Der Bedarf an Felchen beträgt rund um den Bodensee 700 bis 800 Tonnen pro Jahr, so viel gibt das Gewässer aber nicht her.
Der Bedarf an Felchen beträgt rund um den Bodensee 700 bis 800 Tonnen pro Jahr, so viel gibt das Gewässer aber nicht her. (Foto: Archiv: Ralf Schaefer)
Schwäbische Zeitung

„Da drüben, im Wasser vor dem Wald, könnte eine solche Aquakultur hinkommen“, sagt Georg Widenhorn und zeigt auf die schattige Seite des nordwestlichen Bodenseezipfels – dorthin, wo sich der reich mit Bäumen bewachsene Höhenzug erstreckt. Der rüstige Rentner ist nach einer Schwimmrunde am gegenüberliegenden gepflegten Sipplinger Ufer den sommerlich warmen Fluten entstiegen. Das Stichwort Aquakultur reicht, um ihn zu verärgern. Man hätte auch von Netzgehegen zur Fischzucht reden können. Damit ist dasselbe gemeint. Es hätte die gleiche Reaktion ausgelöst.

Lange Jahre waren hier solche Einrichtungen ein Tabu gewesen. Die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee hat ein Verbot festgelegt. Der Grund: Zumindest bisher waren die Ökofolgen schlecht kalkulierbar. Widenhorn betont dann auch beim Abtrocknen mit dem Handtuch: „Gegen solche Aquakulturen bin ich schon.“ Er ist alteingesessener Sipplinger. Das zum Ferienort gewendete ehemalige Fischerdorf wäre von den Ideen für solche Fischzuchten wohl direkt betroffen. Der dortige Bodenseezipfel gilt nach Standortanalysen als besonders dafür geeignet. Gleichzeitig ist er übersichtlich, die Entfernungen von Sipplingen aus übers Wasser sind gering. Der mögliche Projektumfang könnte hingegen ambitioniert sein. Von bis zu zwölf Gehegen mit jeweils rund 20 Metern Durchmesser und einem Tiefgang von 20 Metern ist die Rede.

„Wie Massentierhaltung“

Allerlei üble Folgen werden befürchtet. „So eine Aquakultur bringt viel Dreck konzentriert ins Wasser, Ausscheidungen der Fische, oder Fischfutter“, glaubt Widenhorn. Die immer mal wieder wechselnde Tiefenströmung in jenem Bodenseeteil könne ihn dann ans Sipplinger Ufer treiben. Hannelore Beirer, Betreiberin eines kleinen Ladens unterhalb der gotischen St. Martinskirche, meint: „Bei dieser konzentrierten Masse an Fischen muss doch wohl auch Arznei zugegeben werden – so wie bei jeder Massentierhaltung.“ Sonst komme es doch zu Seuchen, fügt die Frau an. Der Gemeinderat ist ebenso alarmiert. Er hat sich im Mai gegen solche Aquakulturen ausgesprochen. Argumentativ kommt ihm zu Hilfe, dass bei Sipplingen die Entnahmestelle für die Bodenseewasserversorgung ist. Große Teile von Baden-Württemberg werden von dort aus beliefert.

Neben den Sipplinger Kommunalpolitikern haben aber auch ihre kommunalpolitischen Kollegen in den benachbarten Städten Überlingen und Meersburg bereits klargestellt: Man wolle keine solche Fischzucht im Bodensee. Zudem wandten sich Anfang März 32 Verbände und Organisationen gegen Aquakulturen – neben deutschen auch Schweizer sowie Vorarlberger Gruppen. Darunter waren als übliche Verdächtige diverse Ökovereine, aber ebenso Vertretungen der Berufsfischer, der Taucher oder Angler. Sogar der Konstanzer Kreisjagdverband hatte sich dem Protest angeschlossen, obwohl Fisch eher nicht zur Beute der Weidmänner gehört.

