Zu viel Hass und Hetze - Antisemitismusbeauftragter zieht sich aus sozialen Netzwerken zurück

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Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter von Baden-Württemberg, zieht sich aus den sozialen Netzwerken zurück.
Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter von Baden-Württemberg, zieht sich aus den sozialen Netzwerken zurück. (Foto: dpa)
Landes-Korrespondentin

Stellen Sie sich vor, Sie treffen einen entfernten Bekannten auf dem Marktplatz. Und er sagt diesen Satz: „Antisemitismus finde ich nicht schlimm, man muss Juden Orientalen einfach nicht mögen.“ Wären sie von dieser Offenheit nicht überrascht?

Eben! Unter dem Mäntelchen der Anonymität dagegen hetzt es sich im Internet ganz ungeniert. Michael Blume kennt Rassismus, Hetze und Menschenfeindlichkeit auf den neuen digitalen Marktplätzen nur zu gut. Den zitierten Satz hat ein Kommentator so auf seiner Twitter-Seite hinterlassen. Blume war selbst oft Zielscheibe von verbalen Attacken.

Es ist der Punkt erreicht, an dem ich sage, ich kann das Geschäftsmodell, das unsere Demokratie bedroht, nicht mehr weiter unterstützen.

Michael Blume, Antisemitismusbeauftragte von Baden-Württemberg

Damit ist jetzt Schluss. Der Antisemitismusbeauftragte von Baden-Württemberg, Michael Blume, zieht sich aus Facebook und Twitter zurück. Weil er den Hass gegen sich und seine Familie nicht mehr ertragen kann? Vielleicht auch, ja. Seine Motivation für diesen radikalen Schritt ist aber eine andere: „Es ist der Punkt erreicht, an dem ich sage, ich kann das Geschäftsmodell, das unsere Demokratie bedroht, nicht mehr weiter unterstützen.“

Michael Blume hat sich noch nie vor der Debatte gedrückt – im Gegenteil. Er hat Überzeugungen und äußert sie. Sei es als Mitglied der CDU, für die er als 23-Jähriger in seiner Heimatstadt Filderstadt auch einige Jahre im Stadtrat saß. Sei es als überzeugter Christ – so kandidiert er etwa für das Parlament der Evangelischen Landeskirche Württemberg, das im Dezember neu gewählt wird. Sei es als Brückenbauer zwischen den Kulturen – öffentlich wie auch im Privaten. Der 43-jährige Religionswissenschaftler ist mit einer Muslimin verheiratet, das Paar hat drei Kinder.

Informationen wie diese teilt Michael Blume mit der Welt. Er berichtet auf Facebook und Twitter über sein Leben, über seine Arbeit als Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg, über seine Bücher, die Titel tragen wie „Islam in der Krise“ und „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“.

Viele feiern ihn für seine Offenheit und klare Kante, für andere ist er eine Reizfigur. Letztere hinterlassen auf seinen Seiten in den sozialen Netzwerken täglich Hass und Hetze. Besonders viele Kommentare findet er nach Vorfällen wie dem rassistischen, antisemitischen Attentat in Halle, bei dem jüngst zwei Menschen getötet wurden.

Auch musste er sich schonmal dagegen wehren, dass jemand unter seinem Namen ein Profil auf Twitter erstellt hat – und dann antisemitische Beiträge mit „Gefällt mir“ markiert hat. 

All das ist ab sofort Geschichte. „Dies ist mein Abschiedspost von Facebook und Twitter“, hat Blume am Dienstagvormittag auf den beiden Portalen geschrieben. „Schon seit Jahren warne ich ja vor den Gefahren der digitalen Verrohung und Radikalisierung und habe sie auch mit Beschimpfungen, Drohungen etc. immer wieder am eigenen Leib erfahren. Dennoch habe ich mir immer eingeredet, ich müsste dabei bleiben, den Extremen nicht das Feld überlassen.“ 

Ich habe mich geweigert, im Irak Angst zu haben & habe nicht vor, damit in Deutschland anzufangen.

