Weitsichtig oder abgehoben? - Wie Kretschmann derzeit regiert

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Winfried Kretschmann. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur

Es ist eine dieser Frage in der wöchentlichen Regierungs-Pressekonferenz, mit der Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) offenkundig wenig anfangen kann oder will. Wie er denn zur betäubungslosen Kastration von Ferkeln stehe, will eine Journalistin vor einigen Wochen vom Regierungschef wissen. „Ich sag' dazu nichts. Ich hab' mich damit jetzt einfach nicht beschäftigt“, antwortet der Regierungschef. Er müsse sich erst sachkundig machen.

Vielleicht ist Kretschmann da wirklich nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge. Vielleicht weiß er aber auch, dass das Thema im ländlichen Baden-Württemberg von großer Bedeutung ist, zwischen seinen Grünen und den mitregierenden CDU durchaus kontrovers diskutiert wird und ihm eine Antwort einigen Ärger einbringen könnte. Jedenfalls ist das Thema in der Fragerunde der Journalisten erst einmal erledigt.

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Interessiert sich der Regierungschef nicht für das Klein-Klein der Landespolitik? Die Opposition aus AfD, FDP und SPD wirft Kretschmann seit langem vor, arrogant und abgehoben zu regieren. Nach siebeneinhalb grünen Regierungsjahren können sich aber auch einige politische Beobachter des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass Kretschmann sich zunehmend seinen „langen Linien“ widmet.

Gerne spricht der 70-Jährige ausführlich über die Weltlage und den gesellschaftlichen Zusammenhalt angesichts des Zulaufs für Rechtspopulisten auch in Deutschland. So ist es auch beim Landesparteitag der Grünen Anfang Oktober in Konstanz: Die landespolitische Kleinarbeit überlässt der Regierungschef seinen Fachministern und den Vertretern der Grünen-Landtagsfraktion.

 Winfried Kretschmann stellt in Sigmaringen sein neues Buch vor.
Winfried Kretschmann stellt in Sigmaringen sein neues Buch vor. (Foto: Marijan Murat/dpa)

Eine gelungene Arbeitsteilung? „Ein Ministerpräsident muss sich nicht mit Details beschäftigen“, sagen die, die darin kein Problem sehen. Bislang schadet ihm das nicht, auch wenn er etwa das Wohnungsproblem im Südwesten lange nicht auf dem Radar hatte. Die nach 2011 herrschende Anfangseuphorie über den ersten grünen Regierungschef ist zwar vorbei. Aber die Umfragewerte für Kretschmann und seine Grünen im Südwesten sind gut. Kretschmanns grün-schwarze Koalition regiert solide, er selbst sitzt fest im Sattel. Wenn es aus eigenen Reihen Kritik an ihm gibt, dann wird sie intern geäußert und dringt selten nach außen. Öffentlich geht ihn allenfalls die Grüne Jugend an.

In der Veranstaltung zu zweieinhalb Jahren Landesregierung in Stuttgart parliert Kretschmann über das Mega-Thema Digitalisierung und seine Reise ins Silicon Valley. Aber etwa in der Bildungspolitik bleibt er unkonkret, wenn er sagt: „Gerade in der Schulpolitik sollte man vermeiden, unausgegorenes Zeug zu machen.“ Ab und zu lässt er eine Anekdote fallen. Die Menschen lachen. Kretschmann heimst mehr Applaus ein als sein Vize, Innenminister Thomas Strobl (CDU), der ebenfalls versucht, Punkte zu sammeln.

Kretschmann als jemand, der in unruhigen Zeiten Orientierung gibt - diese Rolle inszeniert sein Stab nahezu perfekt. Und das nicht ohne strategische Hintergedanken. Kürzlich hat Kretschmann ein Buch veröffentlicht unter dem Titel: „Worauf wir uns verlassen wollen - Für eine neue Idee des Konservativen.“ Es passt zu seiner „langen Linie“, seine Grünen langfristig in der politischen Mitte zu verankern und mit einem modernen Konservatismus für Wähler interessant zu machen, die ihr politisches Zuhause eigentlich in der Union sehen. Sein eigener Erfolg und kürzlich auch der Wahlerfolg der Grünen bei der Landtagswahl in Bayern und Hessen geben ihm recht.

In Baden-Württemberg ist er schon lange dabei, den Begriff Heimat für sich zu kapern - ursprünglich ein konservatives Thema. Dann darf es auch gerne konkreter werden: Kretschmanns Staatsministerium plant eine Veranstaltung zum Erhalt des Dialektes. Und an der Heuneburg im Landkreis Sigmaringen will das Land eine Kelten-Erlebnisstätte errichten - darauf weist der Ministerpräsident gerne hin. CDU-Politiker schäumen - sie seien jahrelange an dem Thema dran gewesen. „Jetzt zockt er die Lorbeeren dafür ab“, ist man in CDU-Kreisen empört. „Das ist einfach ein Stück unfair.“ Zugleich erkennen sie aber auch neidisch an: Clever ist er schon, der Kretschmann.

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