Innenstädte müssen sich permanent wandeln - sonst droht deren Aus

Geschäftsschließung
Ein Schild mit dem Hinweis "Wir schließen" hängt an einem Bekleidungsgeschäft in der Stuttgarter Innenstadt, das geschlossen wird. (Foto: Bernd Weißbrod)

Ein Marktplatz, drumherum Kneipen, individuell geführte Boutiquen oder Modehäuser: Stadtzentren könnten so idyllisch und ein echter Gewinn für die Lebensqualität sein — und sind es oft doch nicht.

Schon lange wird eine Verödung der Innenstädte beklagt und die Verantwortung dafür hin- und hergeschoben. Nun ist die Pandemie schuld — dabei sind die Probleme viel älter.

„Bei den Innenstädten war Corona zwar ein dramatischer Brandbeschleuniger, aber ein Beschleuniger von Prozessen, die vorher schon abgelaufen sind“, sagt der Direktor des Regionalverbandes Mittlerer Oberrhein, Gerd Hager.

Jahrelang wurde über Verödung der Innenstädte geredet

Der Trend sei in allen Innenstädten der gleiche: Onlinehandel bestimmt das Konsumverhalten der Menschen, Gastronomie- oder Modeketten werden von der Kundschaft bevorzugt.

Inhabergeführte Geschäfte kämpfen mit dramatischem Nachwuchssorgen: „Die Kultur der Selbstständigkeit ist generell auf dem Rückzug, wer will heutzutage noch selbstständig sein?“, sagt Hager. „Deshalb haben wir dann auch nicht mehr die Vielfalt, alle Stadtzentren sehen dann gleich aus.“

Dabei sind aus seiner Sicht beispielsweise inhabergeführte Geschäfte Aushängeschilder der Innenstadt: Die Modehäuser Wagener in Baden-Baden, Schöpf in Karlsruhe oder Kaiser in Freiburg — das nun aufgibt.

Konkret habe zwar die Pandemie mit ihren Auswirkungen zu einem erheblichen finanziellen Schaden geführt, schrieb Kaiser-Geschäftsführer Frank Motz Ende September an seine Belegschaft. Indes habe die Corona-Krise die Veränderung hin zum Onlinehandel nur beschleunigt.

„Corona könnte jetzt ein Weckruf sein“, meint Andreas Topp, Leiter Handel und Dienstleistungen bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Reutlingen. Jahrelang habe man über die Verödung der Innenstädte geredet — „und jetzt, während der Pandemie, konnte jeder am eigenen Leib erleben, was es bedeutet, wenn die wirklich verödet sind.“

Die Rettung der Innenstädte ist eine Mischung aus vielem.

Mario Klein, IHK Rhein-Neckar

Zur Frage, wie viele Geschäfte in der Pandemie aufgeben mussten, gibt es beim Wirtschaftsministerium, den kommunalen Verbänden oder dem Handelsverband Baden-Württemberg (HBW) keine belastbaren Zahlen.

„Sicher ist, dass es schon mehrere hundert solcher Geschäftsaufgaben während oder nach Corona bereits gab in Baden-Württemberg“, sagt HBW-Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann. Die Schließung von Kaiser in Freiburg zeige, dass selbst große Familienunternehmen in die Knie gezwungen würden.

Gute Beispiele für Innenstadtbelebungen seien regionale Erlebnismärkte

Aber Handel und Einkaufsmöglichkeiten sind nur eine Facette dessen, was Innenstädte brauchen, um attraktiv zu sein, zu bleiben, zu werden. „Mischung“ ist das Wort, das immer wieder fällt: Mehr Wohnen in der Stadt ist wichtig, mehr individuelle Gastronomie, gute Erreichbarkeit, zentrale Kulturangebote gehören dazu — „kurzum mehr Nutzungsmischung“, sagt Hager.

„Wir brauchen die gemischte Stadt“, ergänzt Topp. „Die Rettung der Innenstädte ist eine Mischung aus vielem“, sagt auch Mario Klein von der IHK Rhein-Neckar. „Die Lösungen sind so individuell wie die Kommunen selbst, den einen Weg gibt es nicht.“

Gute Beispiele für Innenstadtbelebungen seien regionale Erlebnismärkte wie der schon länger bestehende umbrisch-provenzalische Markt in Tübingen.

Oder Aktionen wie in Rottenburg am Neckar (Kreis Tübingen), wo nach Worten Topps während der Pandemie das Netzwerk „Rottenburger Lokalhelden“ gegründet wurde, um Kunden auf neuen Wegen anzusprechen und für „ihre“ Innenstadt zu motivieren.

Spätestens jetzt muss allen bewusst sein, dass man sich um das Thema Innenstadt kümmern muss.

Andreas Topp, Industrie- und Handelskammer (IHK) Reutlingen

In Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis) wurden vor geraumer Zeit für die wachsenden Zahl von Wohnmobil-Touristen spezielle Parkplätze innenstadtnah geschaffen.

Auch das Land legt sich ins Zeug mit seinem gerade aufgelegten fünf Millionen Euro schweren Sofortprogramm für Einzelhandel und Innenstädte sowie der Förderung von Innenstadtberatern, die Städten und Gemeinden mit 10 000 bis 50 000 Einwohnern zur Seite stehen sollen.

„Das ist auch dringend notwendig und seit langem unsere Forderung“, heißt es vom Handelsverband — auch wenn das aus seiner Sicht viel zu wenig ist. „Spätestens jetzt muss allen bewusst sein, dass man sich um das Thema Innenstadt kümmern muss“, sagt Topp. „Denn sie ist das Aushängeschild, die gute Stube jeder Stadt.“

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