Offenbar taugt die Furcht vor Aquakulturen dazu, gewaltige Abwehrfronten im Bodenseeraum zu organisieren. Dabei steckt hinter der Netzgehege-Idee eine wohlwollende Absicht. Auf diese Weise soll das kränkelnde Fischereigeschäft am Bodensee irgendwie wieder auf geschäftlich gesunde Bahnen gelenkt werden. Gut hundert Lizenzen sind noch für Berufsfischer ausgegeben. Nach Schätzungen aus ihren Kreisen gehen aber höchstens 50 oder 60 von ihnen wirklich diesem Job in Vollzeit nach. Tendenz fallend.

Nun ist es nicht so, dass in dem größten zentraleuropäischen Trinkwasserspeicher nichts mehr schwimmen würde. Die Fangerträge der wichtigsten Speisefische sind jedoch seit Jahren stark zurückgegangen. Ihnen fehlen Nährstoffe, wie die Fischer seit Jahren klagen. Es geht um Phosphat, das beispielsweise in der Landwirtschaft als Dünger eingesetzt wird. Dass davon immer weniger im See ist, hat mit den hochgerüsteten Kläranlagen zu tun. Das Wasser war seit vielen Jahrzehnten nicht mehr so sauber wie heutzutage. Diese immer wieder gefeierte Botschaft bedeutet aber eine Reduzierung der Fischbestände.

Im Fokus der Fangmisere stehen die Felchen. Sie sind in der öffentlichen Wahrnehmung der zentrale Bodenseefisch. So wie mancher Tourist meint, morgens in einem Münchner Biergarten Weißwürste essen zu müssen, wollen viele Gäste am Schwabenmeer Felchen verzehren. Ihr Bedarf beträgt rund um den See nach Informationen des Landesfischereiverbandes Baden-Württemberg jährlich etwa 700 bis 800 Tonnen. Aus dem Bodensee kann diese Menge nicht mehr gedeckt werden.

Felchen aus Osteuropa

Der Fischereiverband schätzt, dass der Gastronomie inzwischen jährlich 400 bis 500 Tonnen Felchen fehlen. Sie werden von sonst wo hergeholt – aus Osteuropa, vom Gardasee, sehr viele sogar aus Kanada, berichten Insider der Szene. Teils würden sie aus Aquakulturen stammen. Woraus sich eigentlich automatisch die Frage ergibt, ob sich denn die Fische nicht auch im Bodensee züchten lassen. Martin Meichle, Berufsfischer aus Hagnau, einem weiteren beschaulichen Ort am Nordufer, sagte für sich: warum eigentlich nicht.

Er erzählt, dass es für diesen Gedanken eine Vorgeschichte gebe: „Ich war eine der treibenden Kräfte für ein Phosphat-Management gewesen.“ Damit meint Meichle den Versuch der Berufsfischer, eine vermehrte Einleitung des Nährstoffes in den See zu erreichen. So sollte der Fischbestand wieder erhöht werden. Das Ansinnen rief starke Proteste hervor. Die Gegenseite höhnte, die Berufsfischer wollten „mehr Dreck“ im Wasser haben. Für Baden-Württemberg machte die Landesregierung klar: Dies geht auf keinen Fall. Meichle kam zur Überzeugung, das Phosphat-Thema sei eine Sackgasse bei der Rettung der Berufsfischerei. Aquakulturen könnten hingegen einen Ausweg aus der Misere bieten.

Vergangenen Dezember gründete der Hagnauer Fischer mit Gleichgesinnten eine Genossenschaft zur Felchenzucht. Sie hat inzwischen 15 Mitglieder. Sieben davon sind Berufsfischer. Meichle argumentiert, es sei doch ökologisch sinnvoller, die Fische hier zu züchten, als sie im Zweifelsfall über Tausende von Kilometern an den Bodensee zu transportieren. Zugleich würden Aquakulturen für die Fischer eine neue Geldquelle bedeuten. „Sie könnten die Rettung für die Berufsfischerei am Bodensee sein“, spekuliert Meichle. Die Bedenken hält er für überzogen. Zuchtfische würden längst geimpft. Niemand schütte Antibiotika ins Wasser. Die Futtermittelindustrie habe sich auf solche Zuchten eingestellt. Probleme mit Fischausscheidungen und Fraßresten würden sich in Grenzen halten.

