Warum der Süden im Deutschlandvergleich so gut abschneidet

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Leben, wo andere Urlaub machen: Idylle im Süden, aufgenommen bei Merazhofen im Allgäu.
Leben, wo andere Urlaub machen: Idylle im Süden, aufgenommen bei Merazhofen im Allgäu. (Foto: Roland Rasemann)

 

Zugegeben: Die groß angelegte ZDF-Deutschlandstudie gibt auch Antworten auf eine Menge Fragen, von denen die meisten zuvor gar nicht wussten, dass sie sie überhaupt interessieren könnten. Wo die Schulabbrecherquoten in Deutschland am höchsten sind oder wo es die wenigsten Raucher gibt. Und wo die meisten Menschen mit Übergewicht leben. Auch über den Anteil der Waldfläche an der Gesamtgröße eines Landkreises als Indikator für Lebensqualität machen sich die wenigsten Leute täglich Gedanken.

Die gute Nachricht, bezogen auf unsere Regionen im Südwesten: Alle Kreise liegen weit über dem deutschen Durchschnitt, einige sind sogar spitze. In den Details der Studie stecken gehörige Überraschungen: Zum Beispiel hätten sicher viele Lindauer darauf gewettet, dass ihr Landkreis mit der Inselstadt etwa im Vergleich zu Ravensburg die Nase vorn hat – schließlich ist ihre Stadt begehrtes Touristenziel. Weit gefehlt. Und dass der Landkreis Sigmaringen in der Frage der Erreichbarkeit eines Krankenhauses deutschlandweit auf dem vorletzten Platz liegt, mag die Bewohner dort mehr entsetzen als nur überraschen.

Ungewöhnlich umfangreich

Die Statistiker der Prognos AG haben im Auftrag des ZDF ungewöhnlich umfangreiches Zahlenwerk zusammengetragen. Nach Angaben der Macher ist es in seiner Vollständigkeit bisher unerreicht, weil die Studie nicht nur einzelne wenige Faktoren wie Wirtschaftsleistung oder Wohnraumangebot miteinander vergleicht, sondern anhand von 53 Indikatoren ungewöhnlich tief geht.

Gesundheitsversorgung wichtiger als Natur

Der Katalog der Kriterien bewertet auch die grundsätzlichen Voraussetzungen für eine Region, um als lebenswert und attraktiv zu gelten. Wo ist es schwer, Betreuung für die Kinder zu finden? In welchem Verhältnis stehen Einkommen und der Preis fürs Wohnen? Für diese und noch viel mehr Kriterien werden Punkte vergeben, die wiederum aus unterschiedlichen Gewichtungen resultieren. Während zum Beispiel die Frage nach der Gesundheitsversorgung hohes Gewicht für die Bewertung besitzt, spielt die Größe von Natur- und Erholungsflächen eine untergeordnete Rolle.

Es wirkt fast so, als sei es kein Zufall, dass die Deutschlandstudie des ZDF just in eine Zeit fällt, in der immer öfter und lauter der Begriff Heimat diskutiert wird. In Innenminister Horst Seehofer (CSU) hat das Wort Heimat eine Art selbsternannten Schutzpatron und mit dem „Bundesministerium des Innern, für Heimat und Bau“ sogar selbst eine Heimat. Natürlich erfasst die wissenschaftliche Studie nur äußere Fakto- ren, die die Voraussetzungen schaffen, um sich an einem Ort wohlfühlen und entwickeln zu können. Denn Heimat ist und bleibt für jeden etwas anderes und kann für einen Gelsenkirchner der schönste Ort der Welt sein, obwohl die Deutschlandstudie die Stadt im Ruhrpott auf dem letzten Platz der 401 verglichenen Landkreise und kreisfreien Städte listet. Die Nummer 1 ist München – trotz chronischen Wohnraummangels und enormer Lebenshaltungskosten.

Persönliche Faktoren werden nicht berücksichtigt

Und damit wird eines bereits klar: Die Studie ist im Endeffekt nur ein Versuch, der Lebenswirklichkeit möglichst vieler Menschen gerecht zu werden. Sie berücksichtigt nicht, dass für jeden einzelnen Menschen andere Faktoren wichtig sind: So spielt für einen Pensionär die Arbeitslosigkeit in seiner Region tendenziell weniger eine Rolle als für den jungen Azubi. Aus den Ergebnissen der 53 Faktoren werden drei große Themenbereiche zusammengesetzt: „Arbeit & Wohnen“, „Gesundheit & Sicherheit“ sowie „Freizeit & Natur“. Daraus ergibt sich eine Gesamtpunktzahl, die den Rang auf der Liste aller 401 Kreise bestimmt.

Spitzenplatz für Ulm bei der Gleichstellung

Ein Spaziergang mit dem digitalen Finger auf der Landkarte – was sehr übersichtlich und komfortabel unter www.deutschland-studie.zdf. de möglich ist – zeigt die Details für das Verbreitungsgebiet der „Schwäbischen Zeitung“: Mit Rang 10 schneidet die Universitätsstadt Ulm dabei in der Gesamtwertung außerordentlich gut ab. Besonders stark ist die Donaustadt in Fragen der Gleichstellung: Nirgendwo in Deutschland ist der Frauenanteil in Kreistag und Stadtrat höher. Besonders schlecht ist Ulms Rang allerdings in Sachen Gewaltverbrechen. Die Stadt steht unter diesem Aspekt weit abgeschlagen auf Rang 342. Der unmittelbar benachbarte Alb-Donau-Kreis dagegen verzeichnet besonders wenige Gewaltverbrechen und steht in dieser Kategorie auf Rang 20.

