Klaus Nachbaur

War da mal was mit Irritationen zwischen Schweizern und Deutschen? Fluglärm und Bankgeheimnis? Ungeliebte germanische Invasoren in die Alpenrepublik? Horden von einkaufswütigen Schweizern im deutschen Grenzgebiet? Ach was – es muss alles ein großer Irrtum gewesen sein. Aufgedeckt hat den Irrtum – wenn man so will – die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD). In einer umfassenden Studie über die Lebensqualität in europäischen Regionen (Link: oecdregionalwellbeing.org) kamen die OECD-Forscher unter anderem zum Ergebnis, dass es den Süddeutschen wesentlich besser gehe als den Bewohnern Restdeutschlands. Die Tageszeitung „Die Welt“ hat die Ergebnisse dieser Studie detailliert präsentiert und ein erstaunliches Fazit der OECD in folgendem Satz zusammengefasst: „Süddeutschland hat danach nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in puncto Sicherheit mehr mit Schweizer Kantonen gemein als mit den neuen Bundesländern oder der norddeutschen Küste.“ Peng!

Dann ist folgendes passiert: Die Redaktion der Schweizer Boulevard-Zeitung „Blick“ hat die Schlagzeile der „Welt“ („Bayern passt besser zur Schweiz als zu Deutschland“) als Steilvorlage angenommen. In großer Aufmachung wurden die Leser am 26. Juni gefragt: „2 neue Kantone für die Schweiz?“ Und darüber stand geschrieben: „Bayern und Baden-Württemberg sind wie wir.“ Und dann werden feinsäuberlich die Gemeinsamkeiten zwischen Süddeutschen und Schweizern aufgelistet: eine ähnlich hohe Beschäftigungsquote, eine ähnlich hohe Wirtschaftsleistung, eine ähnlich hohe Arbeitsmoral. Außerdem schwelgen die beiden Autoren schon mal in den Vorteilen, die ein Beitritt Bayerns und Baden-Württembergs den Schweizern bescheren würde. Als da wären: das deutsche Reinheitsgebot beim Bier sowie „die wunderbaren Automobilmarken“. Kommentar: „Es wäre Balsam für die Industrienation Schweiz, deren Automobilkonstrukteure aus der Gründerzeit längst verschwunden sind.“ Auch in der Mentalität sehen die Eingemeindungswerber keinesfalls ein Hindernis: „Und dann ist da die Sprache. Ein Bayer fühlt sich sprachlich dem Schweizer näher als dem Hanseaten oder dem Sachsen. Das Badische klingt im Grunde wie Schwiizerdütsch.“

Einen Wirtschaftshistoriker namens Tobias Straumann haben die „Blick“-Journalisten ebenfalls befragt. Derselbe kommt zum Ergebnis: „Wirtschaftlich passen wir auf jeden Fall sehr gut zusammen. Die Löhne sind ähnlich hoch, und die Arbeitslosigkeit ist vergleichbar tief.“ Allerdings befürchtet Straumann, dass die derzeitigen Spitzenpolitiker der künftigen Kantone Baden-Württemberg und Bayern den Anschluss boykottieren könnten: „Sie haben auf nationaler Stufe viel Einfluss über die Grenzen hinaus. Als Politiker eines Schweizer Kantons wären sie bestenfalls noch Lokalfürsten.“ Ein Kantonspräsident Winfried Kretschmann? Ein Kantonspräsident Horst Seehofer? Von Letzterem ist nicht bekannt, ob er Schweizer werden möchte. Winfried Kretschmann hat vor nicht allzu langer Zeit immerhin angemerkt, dass ihm die Mentalität der Schweizer vertrauter sei als diejenige der Norddeutschen. Konkret wollte er sich auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ aber nicht zu einem Anschluss an die Schweiz äußern. Der Grünen-Politiker ist just in dieser Woche auf Besuch bei den Eidgenossen. Aus gut unterrichteter Quelle heißt es, Verhandlungen über den Kanton Baden-Württemberg stünden nicht auf der Tagesordnung.