Meichle möchte gerne eine Pilotanlage installieren: „Die Genossenschaft würde sie auch finanzieren.“ Dann könnte man Daten sammeln und die wirklichen Auswirkungen einer solchen Zucht abschätzen, fährt Meichle fort. Er spürt gegenwärtig Rückenwind aus der Politik. Am bedeutendsten dürfte die wohlwollende Betrachtung durch den baden-württembergischen Landwirtschaftsminister Peter Hauk sein. Im Sommer vor einem Jahr hat der CDU-Politiker bei einem Bodensee-Besuch in der Fischereiforschungsstelle Langenargen betont, er könne sich Aquakulturen vorstellen. Es sei wichtig, dass „es auch künftig regionale Angebote vom Bodensee und damit auch Felchen für die Gäste und die Einheimischen“ gebe.

Aktuell teilt Hauks Behörde mit, dass Aquakulturen „nur ein Zusatzangebot für die Fischer am See sein können“. Es müssten sich aber Interessenten vor Ort finden. Generell wird die Zucht im Ministerium für „nachhaltig, umweltfreundlich und naturnah“ gehalten. Dies stützt sich wiederum auf Arbeiten der Fischereiforschungsstelle Langenargen. Deren Leiter Alexander Brinker gilt als Befürworter von Aquakulturen.

Nachhaltig und naturnah

Hilfestellung erfahren Meichle und Genossen zudem vom Landtagsabgeordneten Martin Hahn. Der Ökolandwirt von den Grünen ist am Bodensee daheim. Erst Anfang der Woche hat er in Meersburg eine Info-Veranstaltung zu Netzgehegen organisiert. Ihn treiben „ökologische Aquakulturen mit klaren, eindeutigen Regeln“ um. Es gehe dabei darum, die regionale Verantwortung „für unsere Ernährung zu übernehmen“. Anders ausgedrückt: lieber Fisch von hier als aus Kanada.

Mit dieser Haltung hat sich Hahn durchaus bei einigen Parteifreunden unbeliebt gemacht. In den Reihen der Zuchtgegner ist von „ökologischem Wahnsinn“ die Rede. Der Friedrichshafener SPD-Kreisrat Norbert Zeller betont mit dem Blick auf die Wasserqualität, „Aquakulturanlagen haben im Bodensee nichts zu suchen.“ Erstaunlich wirkt, dass offenbar das Gros der Berufsfischer auch nichts mit der Zucht anfangen kann, obwohl sie eine wirtschaftliche Hilfe sein könnte. „Aquakulturen bieten uns aber keine Chance“, sagt Roland Stohr, Vorsitzender der bayerischen Bodenseefischer, und winkt ab. „Der Kunde will einen Wildfisch und keinen Zuchtfisch.“ Aquakulturen würden eine „reine Industrialisierung“ bedeuten – und damit das Aus der traditionellen Berufsfischerei am Bodensee.

Unklar ist, wie es jetzt weitergeht. Die Freunde der Aquakulturen würden gerne einen Genehmigungsantrag für eine Pilotanlage vorbereiten. Die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee hat signalisiert, man könne über das Verbot der Netzgehege nochmals diskutieren, sollte es neue Fakten geben. Die Wirtshäuser haben wie selbstverständlich Felchen auf ihren Speisekarten. Sollte verklausuliert von Felchen nach Bodenseeart die Rede sein, dürften sie eher aus der Ferne kommen. Und am diskutierten Gehegestandort vis-à-vis von Sipplingen ruht der See still im heißen Sommer.

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