Michael Blume, Antisemitismusbeauftragte von Baden-Württemberg

Hass-Posts zu löschen und die Verfasser an die Betreiber der Plattformen zu melden, reicht ihm nicht mehr. Eine Kapitulation? Vielleicht aus Angst? Nein, schreibt er selbst als Reaktion auf die vielen Angriffe am Tag des Halle-Attentats auf Twitter. „Ich habe mich geweigert, im Irak Angst zu haben & habe nicht vor, damit in Deutschland anzufangen.“

Vor allem im Jahr 2015 war Blume immer wieder im Nordirak. Er setzte dort das um, was die damals grün-rote Landesregierung zuvor beschlossen hatte: mehr als 1000 schutzbedürftige Frauen und ihre Kinder jesidischen Glaubens nach Baden-Württemberg umzusiedeln.

Seit 2003 arbeitet Blume im Staatsministerium des Landes, wo er unter anderem für nichtchristliche Religionen und Werte zuständig ist. Die Jesidinnen waren traumatisiert, sie waren aus der Sklaverei der Anhänger des sogenannten Islamischen Staats entkommen.

Diese Zeit hat Blume einmal als die härteste seines Lebens bezeichnet – unter anderem, weil er mitzuentscheiden hatte, wer nach Baden-Württemberg kommen durfte – und wer nicht. Es sei aber auch das sinnvollste Jahr seines Lebens gewesen. Auf diese Weise kam auch Nadia Murad nach Deutschland. 2018 wurde ihr der Friedensnobelpreis verliehen. 

Blume ist niemand, der sich wegduckt, wenn es ungemütlich wird. So hat er auch den Provokateuren im Internet, den sogenannten Trollen, Paroli geboten und versucht, Debatten über Inhalte zu führen. Das kann kaum gelingen, sagt Christian Nuernbergk. Der Kommunikations- und Politikwissenschaftler forscht an der Universität in Trier zu Kommunikation in der Digitalisierten Öffentlichkeit.

Informationen breiten sich dort schneller aus, Reize werden stärker angesprochen.

Christian Nuernbergk, der Kommunikations- und Politikwissenschaftler

Die Kommunikation in den sozialen Medien im Internet sei eine andere als in den herkömmlichen, sagt er. Und doch hätten viele die gleichen Erwartungen: etwa, dass auch im Internet Diskurs stattfinde. Aber: „Informationen breiten sich dort schneller aus, Reize werden stärker angesprochen. Der Diskurs ist stärker durch Emotionalisierung geprägt“, so Nuernbergk. „Das begünstigt einen Kommunikationsstil, der es denjenigen schwer macht, die sich sachlich beteiligen wollen.“

Das führt unsere Gesellschaft in den Abgrund.

Michael Blume, Antisemitismusbeauftragte von Baden-Württemberg

Und genau das wollen die Plattformen ja, kritisiert Blume. Sie zielten auf den Effekt, die emotionale Ansprache. Die Netzwerke schafften dadurch bei den Nutzern Aufmerksamkeit, indem sie extreme Positionen verbreiteten, die emotionalisierten. Mehr Aufmerksamkeit der Nutzer erzeuge mehr Werbeeinnahmen, über die sich die Plattformen unter anderem finanzieren. „Wir sind dort nicht Kunden, wir sind dort Produkt“, kritisiert Blume. „Das führt unsere Gesellschaft in den Abgrund.“ 

Diese Erkenntnis ist für Blume nicht neu. Zwei Ereignisse der vergangenen Tage hätten ihn zum Rückzug endgültig bewogen. Da ist zum einen die Landtagswahl in Thüringen. Die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Björn Höcke, der per Gerichtsurteil als Faschist bezeichnet werden kann, hat 23,4 Prozent der Stimmen gewonnen. Dass die Partei zweitstärkste Kraft wurde, verdankt sie nicht so sehr den älteren, sondern den jungen Wählern.