Außerdem gibt es da noch ein kleines Hindernis. Das ist der Artikel 20 des deutschen Grundgesetzes. Der Austritt einzelner Länder aus der Bundesrepublik ist da schlicht nicht vorgesehen. Und auch völkerrechtlich wäre das eine äußerst diffizile Angelegenheit. Nebenbei: Für den deutschen Rest würde es zappenduster aussehen, wenn die Südländer sich für Rösti entschieden. Es ist unwahrscheinlich, dass die Schweizer beim Länderfinanzausgleich einspringen würden. Und die Baustelle des Berliner Großflughafens könnte man gleich dichtmachen. Die vergrößerte Schweiz hätte andererseits schlagartig eine auf europäischer Ebene furchterregende Wirtschaftsleistung.

Die Leser des „Blick“ wurden jedenfalls zur Abstimmung im Internet gebeten. Ankreuzen durften sie: „Ja. Wir spielten plötzlich in der Champions League.“ Oder: „Nein. Mir reichen die Deutschen, die jetzt schon da sind.“ Oder: „Wo bleibt Steinbrücks Kavallerie?“ Die Kommentare sind ganz erstaunlich ausgefallen. Bis Dienstag hatten sich 736 Eidgenossen gemeldet. 691 würden sich über die neuen Kantone freuen – nur 45 äußerten sich ablehnend.

Eine kleine Auswahl:

„Ja dann lasst uns doch mit Bayern dasselbe machen wie die Russen mit der Krim. Nächsten Sonntag lassen wir in Bayern abstimmen und am Montag danach zahlen die auch schon in Schweizer Franken. - Prost!“

„Herzlich willkommen in der Schweiz, liebe Bayern und Schwaben, jetzt müssen wir sofort eine Volksabstimmung lancieren für eure Aufnahme in die Eidgenossenschaft.“

„Das Blöde für die Eidgenossenschaft ist nur: Die Bayern haben nicht die geringste Lust, zur Schweiz zu gehören. Warum sollten sie auch?“

„Jawohl bin voll dafür . Ich sage es schon seit Jahren, wir machen ein Tauschgeschäft mit Deutschland: Bayern zur Schweiz, und die hochnäsigen Zürcher zu den hochnäsigen Deutschen.“

„Jawohl, liebe Bayern und Baden-Württemberger ihr passt zu den Deutsch-Schweizern. Wir mögen euch, denn unsere Kulturen passen bestens zusammen. Es wäre an der Zeit die deutsch sprechenden Kulturräume näher aneinander zu führen. Denn Multikulti Mix aus irgendwelchen fremden Kulturräumen macht uns immer weniger glücklich. Ich freue mich auf die nächsten vier Tage in Oberösterreich beim Woodstock bei schöner Blasmusik, da werden wir unsere gemeinsamen Interessen wieder intensiv pflegen und feiern!“

„Da bin ich sofort dabei. Die Bayern mag ich und der Uli Hoeness könnte wieder aus dem Knast, weil er sein Geld ja nur Schweiz intern verschoben hätte. Baden-Württemberg, Bayern und die Schweiz sind einander tatsächlich sehr ähnlich; Kultur, Sprache, Lebenseinstellung. Die nördlichen Bundesländer und ganz speziell die neuen Bundesländer sind für mich eher etwas fremd.“

„Der neue Staat ME! Wir gründen innerhalb Europas einen neuen Staat zusammen mit Baden-Württemberg, Bayern, Österreich und Südtirol mit der Währung Schweizer Franken.“

„Das neue Bündnis Mitteleuropa ME. Bayern und Baden Württemberg müssen sich von Deutschland lösen.“

P.S.: Nach Überzeugung der Sportredakteure der „Schwäbischen Zeitung“ hätte die um zwei Kantone angereicherte Schweiz allerbeste Chancen, Fußball-Weltmeister zu werden. Alle Bayern-München-Spieler und Trainer Ottmar Hitzfeld wären ein Garant für den eidgenössischen Sieg gewesen.

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