Alexander Kauschanski (rechts) und Carina Lange sammeln in Radolfzell Forderungen von Jugendlichen an die UN ein.
Alexander Kauschanski (rechts) und Carina Lange sammeln in Radolfzell Forderungen von Jugendlichen an die UN ein. (Foto: Julia Baumann)
Julia Baumann

Carina Lange und Alexander Kauschanski stehen in der Radolfzeller Fußgängerzone. Ihre Fahrräder sind voll bepackt mit Taschen. In Carina Langes Fahrradkorb liegen Klemmbrett und Stifte. Suchend blicken sich beide um, bis sie einige Jugendliche vom Radolfzeller Bahnhof herschlendern sehen. „Habt ihr schon einmal was von den UN gehört?“, spricht Lange die Gruppe 16- und 17-Jähriger an – und blickt in fünf fragende Gesichter.

Lange und Kauschanski sind die UN-Jugenddelegierten für Deutschland. Auf ein Jahr gewählt, vertreten sie Deutschlands Jugend bei den Vereinten Nationen. Ernst wird es im Oktober: Dann werden die beiden vor dem dritten Ausschuss der UN-Generalversammlung in New York sprechen.

Doch bis dahin gibt es noch viel zu tun: Denn was die Studenten vor dem Ausschuss vorbringen, hängt auch davon ab, was die Jugendlichen in Deutschland für Forderungen an die UN haben. Seit März sind Lange und Kauschanski dafür in ganz Deutschland unterwegs, halten Vorträge, geben Workshops – und tragen zusammen, was sich die Jugend von den UN wünscht. Abschluss der Deutschlandtour ist die zweiwöchige Radtour von Hannover nach Konstanz, auf der Lange und Kauschanski über Straßenaktionen wie die in Radolfzell die letzten Forderungen von Jugendlichen einsammeln.

„Das Geld müsste auf der Welt besser verteilt werden. Viele Menschen in Afrika haben nichts, dafür werden Fußballer in Deutschland für ein Hobby unglaublich gut bezahlt“, sagt Fitim Fetaj, einer der Radolfzeller Jugendlichen, die sich um Lange und Kauschanski geschart haben. Außerdem, so der Muslime, müsste man die Menschen besser aufklären über den Unterschied zwischen Islam und dem IS.

Während Kauschanski mit den Jugendlichen spricht, notiert Lange die Forderungen, die die Jungs haben, auf großen Zetteln. Neben der gerechteren Verteilung von Geld wünschen sich die Jugendlichen auch gerechtere Strafen. „Oft bekommen Kinderschänder nur ein paar Jahre Haft, das finde ich nicht richtig“, sagt der 17-jährige Metec Cesor. Außerdem, so die Jugendlichen, sollte Rassismus bestraft und eine Lösung gefunden werden, wie genug Wasser in die trockenen Regionen Afrikas käme. „Wir fassen die Wünsche zu einer Art Heft zusammen und nehmen sie nicht nur mit nach New York, sondern übergeben sie auch an Bundespräsident Joachim Gauck“, erklärt Lange.

Besuch im Gefängnis

Die Straßenaktionen sind nur ein Bestandteil der Radtour der beiden Jugenddelegierten. Immer wieder werden sie auch von Institutionen zum Gespräch eingeladen. „Am besten waren eigentlich die Termine, vor denen wir zunächst Angst hatten“, sagt Kauschanski.

Zum Beispiel, als sie mit Insassen des Jugendgefängnisses in Adelsheim bei Heilbronn gesprochen haben. „Die Jugendlichen dort waren total offen, haben viele Fragen gestellt und mit uns diskutiert.“ Die Themen, die die Jugendlichen im Gefängnis interessiert hätten, seien übrigens auch keine anderen gewesen, als die der Jugendlichen auf den Marktplätzen in den Städten: Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Integration, Inklusion.

Auch Jugendliche in einem Flüchtlingsheim und Bewohner einer WG der Lebenshilfe in Fürth haben Lange und Kauschanski auf ihrer Tour besucht. „Da hat mich sehr beeindruckt, wie selbstlos die Forderungen der Jugendlichen dort waren“, erzählt Kauschanski. Viele der Flüchtlinge wollten beispielsweise studieren, um später beim Wiederaufbau ihres Landes zu helfen. „Und in der Lebenshilfe wollte einer einfach, dass es allen Menschen saugut geht“, sagt Kauschanski.

