Architekten beklagen Zersiedelung

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Eine Schild, das auf Gerwerbeflächen hinweist
Der Flächenfraß schreitet fort: Handel und Gewerbe ziehen an den Rand der Ortschaften, diese dienen nur noch dem Wohnen. Das kritisieren Architekten und Stadtplaner in Bayern. Das Bild zeigt Werbung für einen geplanten Gewerbepark nahe Aichach 2016. (Foto: Archiv: dpa)
Ralf Müller

Ganz und gar unzufrieden sind die Architekten und Stadtplaner im Freistaat mit der Entwicklung der „bayerischen Kulturlandschaft“ in den vergangenen Jahrzehnten. In Bayern wie in ganz Europa sei die „Behutsamkeit völlig abhanden gekommen“, sagte Sören Schöbel, Professor für Landschaftsarchitektur an der Technischen Universität München, am Montag im Münchener Presseclub.

Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler), von Beruf selbst Architekt, bekannte sich zum Ziel der Staatsregierung, den täglichen Flächenverbrauch von derzeit 11,7 Hektar pro Tag auf fünf Hektar zu reduzieren. Darin erhielt er Unterstützung bei seinen Berufskollegen vom Bund Deutscher Architekten (BDA) in Bayern.

Das Fünf-Hektar-Ziel sollte man verbindlich anstreben, sagte Jörg Heiler, Architekt und Stadtplaner aus Kempten. Es gehe aber nicht nur um die Quantität, sondern auch um die Qualität. Auf den in Anspruch genommenen Flächen sollte mehr qualitativ Hochwertiges entstehen anstelle von „Zwsichenstädten“. So aber werde der ländliche Raum immer mehr zum „Verfügungsraum der Ballungsräume“, sagte der niederbayerisch-oberpfälzische BDA-Vorsitzende Jakob Oberpriller aus Landshut.

Orte als reine Wohngebiete

Qualitativ Hochwertiges haben die Autoren der BDA Bayern in dem am Montag vorgestellten Buch „Kein schöner Land – Ein Diskurs zur Landesentwicklung“ kaum feststellen können, so Karlheinz Beer, Architekt aus Weiden. Wohl aber monotone Einfamilienhaussiedlungen, eine wachsende Zersiedelung, einen hohen Versiegelungsgrad.

Die Publikation dokumentiert ein Symposium, das im vergangenen April in Landshut stattfand. Darin wird unter anderem beklagt, dass bei ländlichen Gemeinden „Außenentwicklung“ immer noch im Vordergrund stehe. Das bedeutet: Gewerbe, Handel und auch landwirtschaftliche Betriebe ziehen an den Rand der Ortschaften, denen als einzige Funktion das Wohnen bleibt.

Der Wegzug von Gewerbe mache die Orte zu reinen Wohngebieten, für die automatisch niedrigere Emissionsgrenzwerte gelten. Diese Entwicklung sei nicht mehr umkehrbar. Wenn eine Gemeinde ihren Kern wieder für das Gewerbe öffnen wolle, setze sie sich Schadensersatzforderungen der Grundstückseigentümer aus, so Oberpriller: „Welcher Kommunalpolitiker will sich das schon antun?“ Entsprechende Bemühungen zur Urbanisierung in den Städten würden zeigen, „ob es eine Chance gibt, gegen den Immissionsschutz anzukämpfen“.

Defensive Planung

Das Ergebnis sei eine „immer defensivere regulierende Planung“, sagte Stadtplaner Heiler: „Da werden uns auch die Juristen nicht helfen können.“ TU-Professor Schöbel forderte einen „Gesellschaftsvertrag zur Rückgewinnung der europäischen Kulturlandschaft“. In den Städten habe man vor etwa 50 Jahren die Kahlschlagspolitik zugunsten einer autogerechten Kommune beendet. Jetzt sei ein ähnlicher Schritt auch für ländliche Gemeinden erforderlich, um den „sozialen, ökonomischen, ökologischen und ästhetischen Verfall“ zu stoppen.

Umweltminister Glauber sah sich veranlasst klarzustellen, dass für die Landesplanung sein Parteivorsitzender, Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler), zuständig ist. Ungeachtet dessen verurteilte Glauber als Kommunalpolitiker in Oberfranken den „Wettlauf auf kommunaler Ebene“ mit dem Ziel, die Ansiedlung des Discounters am Ortsrand abzuwerben.

Schließlich stünden europäische Straßenbaurichtlinien, sogenannte Eurocodes, nicht selten auch einem Flächen sparenden Umgang mit der Landschaft im Weg, bedauerte Glauber. Schnell zu befahrende, optimal ausgebaute Straßen seien damit leichter zu realisieren als die Sanierung von bestehenden Strecken.

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