Wie Kanzach mit EU-Geld zu seiner Burg kam

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Leader legte das Fundament, doch die „Freunde der Bachritterburg“ kümmern sich um die Belebung der rekonstruierten Ritterburg (
Leader legte das Fundament, doch die „Freunde der Bachritterburg“ kümmern sich um die Belebung der rekonstruierten Ritterburg ( (Foto: Grüninger)
Schwäbische Zeitung

Dass Europa direkt vor der Haustür beginnt, ist in Zeiten des Wahlkampfs eine beliebte Politikerfloskel. Für die Bewohner der 490-Einwohner-Gemeinde Kanzach (Kreis Biberach) am Federsee ist sie schlichtweg Alltag. Vor ihrer Haustür steht eine Burg, die zum Großteil mit EU-Geld finanziert wurde.

Ein kantiger, sich nach oben verbreiternder Holzturm, dazu mehrere Wirtschaftsgebäude, die sich hinter einen Palisadenzaun aus Flechtwerk ducken: Wer die Kanzacher Bachritter besucht, den erwartet keine Ruine, sondern ein Neubau. Es ist die wissenschaftlich exakte Rekonstruktion einer hölzernen Turmhügelburg, wie sie im 13. Jahrhundert als Sitz des niederen Adels verbreitet war. Auf den ersten Blick wirkt die Bachritterburg, die sich am Kanzacher Ortsrand erhebt, fremdartig und aus der Zeit gefallen.

Tatsächlich waren es überwiegend Mittel aus dem europäischen Leader-Fördertopf (siehe Kasten), die den Bau der Burg vor 13 Jahren ermöglichten. Mit dem Entwicklungsprogramm unterstützt die Europäische Union innovative Projekte im ländlichen Raum, um so die Wirtschaft in der Region zu stärken. Bei der als Leitprojekt eingestuften Bachritterburg übernahm Leader 70Prozent der zwei Millionen Euro Gesamtbaukosten. Etwa 15 Prozent gewährte das Land Baden-Württemberg aus dem Ausgleichsstock. „Die restlichen 15 Prozent haben wir aufgefangen“, sagt Museumsleiter Rudolf Obert, damals Bürgermeister von Kanzach. „Teilweise auch mit Eigenleistung, die nicht unerheblich war. Ich werte das als Indiz für die Akzeptanz in der Bevölkerung.“

Denn hätten die Kanzacher nicht mitgezogen, die Bachritterburg wäre wohl ein Luftschloss geblieben. Im ersten Moment klinge die Idee ja auch ziemlich abstrus, räumt Obert ein. Der Vorschlag stammt von Karl Banghard, zu dieser Zeit Bauleiter des Steinzeitdorfs im benachbarten Federseemuseum Bad Buchau. Kurz vor Weihnachten 1998 stattete Banghard dem Kanzacher Rathaus einen Besuch ab und eröffnete seine ungewöhnliche Idee: „Herr Bürgermeister, wir bauen eine Burg.“

Erst einige Zeit später wurde dem Bürgermeister bewusst, dass er Feuer gefangen hatte: „Die Idee hatte mich irgendwie infiziert.“ Denn mit seinen Plänen für die rekonstruierten Ritterburg knüpfte Banghard an etwas an, das tief im kollektiven Bewusstsein der Kanzacher schlummerte, erklärt Obert: „Schon immer gab es in Kanzach eine romantische, verklärte Vorstellung von ehemaligen Rittern, die auf dem ,Schlösslesberg‘ gehaust haben sollen.“ Auch der Ortsname Kanzach leite sich in seiner Bedeutung von den „Rittern am Bach“ her, die Mitte des 13. Jahrhunderts ihre Turmhügelburg auf einem künstlich aufgeschichteten Hügel errichteten. Kanzach ist das Dorf der Bachritter, auch wenn die Ortsgeschichte über die Jahrhunderte etwas in Vergessenheit geriet. Dennoch wundert sich Obert noch heute, wie entschlossen sich auch die Gemeinderäte während einer Klausurtagung im Frühjahr 1999 hinter ihn stellten. Der Funke war übergesprungen.

Auch Heinrich Güntner hat von Beginn an das Projekt Bachritterburg geglaubt. „Die Bachritterburg ist ein Alleinstellungsmerkmal für Kanzach“, sagt der Vorsitzende der Leader-Aktionsgruppe Oberschwaben, zu der die Federseegemeinde gehört. Die Rekonstruktion der Burg, die auf Plänen des Mittelalterarchäologen Tilman Mittelstraß basiert, sorgte in der Fachwelt für Furore.

Lebendige Geschichte

Für das Vorhaben sprachen nach Güntner weitere Gründe: „Mich das Projekt auch unter dem Gesichtspunkt überzeugt, dass in der Region schon etwas da war.“ Das heißt: Das Umfeld war, was den Tourismus betrifft, kein weißer Fleck. Mit dem Buchauer Federseemuseum oder dem Keltenmuseum Heuneburg in Herbertingen-Hundersingen waren weitere touristische Anziehungspunkte vorhanden, an die sich anknüpfen ließ. Voraussetzung dafür war die Bereitschaft der Akteure vor Ort, das Projekt weiterzuentwickeln. Hatte Leader das Fundament der Burg gelegt, lag es an den Kanzachern, das Projekt mit Leben zu füllen.