Ein echter Fulltime-Job

Ein Jahr lang kreuz und quer durch Deutschland reisen, die Großen der Politik treffen und in New York das Sprachrohr für die Jugend in Deutschland sein – eigentlich klingt das, was Lange und Kauschanski in ihrem Jahr als Jugenddelegierte machen, nach einem aufregenden Job. Trotzdem haben sich für das Amt deutschlandweit weniger als einhundert Jugendliche beworben. „Wir arbeiten im Schnitt zwischen 20 und 40 Stunden pro Woche. Jugenddelegierter zu sein, ist also schon ein echter Fulltime-Job“, sagt Lange. Ein Fulltime-Job, der nichts einbringt. Denn der Posten ist ein Ehrenamt, Lange und Kauschanski bekommen lediglich ihre Kosten für Zugfahrten und Unterkünfte erstattet. „Wir arbeiten daran, dass die Jugenddelegierten künftig eine Aufwandsentschädigung bekommen“, sagt Heidrun Fritze, Jugendreferentin der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen, die zusammen mit dem Deutschen Nationalkommitee für Internationale Jugendarbeit Träger des UN-Jugenddelegiertenprogramms ist.

Deutschland ist seit 2005 mit zwei Jugenddelegierten in der UN vertreten. Bewerben können sich junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren. „Und die Bewerbung ist relativ aufwendig“, sagt Lange. Mit ihrer schriftlichen Bewerbung musste sie Essays zu politischen Themen einreichen, Telefoninterviews bestehen und an einem Bewerbertag ein Diplomatengespräch simulieren.

Bis jetzt waren die wenigen Bewerber, die sich für das Programm interessiert haben, immer Studenten. Die meisten von ihnen nehmen sich für die Zeit als Jugenddelegierte Urlaubssemester. Carina Lange und Alexander Kauschanski wollten ihr Studium nicht unterbrechen, Lange hat zu Beginn ihrer Amtszeit sogar noch ihre Masterarbeit fertig geschrieben. Seit sie ihre Masterarbeit abgeschlossen hat, ist Lange ganz und gar Jugenddelegierte. „Einen richtigen Job könnte ich nebenher auf keinen Fall machen“, sagt sie.

Politische Bildungsarbeit

Alexander Kauschanski studiert neben seiner Arbeit in Leipzig Politikwissenschaften. „Ich belege aber gerade wenig Kurse und lerne im Zug oder Bus. Das geht schon irgendwie. Aber man muss schon mit Leidenschaft dabei sein. Dafür ist es zu viel Arbeit“, sagt er. Der große Aufwand sei auch, so Heidrun Fritze, mit ein Grund, warum sich nur Studenten bewerben. Dass die Bewerberzahlen aber selbst in Studentenkreisen extrem gering ausfallen, erklärt sie damit, dass das Programm noch nicht sehr bekannt sei. „Das ist schade. Denn für die Jugendlichen bietet das Delegiertenprogramm viele Möglichkeiten, politische Bildungsarbeit zu leisten und einen Einblick in die UN zu bekommen“, sagt Fritze.

Für Carina Lange ist das Programm – wenn auch unbezahlt – die ideale Anknüpfung an ihr „Studium der internationalen Governance“, einem internationalen Studiengang der Universitäten Münster und Lille. „Es ist wie das perfekte Praktikum. Ich bekomme Einblicke in alle möglichen Bereiche und kann dabei noch etwas bewegen“, sagt sie.

Mit ihrem Besuch in Radolfzell sind Lange und Kauschanski nach drei Stunden durch – und zufrieden. Von den fünf Jungs, die sie am Bahnhof angesprochen hatten, haben sie eine ganze Menge Forderungen mit bekommen. „Die klassische Politikverdrossenheit, wie sie Jugendlichen oft unterstellt wird, konnten wir im vergangenen halben Jahr jedenfalls nicht feststellen“, sagt Kauschanski. Ihm als gebürtigem Ukrainer sei es besonders wichtig, das Denken der Jugendlichen als „Weltbürger“ zu fördern.

„Wir sind nicht für deutsche Jugendliche unterwegs, sondern für die Jugendlichen in Deutschland“, sagt er. Hier hinkt das Konzept der UN-Jugenddelegierten dem Idealismus allerdings hinterher: Bislang können sich für den Posten nur Jugendliche bewerben, die eine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.

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