Zocken im Altenheim: Wie eine Spielkonsole Senioren fit halten soll

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Dana Devinja (71) vor dem Motorrad-Simulator.
Dana Devinja (71) vor dem Motorrad-Simulator. (Foto: Katja Korf)
Landes-Korrespondentin

Dana Devinja (71) lehnt sich in die Kurve. Ihr Motorrad legt sich nach links und umfährt in einer eleganten Kurve die Warnbake. Hinter ihr ertönt Applaus. Die Seniorin sitzt nicht auf der Maschine. Sie steht vor dem Fernseher und spielt ein Videospiel. Devinja und ihre Mitbewohner im Stuttgarter Altenzentrum „Haus Am Weinberg“ testen die „Memore-Box“. Die Spielkonsole für ältere Menschen soll helfen, diese fit zu halten. Die Krankenkasse Barmer testet sie bundesweit in 100 Heimen, darunter zehn im Südwesten. Bayern soll bald folgen.

Bevor die kleine schwarze Konsole den Weg in die Heime fand, wurde sie getestet. Das Gerät soll nämlich nicht nur Spaß machen. Es hat einen therapeutischen Nutzen – zumindest nach den ersten Ergebnissen einer Studie. Daran beteiligten sich 72 Senioren in Berlin und Hamburg. Etwa die Hälfte spielte mehrere Monate regelmäßig: Kegeln, Tischtennis, Motorradfahrt. Eine ebenso große Kontrollgruppe nutze die Konsole nicht. Anfangs und am Ende der Studie testen Experten die Fähigkeiten der Teilnehmer: Wie gut ist die Koordination von Hand und Augen, wie gut der Gleichgewichtssinn, was merken sich die Menschen?

„Der Nutzen ist elementar für Spieler“, fasst Winfried Plötze von der Barmer die Ergebnisse zusammen. Die Fähigkeiten der Spieler hätten sich verbessert. Das Spiel hilft aus Sicht der begleitenden Wissenschaftler, die Menschen fit zu halten.

Wenn etwa Günther Lang (82) als Postbote auf dem Rad sitzt, muss er hinter sich in einen virtuellen Korb am Gepäckträger greifen, mal rechts hinten, mal links. Die Post wirft er in Briefkästen am Straßenrand. „Das haben wir aus der Parkinson-Prävention übernommen“, erklärt Manouchehr Shamsriz, Gründer der Entwickler-Firma RetroBrain.

Parkinson vorbeugen

Die Koordination über eine Körperhälfte hinweg sei dazu wichtig. Menschen übten aber auch Fähigkeiten, die etwa vor Stürzen schützen. Sogar die Ergotherapeuten des „Hauses am Weinberg“ setzen die Konsolen mit ihren Patienten ein. Im Gegensatz zu den bekannten Konsolen ist die Box leichter zu bedienen. „Es ist viel einfacher als bei anderen, da muss man am Controller mehrere Knöpfe drücken oder braucht irgendwelche Joysticks“, sagt Nelli Kröger (84). Andere Modelle haben die Senioren hier ebenfalls ausprobiert, die Box gefällt ihnen bisher am besten.

Zwei Jahre lang spielen Senioren in ganz Deutschland mit der Box. Die Barmer übernimmt die Mietkosten, die die Heime zahlen müssen. Wie viel das ist, wollen die Verantwortlichen nicht sagen – am Markt gibt es Konkurrenz. Außerdem finanziert die Kasse die wissenschaftliche Begleitung unter anderem durch die Berliner Charité. Diese ist wichtig, soll das Projekt dauerhaft Erfolg haben. Denn nur, wenn der therapeutische Nutzen bewiesen ist, kann die Konsole zum flächendeckenden Angebot werden. Dazu muss sie von den zuständigen Gremien in den Katalog der Hilfsmittel aufgenommen werden, die von allen Kassen finanziert werden. Bislag gebe es ein vergleichbares Angebot in diesem Katalog nicht, sagt Barmer-Landeschef Plötze.

20 Millionen für die Vorbeugung

Für jeden der rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland haben die Kassen 31 Cent pro Jahr zur Verfügung, um Angebote zur Prävention zu machen. Das sind rund 20 Millionen Euro pro Jahr. Das Ziel: Die Menschen sollen nicht nur versorgt sein – sondern gezielt gefördert werden. Dafür hat die Bundesregierung die notwendigen Grundlagen geschaffen. Prävention soll die Lebensqualität der Senioren erhöhen, aber auch Risiken etwa durch Stürze mindern. „Solche Angebote sind sehr gut. Sie können die Pflege durch Menschen aber nie ersetzen, nur ergänzen“, betont Staatssekretärin Bärbl Mielich (Grüne): Sie ist Schirmherrin des Konsolen-Projekts und angetan von dessen Effekten.

Die gehen über körperliche Ertüchtigung deutlich hinaus. Beim Tanzen oder Karaoke zu „Eine Schifffahrt, die ist lustig“ vor der Box kommt im Gruppenraum Partystimmung auf. In anderen Heimen spielen Pflegekräfte mit, eine Einrichtung lädt regelmäßig Kinder ein, die mit den Älteren zocken. „Der soziale Effekt hat uns am meisten überrascht“, sagt Box-Erfinder Shamsriz.

Nur eins fehlt beim Kegelabend in Stuttgart: „Wir bekommen Saft oder Wasser“, sagt Nelli Kröger (84) , „ein Viertele gab es noch nicht dazu.“

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