Umweltpreis von der gleichnamigen Stiftung für herausragende Leistungen für den Naturschutz entgegen. „Eine Anerkennung unserer Arbeit“, findet er.

Als „Herr Doktor“ über alles Reden dürfen

Als Erfolg verbucht Josef Settele es auch, wenn er gefragt und seine Anregungen aufgegriffen werden – egal, ob es sich beim Gegenüber um Bundestagsabgeordnete, internationale Forscher oder den Landesverband der Jäger in Niederösterreich handelt. „Es geht in den Gesprächen immer um den Einstieg“, sagt Settele. „Jäger brauchen zum Beispiel, wenn sie Niederwild jagen wollen, Insekten für die Rebhühner. Wenn man dann mal drin ist, kann man auch andere Themen gut anbringen.“

Nicht alle haben Bock, sich neben der eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit noch in das Haifischbecken Politik zu wagen.

Josef Settele

Gerade Diskussionen mit Politikern seien in der Wissenschaft aber nicht jedermanns Sache, sagt Settele. „Das ist etwas, was nur wenige meiner Kollegen machen wollen. Da haben nicht alle Bock, sich neben der eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit noch in das Haifischbecken Politik zu wagen.“ Dort werde er mit seinen Anliegen in Sachen Artenschutz aber inzwischen viel ernster genommen als früher, sagt Settele. „Die Offenheit ist über Parteigrenzen hinweg groß, die Interpretation natürlich verschieden.“

Ich galt eher als spinnert.

Auch in seiner Heimat Marktoberdorf werde inzwischen anders über seine aus Faszination und Langeweile während der Sommerferien geborene Leidenschaft gedacht, sagt Settele. „Ich galt eher als spinnert, ein Insektenfreak. Als ich dann noch etwas im Bereich Ökologie studieren wollte, galt ich als für die Menschheit verloren“, erinnert er sich und lacht. „Als ich dann promoviert war, war das aber völlig anders – da war ich der Herr Doktor. Da durfte ich auf einmal über alles sprechen.“

Josef Settele erhält EuroNatur-Preis
Josef Settele, international renommierter Biodiversitätsforscher, steht in einem Labor im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle/Saale. (Foto: Hendrik Schmidt)
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