Markus Schäfler war früher katholischer Priester, jetzt ist er freier „Zeremonien-Gestalter“.
Markus Schäfler war früher katholischer Priester, jetzt ist er freier „Zeremonien-Gestalter“. (Foto: Heidi Friedrich)
Schwäbische Zeitung
Heidi Friedrich

Als das sanfte Hip-Hop-Lied „Haus am See“ ausklingt, begleitet die neunjährige Layana ihren Opa mit einer gläsernen Laterne zu seiner letzten Ruhestätte in der Urnenwand auf dem Meersburger Friedhof. „Es war die traurigste und zugleich schönste Trauerfeier, auf der ich jemals war“, so erinnert sich Sandy Miez an die Beerdigung ihres Vaters, der vor drei Jahren im Alter von 55 Jahren plötzlich verstarb. Von Gott war dabei keine Rede. Kein Pfarrer weit und breit. Der gebürtige Chemnitzer hatte mit der Kirche „nichts am Hut“. Deshalb hatte die Tochter für seine Bestattungszeremonie die Diplom-Theologin Christiane Linke engagiert, mit der sie gemeinsam die Feier individuell gestaltete, in der Art, wie der Vater es sich wohl gewünscht hätte. Linke begleitet als „freie Theologin“ Menschen bei wichtigen Lebensereignissen wie Hochzeiten, Beerdigungen oder sogenannten Willkommensfeiern für Neugeborene.

Die 51-Jährige hatte sich nach ihrem Studium von der evangelischen Kirche abgewandt und sich in anderen Bereichen, wie zum Beispiel dem Journalismus und der sozialen Arbeit, ausprobiert. Erst nach ihrem Umzug von Berlin nach Salem vor acht Jahren, als sie „von null anfangen“ musste und nicht so recht wusste, was sie tun sollte, knüpfte sie wieder an ihre theologischen Wurzeln an und bündelte ihre Kompetenzen. „Empathiefähigkeit, Sprachvermögen, geisteswissenschaftlicher Hintergrund, Kenntnisse der Trauerforschung und Psychotherapie, keine Angst vor Gefühlen oder davor, öffentlich aufzutreten: Ich habe mir überlegt, wo all meine Talente am besten hinpassen“, sagt sie. Dabei schien ihr die Arbeit der freien Rednerin und Zeremonien-Leiterin „wie auf den Leib geschneidert“.

Es fehlt die Verbindlichkeit

Linke hat viel zu tun, denn der Markt für diesen Beruf boomt. Immer mehr Menschen treten aus den Kirchen aus, wünschen sich aber zu ihren wichtigen Lebensereignissen wie Hochzeiten oder Trauerfeiern dennoch eine Zeremonie mit bedeutungsvollen Zeichen und passenden Worten. Oliver Wirthmann vom Bundesverband Deutscher Bestatter schätzt, dass zum Beispiel mittlerweile etwa 250000 der 880000 Bestattungen pro Jahr in Deutschland von freien Trauerrednern gestaltet werden. Eine gleiche Anzahl wird je katholisch und evangelisch und der Rest anonym beziehungsweise ohne professionelle Begleitung bestattet. „Die Bestatter arbeiten heute in der Regel mit mehreren freien Rednern unterschiedlicher inhaltlicher Couleur zusammen“, sagt Wirthmann. Er beobachtet seit dem Jahr 2000 einen „Wertewandlungsschub“, der sich seit etwa vier Jahren in der „Beschleunigungskurve“ befindet. Immer mehr Menschen wünschen sich seither eine Individualisierung und Inszenierung ihrer Lebensereignisse, weg von den althergebrachten Riten der Kirche. Aber Riten entlasten, bilden Konsens und Gemeinschaft. „Bei dem heutigen Event-Entertainment fehlt die Verbindlichkeit eines traditionellen Ritus“, gibt Wirthmann zu bedenken. Auch die aktive Teilnahme an ritualisierten Handlungen während einer Zeremonie fehle den Menschen, wenn wichtige Ereignisse in willkürliche Konzepte gefasst werden.

Zeremonie wie beim Gottesdienst

Der „Zeremonien-Gestalter“ und exkommunizierte katholische Priester Markus Schäfler aus Buchloe im Allgäu gestaltet seine Hochzeiten und Trauerfeiern zwar individuell, aber nicht willkürlich. Er greift dabei nämlich, neben einer individuellen Ansprache, auf seinen katholischen Fundus an Riten, Symbolen und Traditionen zurück: Kerzen, Weihrauch, Blumen, Wasser und Erde. „Man kann eine Zeremonie wie einen Gottesdienst aufbauen. Ich habe mit der Zeit mein kirchliches Repertoire allerdings an die Bedürfnisse meiner Klienten angepasst und weltlich gemacht“, erzählt er. Gott erwähnt er nur, wenn es erwünscht ist. Der Tote mit seiner ganz eigenen Biografie steht klar im Vordergrund. Da ist der gläubige, mittlerweile in der altkatholischen Kirche ehrenamtlich tätige, Priester ganz gelassen: „Gott ist so groß, er wird kein bisschen kleiner, wenn ich ihn nicht erwähne.“

