Zu wenig Bademeister: Viele Bäder in der Region sind von Schließung bedroht

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Thomas Strohmengervor dem Schwimmbecken in Weingarten
Thomas Strohmenger ist seit 40 Jahren Schwimmeister in Weingarten. Er macht seinen Job immer noch gerne. (Foto: Grupe)
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Ein Bademeister muss nichts tun, außer braungebrannt und blendend auszusehen. So dachten viele Menschen noch, als Thomas Strohmenger das erste Mal am Beckenrand stand. In jenem Jahr wurde der Hamburger SV Deutscher Meister, Franz-Josef Strauß zum Kanzlerkandidat ernannt und die Damen trugen String-Bikini.

40 Jahre später arbeitet Strohmenger noch immer im Schwimmbad Nessenreben im oberschwäbischen Weingarten, blickt auf die alten Bäume der idyllischen Anlage und sagt: „Der Job macht Spaß.“ Um nicht ohne Grund hinzuzufügen: „Noch immer.“

Denn an einem wolkenverhangenen Tag wie diesem bleibt Zeit für Fragen, die sich 1979 so nicht gestellt haben: Warum können viele Kinder heute nicht mehr schwimmen? Warum hat sich das Benehmen der Menschen im Schwimmbad massiv verschlechtert? Vor allem: Weshalb will kaum noch jemand Schwimmmeister sein? Und wie lässt sich ein flächendeckendes Bädersterben verhindern?

Prekäre Lage für die Gemeinden

Dass Schwimmbäder schließen müssen, ist kein neues Phänomen, doch die Gründe sind inzwischen oft andere. Früher waren es meist finanzielle, heute suchen die Kommunen verzweifelt und vergeblich nach Personal. Nirgends ist die Lage so prekär wie in Baden-Württemberg, wo nach Schätzungen des Landesverbandes der Schwimmmeister rund 500 Stellen unbesetzt bleiben.

Mangel herrscht in Ravensburg, Leutkirch, Kißlegg und anderen Städten. Vielerorts führt dies zu eingeschränkten Öffnungszeiten, etwa im Freibad Ried in Tettnang: „In diesem Jahr können wir wegen Personalmangels kein Frühschwimmen anbieten“, sagt Stadtsprecherin Judith Maier.

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Schlimmeres konnte die Gemeinde verhindern, weil die neue Pächterin des Freibadkiosks gleichzeitig Schwimmmeisterin ist und beide Aufgaben im Wechsel ausübt. Dieses Glück hatte die Allgäu-Gemeinde Eglofs in Argenbühl nicht, dort wurde jetzt das Moorbad geschlossen. „Wer Eintritt verlangt, haftet auch für die Sicherheit“, erklärt Kämmerer Gerhard Butscher. Da der professionelle Schutz nun fehlt, wurde aus dem Moorbad eine unbeaufsichtigte Badestelle.

Als Thomas Strohmenger in Nessenreben anfing, war Bademeister noch ein gefragter Job. Seither haben sich aber die Ansprüche geändert. „Es geht ums Gehalt und die Arbeitszeit“, sagt der 60-Jährige über den Nachwuchsmangel. Wer nur mit 1400 bis 1500 Euro rechnen darf, fängt die Ausbildung erst gar nicht an oder wechsle, so Strohmenger, in die öffentliche Verwaltung.

Dazu kommen Dienstzeiten, die das Privatleben belasten. „Junge Leute wollen nicht arbeiten, wenn andere Freizeit haben“, bestätigt Edgar Koslowski, Vorsitzender des baden-württembergischen Landesverbandes Deutscher Schwimmmeister. Erschwerend haftet dem Beruf seit Jahrzehnten ein gern belächeltes Image an.

Belächeltes Image

In den 1970er-Jahren war es geprägt vom Goldkettchen tragenden Frauenschwarm, der pfauenhaft am Sprungbrett seine Autorität ausspielt. Später sangen Die Ärzte „Paul heißt er – ist Bademeister … findet Paul mal ein Mädchen nett, wirft er sie vom Zehnmeterbrett!“ Und David Hasselhoff alias Mitch Buchannon in „Baywatch“ konnte zwar die Föhnfrisur über viele Jahre stabil halten, das Berufsbild Rettungsschwimmer ging zwischen den Liebeleien in seichtem Terrain aber unter.

Bademeistermangel bringt Bäderbetriebe in Bedrängnis
Der Sommer ist da und damit startet auch die Freibadsaison. Bei viel Sonne bekommt man kaum noch einen Parkplatz vor dem Freibad, geschweige denn einen Handtuchplatz im Schatten. Damit wir überhaupt ins Freibad können und damit die Sicherheit gewährleistet wird, muss es genügend Bademeister geben. Und genau da liegt das Problem: Die sind in der Region so rar, dass das Freibad mancherorts sogar geschlossen werden muss. Mehr dazu im Video.