Diese Aufgabe übernahmen von Anfang an die „Freunde der Bachritterburg“, denen sich gleich bei seiner Gründung 200 Mitglieder anschlossen. „Wir haben hier aus der Not eine Tugend gemacht“, sagt Rudolf Obert, der den Vorsitz des Vereins übernommen hat. Der Gemeindeverband Federsee, eine lokale Bank als Sponsor und der Landkreis Biberach unterstützen die Bachritterburg mit jährlich 3680 Euro, den Rest muss die Gemeinde Kanzach ausgleichen. Weil es keine weiteren Mittel für den Betrieb gibt, kümmern sich die Mitglieder selbst um die Burgbelebung. „Dazu haben wir zwei Jahre lang Living-History Gruppen aus ganz Deutschland und Österreich um uns geschart und kritisch überprüft, ob sie auch authentisch und für die Bachritterburg geeignet sind“, erklärt Hanna Nuber, die als freie Honorarkraft für die Museumspädagogik zuständig ist. Etwa 15 bis 20 Mittelaltergruppen sind während der Museumssaison regelmäßig Gast auf der Burg. Sie bilden mittelalterliches Leben ab: von den Festen und Tätigkeiten während des Jahreskreislaufs über die verschiedenen Stände der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung bis hin zu alltäglichen Tätigkeiten wie Brot backen oder den Handwerkskünsten.

Mit Märkten, Familiensonntagen und den Vorführungen der kostümierten Living-History-Gruppen hat sich die Bachritterburg mittlerweile einen Ruf über die Region hinaus erworben. Aber das Rekordjahr 2004, als die Burg als neue Attraktion rund 31000 Neugierige anlockte, ist bis heute unerreicht. In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Besucherzahl auf rund 20000 eingependelt, vom Schlechtwetterjahr 2013 mit lediglich 17900 Gästen einmal abgesehen. Allerdings: „Für eine schwarze Null“, sagt Museumsleiter Obert, „fehlen uns 10000 Besucher.“ So sorgt der Gemeindehaushalt mit einem jährlich Zuschuss von 20000 Euro dafür, dass die Kasse stimmt – für eine kleine Kommune wie Kanzach ein beträchtlicher Betrag.

Erfüllt die Bachritterburg damit überhaupt das Kriterium des „nachhaltigen Tourismus“, das die Leader-Aktionsgruppe als Leitziel auserkoren hat? Droht die Bachritterburg irgendwann zur touristischen Ruine zu werden, weil kommunale Aufgaben wie die Kinderbetreuung oder neue Verwaltungsvorschriften zunehmend das kleine Kanzach fordern? Hat das europäische Regionalentwicklungsprogramm der Federseegemeinde etwa einen jener „tödlichen Küsse“ gegeben, wie der „Spiegel“ 2005 titelte? Museumsleiter Obert winkt ab. Als das Nachrichtenmagazin die Bachritterburg als Beispiel verfehlter EU-Förderpolitik aufgriff, habe noch kein Anlass dazu bestanden: „Damals haben wir ja noch schwarze Zahlen geschrieben. Heute, zehn Jahre später, ist das ein bisschen mehr real.“

Dennoch sind Obert und seine Mitstreiter nach wie vor überzeugt, dass der Leader-Zuschuss ein Segen für die Region war. Die Struktur stimme einfach. Angefangen vom fußläufig erreichbaren Schullandheim in Oggelshausen über den vorbeiführenden Federseeradweg oder das benachbarte Federseemuseum, mit dem die Bachritterburg beide Museumsangebote in der Kombikarte „Archäopark Federsee“ gebündelt vermarktet. Knapp 120 Schulklassen jährlich lernen auf der Bachritterburg mittelalterliches Leben hautnah kennen. „Und das ist ja auch eine Wertschöpfung“, findet Obert, „außerschulischer Lernort zu sein.“ Aber auch die Nachfrage der Ferienwohnungen am Ort habe sich in den vergangenen zehn Jahren stabilisiert. Zur Bachritterburg gehört heute eine Burgschenke, die von tatkräftigen Landfrauen betrieben wird – eine Zielgruppe, für die es im Umkreis nicht viele Arbeitsplätze gibt.

Hinzu komme eine Form von Gewinn, die sich nicht in Zahlen ausdrücken lasse, ergänzt Leader-Vorsitzender Güntner: „Die Wertschöpfung im Tourismus liegt ja nicht nur darin, dass der Gast isst, trinkt und übernachtet. Sondern, dass der Besucher der Bachritterburg ja auch tanken muss, dass er vielleicht in Bad Buchau noch einkauft oder dass für ihn eine Ferienwohnung neu gestrichen wird und ein Handwerker davon profitiert.“ Leader bedeute die Chance, vor dem Hintergrund des demografischen Wandels in einer ländlichen Region Strukturen für die Zukunft aufzubauen.

Und so könnten die Kanzacher mit ihrer Bachritter-Vergangenheit vielleicht die Zukunft ihres Dorfes sichern. Denn eines dürfe man nicht vergessen, gibt Rudolf Obert zu bedenken: „Wenn wir die Bachritterburg nicht hätten, dann wäre hier nichts. Dann wäre hier einfach nur Wiese.“

Alle bisher erschienenen Teile der Serie finden Sie unter:

schwäbische.de/europaserie

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