Wie Wissenschaftler den sechsten Sinn der Tiere nutzen wollen

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 Martin Wikelski in der Nacht auf einem Feld auf ein Gerät starrend
Fast zwei Jahrzehnte hat er daran gearbeitet: Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie, fiebert dem Start von Icarus entgegen, mit dem Tiere aus dem All beobachtet werden. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Kathrin Drinkuth

Martin Wikelski steht unter Strom. Vor rund 18 Jahren hat er das Projekt Icarus erdacht und konzipiert. Und nun steht die Beobachtung von Tierbewegungen aus dem All kurz vor dem Start. Wie fühlt sich das an – fast zwei Jahrzehnte auf etwas hinzuarbeiten und dann endlich den Beginn zu erleben?

„Das ist wie ein Traum“, sagt der Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell am Bodensee. „Man sitzt da und träumt jahrelang immer bloß – und dann denkt man: Moment, jetzt wird das wirklich Wirklichkeit, das kann doch nicht sein! Wir können es noch gar nicht fassen.“

Die Idee hinter Icarus (International Cooperation for Animal Research Using Space): Verschiedene Tiere – etwa Zugvögel, aber auch Bären oder Ziegen – sollen mit Minisendern ausgestattet und mithilfe der Internationalen Raumstation ISS aus dem All beobachtet werden. Wikelski und sein Team erhoffen sich davon Aufschluss über die Wanderrouten von Tieren auf der Erde.

Amsel mit Icarus-Sender
Eine Amsel trägt einen der Icarus-Sender, die künftig über die ISS Daten übertragen. (Foto: Max Cine/MPI für Ornithologie/MaxCine/Archivbild / DPA)

Zum einen, um zum Schutz der Arten beitragen zu können, etwa indem man Schutzzonen anpasst und verbessert. Zum anderen zum Schutz von Menschen – denn Tiere können bei ihren Wanderungen etwa auch Krankheitserreger verbreiten. Das Wissen über ihre Routen könnte daher helfen, Epidemien vorzubeugen, einzudämmen oder zurückzuverfolgen.

Zudem könnte Icarus als Frühwarnsystem für Naturkatastrophen wie Erdbeben und Vulkanausbrüche dienen. Denn bereits in der Vergangenheit gab es Hinweise darauf, dass Tiere sich vor solchen Ereignissen auffällig verhalten, etwa unruhig werden.

Deutsch-russische Kooperation

Das Besondere an Icarus sei, dass die Daten, die die vielen Sender sammeln, zusammengeführt würden, sagt Wikelski. Durch die Kombination aller Informationen erhalte man ein völlig neues Verständnis vom Leben auf der Erde. „Wir können in diesem Tierkollektiv Sachen messen, die wir vorher einfach nie sehen konnten“, sagt Wikelski. „Es ist im Endeffekt der sechste Sinn der Tiere, den wir abgreifen.“

Anfangs hatte Wikelski seine Idee der US-Raumfahrtbehörde Nasa vorgestellt – die allerdings ablehnte. 2014 stieg stattdessen die russische Raumfahrtagentur Roskosmos mit ein. Auch die Max-Planck-Gesellschaft, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und die Universität Konstanz sind maßgeblich beteiligt. Die deutschen Partner finanzieren die Entwicklung der Technik, die Russen kümmern sich um den Transport und die Installation im All.

Im vorigen August wurde die Icarus-Antenne bei einem Außenbordeinsatz am russischen Segment der ISS installiert. Ein Computersystem in der Station soll die empfangenen Daten verarbeiten. Im Rahmen von Icarus wollen Forscher etwa Papageien in Nicaragua in der Nähe eines Vulkans beobachten, Ziegen in Italien besendern und Bären als Erdbebenwächter auf der ostrussischen Halbinsel Kamtschatka nutzen.

Internationale Raumstation ISS
Die Internationale Raumstation (ISS) mit dem angedockten europäischen Wissenschaftslabor Columbus. (Foto: DPA)

Zehntausende Tiere bekommen Sender

In den nächsten Jahren sollen mehrere Zehntausend Tiere mit den Sendern ausgestattet werden. Diese übermitteln nicht nur die Position eines Tieres, sondern auch seine Beschleunigung, die Ausrichtung zum Magnetfeld der Erde, die Umgebungstemperatur sowie Luftdruck und Feuchtigkeit.

Dabei wiegen die zwei Quadratzentimeter kleinen Sender nur fünf Gramm, wie das DLR mitteilt. „Gerade mal so groß wie ein Daumennagel, werden sie mit Solarenergie betrieben und beherbergen eine komplexe Sende- und Empfangseinheit sowie Sensoren zum Aufzeichnen der Tierbewegungen und einen Datenspeicher.“

Die Kommunikation zwischen Sender und ISS-Antenne beschreibt das DLR folgendermaßen: Sobald sich die ISS einem besenderten Tier nähert, weckt ein integrierter Timer den Sender aus dem Energiesparmodus. Der Sender berechnet dann, wann die Raumstation vorbeikommt.

Zu diesem Zeitpunkt schaltet sich der Sender ein und übermittelt die aufgezeichneten Daten an die ISS. Von dort werden sie zum Kontrollzentrum in Moskau gesendet, von wo aus sie zum Icarus-Nutzerdatenzentrum in Konstanz weitergeleitet werden. „Dort speisen Wissenschaftler die Daten in eine weltweite Datenbank für Tierbewegungen, die sogenannten „Movebank“, ein“, schreibt das DLR. „So werden sie für die wissenschaftliche Nutzung zugänglich.“

Wenn nun an diesem Mittwoch, 10. Juli der Bordcomputer auf der ISS hochgefahren wird, misst das System etwa zwei Wochen lang das elektronische Rauschen auf der Erde, um später die Signale der Tiersender herausfiltern zu können. Ab November geben die Forscher um Wikelski und Projektkoordinatorin Uschi Müller dann erste Sender an Forscherteams – etwa in Russland – aus.

In den kommenden Jahren sollen dann Tausende Sender verteilt werden, deren Signale von der ISS-Antenne empfangen und weitergeleitet werden – „wie von einem riesigen Datenstaubsauger“, wie Müller sagt.

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