„Die Leute glauben noch immer, Hinz und Kunz könnte ein Schwimmbad leiten“, sagt Koslowski. Was sich tatsächlich als Mär erweist. Aus dem einstigen Bademeister ist längst der Ausbildungsberuf „Fachkraft für Bäderbetriebe“ geworden. Das komplexe Aufgabengebiet umfasst die Wartung der Technik, die Überprüfung der Wasserqualität, den Umgang mit sensiblen Chemikalien – und nicht zuletzt die professionelle Aufsicht an Schwimmbecken, Rutsche und Sprungturm.

Die Leute glauben noch immer, Hinz und Kunz könnte ein Schwimmbad leiten.

Edgar Koslowski

„Die Verantwortung ist sehr groß“, sagt Koslowski, der schon selber als Schwimmmeister in Mannheim den Tod eines Badegastes durch Wiederbelebung verhindern konnte. Auch Strohmenger in Nessenreben kann sich noch gut an jenes Mädchen erinnern, das die Retter mit aufgeblähtem Wasserbauch rausgezogen haben. „Die Mutter war mit der Aufsicht ihrer Kinder völlig überfordert.“

Viele Kinder können nicht schwimmen

Probleme wie diese häufen sich. „Früher war das Credo: Die Kinder lernen vor der Einschulung das Schwimmen“, sagt Strohmenger. Heute schaffen laut einer Studie nur noch 40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen den Freischwimmer. Für die Verbände eine Folge fehlenden Schwimmunterrichts und der sinkenden Zahl an Badeanstalten.

Früher war das Credo, die Kinder lernen vor der Einschulung das Schwimmen.

Edgar Koslowski

Dazu erhöht sich der Druck am Beckenrand durch gestresste Eltern und gereizte Gäste. Als Badeaufsicht, so Peter Harzheim, Präsident des Bundesverbands Deutscher Schwimmmeister, brauche es inzwischen eine „Menge Psychologie und Streitschlichtung“. Sein Verbandskollege aus Mannheim spricht vom „Streetworker am Beckenrand“.

Weil die Ansprüche so hoch wie nie sind, wehren sich die Schwimmmeister dagegen, das Berufsbild aufzuweichen. So denkt die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen über einen Badebetriebsassistenten nach, um den Personalmangel zu beheben. „Dadurch würden die Sicherheitsstandards sinken“, warnt Tomas Herbing von der Verdi-Fachgruppe Kommunalverwaltung.

Der Gewerkschaftler sieht ohnehin die Fehler bei den Kommunen: „Dort wurden in der Vergangenheit viel zu wenige Schwimmmeister ausgebildet – das gilt besonders für Baden-Württemberg.“ Mit den drohenden Bäderschließungen im Nacken würde sich zumindest in den Großstädten inzwischen etwas tun. Stuttgart beispielsweise sei vorbildlich, genauso wie München. In den beiden Landeshauptstädten gibt es neben Ausbildungsplätzen einen ordentlichen Tarif und auch Prämienzahlungen.

„Badekultur gehört zur Menschheit“

Solange sich aber in der Fläche die Personalpolitik nicht ändert, werden viele Bäder weiter auf Aushilfen von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) setzen. Die gewährleisten immerhin die Sicherheit im Wasser, darüber hinaus aber nichts: „Ein Schwimmmeister muss ein Bad auch selbstständig leiten können“, sagt Thomas Strohmenger. Wer den 60-Jährigen in Nessenreben trifft, kann nur schwer nachvollziehen, weshalb so wenige seinen Beruf ausüben wollen.

Vom Wald her zwitschern Vögel, Krähen picken im Gras nach Würmern und das spiegelglatte Wasser besänftigt das Gemüt. „In Nessenreben gab es schon 1886 eine Badestelle“, erzählt er, damals noch als Militärbad. Nach dem Ersten Weltkrieg erwarb die Stadt das Bad, anfangs wurden nach Geschlechtern getrennte Badezeiten angeordnet, dem drohenden Sittenverfall wegen. „Die Badekultur gehört eben zur Menschheit“, sagt Strohmenger.

Prompt drängt eine Schar Kinder vom benachbarten Zeltlager durch die Drehkreuze, wirft die Kleider von sich und wühlt im nächsten Augenblick unter Geschrei das Wasser auf. Strohmenger lächelt: „Einfach schön.” Glücklich, wer sich in solchen Momenten Schwimmmeister nennen darf.

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