Allgäu auf dem Gesamtplatz 8

Ausgezeichnet leben lässt es sich aus regionaler Sicht auch im Nachbargebiet Oberallgäu, das in der bundesweiten Gesamtwertung Platz 8 einnimmt: Der südlichste deutsche Landkreis punktet zum Beispiel mit der geringsten Feinstaubbelastung im gesamten Bundesgebiet. Im krassen Gegensatz dazu steht Stuttgart: Die Landeshauptstadt ist Schlusslicht in Sachen Luftqualität. Überraschend ist außerdem die Einstufung bei der Altersarmut: In ganz Deutschland gibt es lediglich 41 Landkreise und kreisfreie Städte, in denen es mehr Menschen gibt, die davon betroffen sind – obwohl die durchschnittliche Kaufkraft mit Platz 30 enorm hoch ist.

Nur knapp am Negativrekord vorbei geschrammt

Die Landeshauptstadt ist nur knapp an einem weiteren Negativrekord vorbei geschrammt: Fast nirgendwo sonst steht Einwohnern pro Kopf weniger Wohnfläche zur Verfügung – Rang 399. Dagegen liegt Stuttgart in Sachen Kultur- und Freizeitwert im Deutschlandvergleich weit vorne.

Mit Rang 15 in der Gesamtwertung ist der Bodenseekreis laut Studie mit besonders hoher Lebensqualität gesegnet: Wirtschaft, Sicherheit, Kaufkraft – diese Faktoren sind unter anderem dafür verantwortlich. Insbesondere die Lebenserwartung ist so hoch, dass es im Deutschlandvergleich für Rang 12 bei Frauen und Rang 9 bei Männern reicht.

Beschämend für den Bodenseekreis

Allerdings gibt es auch Unerfreuliches im Bodenseekreis. Wohnen ist mit am teuersten und: Der Unterschied zwischen dem, was Männer und was Frauen verdienen, ist fast nirgends sonst so groß, was in einem beschämenden Rang 397 resultiert. Relativ weit abgeschlagen gegenüber dem Bodenseekreis ist der Landkreis Lindau, der es trotz stetig wachsender Touristenzahlen nur auf Rang 52 schafft. Immerhin: Die Luftqualität gehört zu den besten in Deutschland, und der Indikator Wohnungseinbrüche beschert Lindau Rang 11. Mit Rang 367 ist der Landkreis Lindau in der Kategorie „Schüler je Lehrkraft“ deutschlandweit aber besonders schlecht – und damit der Lehrermangel offenbar besonders eklatant.

Ravensburg fällt in den Themenkomplexen „Gesundheit und Sicherheit“ mit Rang 3 positiv auf, was sich neben der guten Gesundheitsversorgung auch mit geringer Ozonbelastung und dem kuriosen Umstand erklären lässt, dass im Landkreis Ravensburg das Verhältnis der Abfälle pro Haushalt zu ihren Konsumausgaben besonders günstig ist. Anders gesagt: Ravensburger verursachen wenig Müll, was Rang 17 in dieser Kategorie bedeutet. Deutschlandweit reicht es für Ravensburg für Platz 25 in der Gesamtnote.

Verkehrstote, Sonne und Ärztedichte in Tuttlingen

Biberach kommt in seiner Gesamtbewertung auf Rang 41 – wobei der Landkreis besonders mit einer niedrigen Arbeitslosenquote (Rang 21) sowie geringer Schuldenlast der öffentlichen Haushalte glänzen kann. Etwas trist bewertet die Studie Biberach in Sachen „Anteil der Erholungsfläche an der Gesamtfläche“ Platz 351. Dass der Ärztemangel insbesondere in ländlichen Regionen immer gravierender wird, bestätigt auch die ZDF-Studie: Tuttlingen erreicht in punkto Ärztedichte bundesweit nur Rang 339. Sehr positiv steht der Landkreis Tuttlingen indes mit Rang 24 in Sachen Verkehrstote und -verletzte da. Außerdem scheint in Tuttlingen im Bundesvergleich besonders oft die Sonne: Platz 19.

Überraschend abgeschlagen

Was die Erreichbarkeit von Krankenhäusern angeht, steht der Landkreis Sigmaringen deutschlandweit auf dem vorletzten Platz (400). Dafür glänzt Sigmaringen mit einer sehr geringen Schuldenlast der öffentlichen Haushalte – was dem Landkreis im Deutschlandvergleich Platz 21 beschert.

Für den Zollernalbkreis weist die Studie die wenigsten Schüler pro Lehrkraft aus – was im sehr guten Rang 55 resultiert. Negativ schlägt mit Rang 378 die Ganztagsbetreuungsquote von Kindergartenkindern zu Buche, auch die Übernachtungszahlen im Fremdenverkehr sind mit Rang 346 durchaus ausbaufähig.

Mehr Übergewichtige im Ostalbkreis

Im Ostalbkreis wollen die Macher der Studie die meisten Übergewichtigen je 100 Einwohner im Verbreitungsgebiet der „Schwäbischen Zeitung“ gezählt haben – das bedeutet Platz 276 im Deutschlandvergleich. In dieser Kategorie schneiden der Bodenseekreis, Ravensburg und Sigmaringen mit Platzierungen um den Rang zehn besonders schlank ab.

Am Ende aber bleiben Zahlen halt Zahlen: Für den Begriff oder das Lebensgefühl von Heimat ist weit mehr nötig, als die wissenschaftlich messbaren Indikatoren einer Studie. Dennoch lohnt es sich, auf deutschland-studie.zdf.de dem eigenen Lebensraum auf den Grund zu gehen. In den für unsere Regionen im Südwesten nahezu 600 erfassten Daten schlummern ganz individuelle Überraschungen, die uns neue Facetten und ein tieferes Verständnis unserer Heimat offenbaren.

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