Bei den Unter-30-Jährigen hat die AfD den meisten Zuspruch bekommen. Für Blume ist dies ein Indiz für seine These, dass die sozialen Plattformen Hass und Rassismus verstärkten. Algorithmen sorgen dafür, dass die Nutzer immer noch extremere Beiträge angezeigt bekommen. Und das so lange, bis der User glaubt, dass diese virtuelle Blase die Realität widerspiegele. Diesem Mechanismus will sich Michael Blume entziehen.

Zweiter Auslöser sei die Ankündigung von Facebook gewesen, mit Breitbart-News zu kooperieren. Das US-amerikanische Nachrichtenportal wurde in Deutschland vor allem zu den Anfangszeiten der Präsidentschaft von Donald Trump bekannt.

Der US-Präsident hatte nämlich Steve Bannon zu seinem Chefstrategen gemacht – Bannon leitete zuvor das Portal, dessen Zielgruppe er selbst einmal als „weiße Nationalisten“ bezeichnet hatte. Immer wieder wurde Breitbart-News dafür kritisiert, irreführende oder sogar falsche Nachrichten zu verbreiten – häufig auf Kosten von farbigen Menschen oder Einwanderern.

Sie haben alle gesagt: ,Wir haben uns schon gefragt, wie lange Du all den Hass noch durchstehen wolltest’.

Michael Blume, Antisemitismusbeauftragte von Baden-Württemberg

Diese Nachrichtenplattform soll nun ein Teil des neuen Dienstes namens Facebook News werden. Laut Facebook-Chef Mark Zuckerberg geht es bei diesem neuen Dienst darum, den Nutzern verlässliche Nachrichten zu bieten – und zwar aus einem breiten Meinungsspektrum. Facebook bezahlt die Nachrichtenportale dafür. Für Blume ist dies unerträglich.

Raus da, dachte Blume, und hat in den vergangenen Tagen mit seiner Familie und den engsten Kollegen über seine Idee gesprochen. „Sie haben alle gesagt: ,Wir haben uns schon gefragt, wie lange Du all den Hass noch durchstehen wolltest’“, sagt er. Und ein bisschen Erleichterung klingt in seiner Stimme mit.

Kommunikationswissenschaftler Nuernbergk sieht Blumes Rückzug dennoch kritisch. „Ich halte es nicht für klug, sich aus diesem Kommunikationsraum zurückzuziehen und ihn den anderen zu überlassen.“ Der direkte Zugang zu den Menschen, die direkte Kommunikation, entfalle dadurch.

„Hater wird man nicht überzeugen, aber es geht auch darum, zu ermahnen und andere frühzeitig aufzuklären.“ Er verstehe den Frust, der sich aufstaue – gerade wenn man auch selbst regelmäßig angegriffen werden. Aber, so mahnt Nuernbergk: „Es wäre ein Verlust für den Diskurs, wenn wichtige Stimmen und Repräsentanten sich zurückziehen.“

So ganz wird Blume aber nicht aus dem Internet verschwinden. Seinen wissenschaftlichen Blog werde er weiter betreiben. „Als Blogger kann ich im Internet weiter Position beziehen“, sagt Blume. Und er hofft, dass sein Rückzug von Facebook und Twitter eine Debatte auslösen möge – und sich der Staat mehr einsetzt gegen Hass und Bedrohung im Netz.

Wenn wir wollen, dass Menschen sich für die Demokratie auch weiter engagieren, müssen wir sie schützen.

Michael Blume, Antisemitismusbeauftragte von Baden-Württemberg

Auf der Internetseite „Nürnberg 2.0“, einem rechten Pranger, wird er bereits seit 2011 öffentlich als Feind Deutschlands geführt. Auf dieser sei auch Walter Lübcke gelistet gewesen. Der Kasseler Regierungspräsident der CDU war erst vor wenigen Monaten von einem rechten Attentäter auf der eigenen Terrasse niedergeschossen und getötet worden.

„Offenbar ist es niemandem möglich, wenigstens dagegen vorzugehen“, sagt Blume mit Verweis auf die Internetseite. „Wenn wir wollen, dass Menschen sich für die Demokratie auch weiter engagieren, müssen wir sie schützen.“

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