Wo Botschafter Melnyk auf Fußball-Boss Neuendorf trifft - Das war das BBF 2022

Das Bodensee Business Forum 2022 in Friedrichshafen. (Foto: Michael Scheyer)
Reporter "Seite Drei"

„Netzwerken.“ Kontakte knüpfen.“ „Diskussionen zu Ende führen.“ „Relevante Persönlichkeiten treffen.“ Die Erwartungen der Besucher, Gäste, Diskussionsteilnehmer und Veranstalter ans Bodensee Business Forum (BBF) in Friedrichshafen sind an diesem sonnigen Dienstagmorgen weit gefächert. Rund 500 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Sport und Gesellschaft haben sich im Graf-Zeppelin-Haus eingefunden und sind sich einig: „Vernetzen statt verzweifeln“. Das Motto des fünften Forum, das die „Schwäbische Zeitung“ ausrichtet, passt zu hundert Prozent in die Zeit. Denn der Krieg gegen die Ukraine, der weltweite Klimawandel, die unterbrochenen Lieferketten, die galoppierende Inflation, die drohende Rezession und die Sorge um die Energieversorgung – um nur die wichtigsten Problemfelder zu nennen – beschäftigen die Verantwortungsträger sehr.

„Wir sprechen über Wege aus den Krisen“

Das BBF gehört mittlerweile zu den etablierten und gern besuchten Kongressen in Süddeutschland: Denn nicht nur in den 19 Diskussionsrunden, Panels genannt, oder den Workshops stehen die 70 Referentinnen und Referenten Rede und Antwort. Im Graf-Zeppelin-Haus treffen sich vor oder nach den Programmpunkten kleinere Runden, um sich auszutauschen, Anregungen zu diskutieren oder um zu netzwerken. „Wir sprechen über Wege aus den Krisen“, gibt Tobias Krohn, Mitglied der Geschäftsleitung der veranstaltenden SV-Gruppe, in der die „Schwäbische Zeitung“ erscheint, in seiner Begrüßung am Morgen die Richtung des Tages vor und weist darauf hin, dass alle Krisen miteinander verknüpft seien: „Uns geht es heute darum, den Blick zu weiten.“ Eine Aufgabe des Medienhauses sei es, „Kommunikation abzubilden und sie zu organisieren, damit wir die Krisen besser verstehen und Verständnis zu entwickeln.“ Darum seien Veranstaltungen wie das Forum gerade in der heutigen Zeit überaus wichtig.

Hendrik Groth, Editor-at-large in der SV-Gruppe und für das BBF verantwortlich, weist in seiner Einführung auf den „roten Faden“ des Tages hin: „Ob im Blick auf die Ukraine oder auf die Jesiden im Nordirak, im Gespräch über China oder Katar, wo die Fußballweltmeisterschaft stattfindet: Wir werden heute diese Themen ansprechen und in jedem unserer Gespräch über die Menschenrechte, die oftmals Teil der Krisen sind, diskutieren sind.“

Wertvolle Begenungen mit Persönlichkeiten

Die existenziellste aller derzeitigen Krisen erleben seit dem 24. Februar die Menschen in der Ukraine. Andrij Melnyk, der Botschafter des überfallenen Landes in Deutschland, ist seither gleichzeitig Stimme, Mahner und Rufer seiner Landsleute. Am 14. Oktober beendet er seinen Dienst in Berlin, kehrt nach Kiew zurück und wird einen Posten im Außenministerium der Ukraine übernehmen. Heute aber ist er am Bodensee. Und er ist es offensichtlich gerne: „Seit Kriegsbeginn habe ich Berlin nicht verlassen“, sagt er, „aber für dieses Forum bin ich kurz vor Ende meiner Amtszeit nach Friedrichshafen gekommen.“ Gewohnt direkt weist der Diplomat alle Forderungen nach Waffenruhen und Friedensverträgen zurück: Sie seien wertlos ohne eine grundlegende Veränderung innerhalb Russlands. Die Mehrheit der russischen Gesellschaft unterstütze den imperialistischen Kurs von Präsident Wladimir Putin und nehme in Kauf, dass die Ukrainer abgeschlachtet würden, sagt er.

„Gerade dieses Begegnungen mit Persönlichkeiten, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt, machen das Forum so wertvoll“, bewertet einer der Teilnehmer des BBF, Jens Freiter, Gründer des Internet-Portals „Holiday Check“, Melnyks Ansage. „Hier werden Diskussionen geführt und Gedanken zu Ende gebracht.“ Anders als in TV-Talkshows, so bestätigen es viele Gäste, gebe es beim BBF Zeit, Raum und Fläche, um komplexe Sachverhalte aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Denn wo sonst trifft der ukrainische Botschafter auf einen ehemaligen Nato-General zum Austausch?

Jürgen Knappe, bis Ende März der ranghöchste Militär in Süddeutschland, erklärt: „Die Unterstützung, die Deutschland über Waffen leistet, muss mit der Nato abgestimmt sein und kann nur im Rahmen der Bündnisverpflichtung geleistet werden.“

„Wir werden für die Menschenrechte kämpfen, jeder an seiner Stelle“

Das BBF ist ein Raum der besonderen Zusammentreffen: Die Gäste, die den Gouverneur der Provinz Dohuk in der Autonomen Region Kurdistan, Ali Tatar, erleben, sind gerührt, als der Politiker auf Farhad Asilo trifft. Denn Tatar setzt sich tatkräftig für das Überleben der religiösen Minderheit der Jesiden ein, wie er berichtet. 540 000 Geflüchtete leben in der Provinz Dohuk: „25 Prozent aller Bewohner!“ Asilo aber, der aus einer jesidischen Familie stammt, ist aus eben jener Region geflohen, nachdem sein Vater durch Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ ermordet worden war. Heute lebt Asilo in Stuttgart und wird 2023 sein Abitur ablegen. Was verbindet die beiden Männer, die das BBF erstmals zusammenbringt? „Wir werden für die Menschenrechte kämpfen, jeder an seiner Stelle“, betonen sie.