Der 44-Jährige musste sich vor sieben Jahren eine neue Existenz aufbauen, als er seine Frau, damals Pastoralreferentin in seiner Gemeinde, heiratete. Beide verloren mit dieser Entscheidung ihre Arbeitsplätze. Der Arbeitsmarkt für einen aus dem Kirchendienst geschiedenen Priester ist eng. Erst waren sich die Schäflers unsicher, ob sie von dem neuen Beruf leben könnten, doch die existenziellen Ängste sind verflogen. Auch sie haben eine „Explosion“ der Nachfrage erlebt. Heute erhalten sie im Jahr etwa 400 Anfragen für Trauungen, von denen sie dieses Jahr bisher nur 55 verwirklicht haben. „Bei uns gibt es nichts von der Stange“, sagt Christiane Schäfler. Denn jede Zeremonie bedarf einer gründlichen Vorbereitung. Wegen der seelsorgerischen Komponente sind vor allem Bestattungen arbeitsintensiv. 25Trauerfeiern hat Markus Schäfler dieses Jahr schon gestaltet. „Wenn ein Mensch stirbt, sind meist noch so viele Dinge offen. Es bedarf oft langer Gespräche, um einen heilsamen Rahmen für die Zeremonie zu schaffen und damit trauernde Hinterbliebene Frieden schließen können sowie Trost erfahren“, sagt Schäfler. Sein größtes Anliegen ist es, Hinterbliebene von der Trauer zur Dankbarkeit zu führen: „Man trauert ja nur um jemanden, wenn er einem etwas bedeutet hat und wenn einem etwas durch ihn oder von ihm geschenkt wurde.“

14 Stunden Vorbereitung

Bis zu 14 Stunden, vom Vorgespräch über die Ausarbeitung bis hin zum Abbau seiner Utensilien, rechnet er für eine Trauerzeremonie ein, die bei ihm 380 Euro kostet. Immer wieder fällt dabei Zeit, zum Beispiel für Fahrten, Telefonate und E-Mails, unter den Tisch. „Wenn wir adäquat abrechnen würden, wären wir nicht mehr konkurrenzfähig“, sagt er. Doch die Freiheit, zu leben wie er will, ist ihm diese Investition an Zeit und Mühe wert: „Ich bin so froh, wie es jetzt ist. Menschen kommen aus freien Stücken zu mir, weil sie mich wollen, nicht weil über mir zwei Kirchtürme prangen.“

Obwohl er findet, dass sich niemand verbiegen sollte, hält der Dekan der Seelsorgeeinheit Laiz-Leibertingen, Christoph Neubrand, den kirchlichen Überbau doch für entscheidend: „Für mich ist der katholische Beerdigungsritus mit der brennenden Osterkerze und dem Weihwasser als Zeichen des Auferstandenen etwas sehr Wertvolles, an dem ich nicht herumbasteln will“, sagt er. Er fragt sich, wie ein Geistlicher die christliche Botschaft der Auferstehung bei einer Bestattung außen vor lassen kann, ohne einen schmerzvollen Spagat zu machen. Dennoch kann für ihn Gott nicht weit sein, wo Menschen die Werke der Barmherzigkeit ausführen, also Tote bestatten und Trauernde trösten. Eine anstehende Bestattung ist für ihn auch kein Störfaktor in der sowieso schon terminlich voll gepackten Woche. Priestern in der Ausbildung rät er: „Ich habe einen einfachen Trick. Ich rechne in jeder Woche schon Termine für Trauergespräche und Bestattungen ein, halte also einen Beerdigungskorridor in meinem Kalender frei. Sollte doch niemand sterben, bleibt Zeit für anderes Wichtiges.“ Für Mitglieder der Kirche ist eine Trauerfeier kostenlos, eine Spende ist aber üblich. Neubrand findet, man solle nicht auf die Zahlen schauen, wie viele Beerdigungen man an freie Redner „verliere“. „Wir Priester, Diakone und Pastoralreferenten und -referentinnen müssen stattdessen stärker für unsere Botschaft einstehen, denn wir haben damit etwas zu bieten“, sagt er.

Das findet auch Uwe Renz von der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die Verkündigung von der Hoffnung der Auferstehung und die damit verbundenen kirchlichen Riten sind für ihn durch nichts zu ersetzen. „Rituale helfen, Freud und Leid zu fassen, weil sie die Lebenserfahrung aus Jahrhunderten komprimieren. Dennoch dürfen diese nicht hohl angewendet werden. Gut ausgebildete Seelsorger gehen individuell damit auch auf die Menschen ein“, sagt Renz. Es sei allerdings einfacher, sie zu begleiten, wenn sie in der Gemeinde schon vorher Anknüpfungspunkte hatten. Dann könne man besser auf sie eingehen.

Renz ist überzeugt: „Eine christliche Bestattung ist vielleicht keine fernsehtaugliche Inszenierung, aber es genügt, wenn die Angehörigen hinterher sagen können: ,Des war a scheene Leich.’“

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