Nicht nur in den Krisen der politischen Tagesaktualität hat das BBF sich zur Aufgabe gesetzt, Wissen wir auch Kenntnis der Besucher zu weiten – und auch ganz andere, ungewohnte Perspektiven zu ermöglichen. Daher darf beispielsweise der kritische Blick auf China nicht fehlen. Auf dem Podium wird gefragt: „Ist das Reich der Mitte gefährlicher Konkurrent oder Partner?“ Christine Althauser, die als deutsche Diplomatin von 2017 bis 2021 deutsche Generalkonsulin im chinesischen Shanghai war, weist auf den bewährten Weg des Kontakts hin: „Städtepartnerschaften oder Studienaufenthalte leben immer vom direkten Austausch zwischen Menschen, das kann man über Zoom-Konferenzen nicht ersetzen!“

LKA-Chef trifft Antisemitismus-Beauftragten

Austausch, miteinander reden, Vertrauen aufbauen – auch mit schwierigen Partnern: „Darum bin ich zum BBF gekommen“, sagt die Influencerin Melina Weber. Die junge Frau aus Konstanz dreht kurze Videos, in denen sie auf Chinesisch über deutsche Landschaften oder die deutsche Küche spricht. Im „Reich der Mitte“ hat Weber, die einige Jahre in China gelebt und studiert hat, schon 500 000 Follower. Sie erfahren, warum die Deutschen seltsam mit den Fingern zählen, mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren und Sauerkraut essen. Ob Melina Weber an diesem Dienstag auf Andreas Stenger trifft? Gibt es ein Treffen der Influencerin und China-Versteherin mit dem Präsidenten des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg? Gut möglich. Für Stenger, der sich auf einem Podium über „Querdenker und Putin-Versteher“ unter anderem mit dem Antisemitismus-Beauftragten des Landes, Michael Blume, austauscht, sind gerade die unerwarteten und ungeplanten in Friedrichshafen „das Salz in der Suppe des BBF“. Er schätze „den Austausch unter Fachleuten unterschiedlicher Richtungen“, sagt Stenger, „hier sind Experten zusammen, die Kooperationen anstreben.“

Derweil Stenger über Kooperationen im Bereich der inneren Sicherheit nachdenkt, netzwerkt und spricht, entwickelt sich trotz vorgerückter Stunde im Alfred-Colsman-Saal eine lebhafte Diskussion zum Thema Fachkräftemangel. Jürgen Mladek, Chefredakteur der „Schwäbischen Zeitung“, nennt eine beunruhigende Zahl: „60 000 Handwerker fehlen allein, um die dringend benötigten Wärmepumpen zu installieren.“ Peter Friedrich, seit März 2022 Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, bestätigt: „Wie viele Handwerker genau fehlen, können wir gar nicht beziffern, denn im Bereich Sanitär, Heizung, Klima, auf dem Bau oder im Elektrohandwerk werden Stellen mittlerweile nicht mehr ausgeschrieben.“ Was ist zu tun? Karin Brugger, von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten verweist beispielhaft auf zwei Defizite, die leicht abzustellen wären: „Wer im Gastgewerbe immer noch meint, ein lauter Ton und Arbeitszeiten von zehn Tagen am Stück gehörten zum Berufsbild, braucht sich nicht zu wunden, wenn sich junge Leute nicht bewerben.“ Oder: „Uns fehlen die Bewerbermessen.“

Highlight am Schluss: Debatte um Fußball-WM in Katar

Für die gelungene Dramaturgie des zu Ende gehenden BBF-Tages hat Organisator Hendrik Groth ein Highlight ausgewählt: Wie wird der neugewählte DFB-Präsident Bernd Neuendorf die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft nach Katar rechtfertigen? Die Diskussionen um Menschenrechtsverletzungen im Wüstenstaat reißen nicht ab. Neuendorf setzt auf einen beginnenden Lernprozess bei den Fußballverbänden: „Früher wurde im Vergabeprozess geschaut, welches Land sich bewirbt, dann schaute man nach den Menschenrechten. Heute gibt es einen Kriterienkatalog, der vor der Vergabe auch die Beachtung der Menschenrechte beinhaltet.“ Dieser Katalog sei einzuhalten: „Wir wollen uns nicht mehr groß anschauen, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass die Menschenrechte nicht eingehalten werden.“

Was ist zu tun? Ein Boykott des Turniers? Der BBF-Tag verlangt nach Lösungen oder wenigstens Erkenntnisgewinn – auch wenn es spät ist. „Es ist schwierig, durch einen Boykott etwas wieder gut zu machen“, gibt Fußballfan Andreas Stoch, Landes- und Fraktionsvorsitzender der SPD Baden-Württemberg zu bedenken. Doch mit Neuendorfs Plan, mit Bundesinnenministerin Nancy Faser (SPD) vor der WM nach Katar zu fliegen und mit den Machthabern zu reden, schließt sich der BBF-Kreis. Denn das Moto des Forums ist schließlich: „Austausch, miteinander reden, Vertrauen aufbauen – auch mit schwierigen Partnern.“

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