Auf einer Gemeinschaftsschule lernen alle Schüler gemeinsam, unabhängig von ihrem Leistungsvermögen.
Auf einer Gemeinschaftsschule lernen alle Schüler gemeinsam, unabhängig von ihrem Leistungsvermögen. (Foto: dpa)
Kerstin Conz

Die Einführung der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg ist seit Jahren umstritten. Vor allem der CDU ist sie ein Dorn im Auge. Im österreichischen Vorarlberg hat sich die von den Konservativen geführte Landesregierung nun zu einem radikalen Schritt entschlossen: Bis in zehn Jahren sollen alle Schüler bis 14Jahre die gleiche Schule besuchen.

Basis für die Entscheidung in Österreichs zweitkleinstem Bundesland ist die von der Regierung in Auftrag gegebene Studie „Schule der Zehn- bis 14-Jährigen in Vorarlberg“. 30Fachleute von Hochschulen und Schulaufsicht haben zwei Jahre lang an der Studie gearbeitet.

Studie: Effizienteste Schulform

Das Ergebnis: „Die frühe Trennung mit neun oder zehn Jahren mindert die Chancen der Kinder auf eine Schullaufbahn, die ihren Fähigkeiten und Interessen entspricht“, heißt es in der Studie. „Das zweigliedrige System passt nicht mehr zur Schulrealität“, urteilen die Wissenschaftler.

„Es gelingt nicht mehr und ist fraglich, ob es je gelungen ist, leistungshomogene Gruppen zu bilden“, sagt Projektkoordinatorin Gabriele Böheim von der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg in Bregenz. Genau davon aber gehe ein mehrgliedriges Schulsystem aus. „Eine gemeinsame Schule für alle Zehn- bis 14-Jährigen ist sowohl was die Leistung als auch was die Chancengerechtigkeit angeht, die effizienteste Schulform“, so Böheim.

Die 100000Euro teure Studie ist breit angelegt. Von 24000 Fragebögen sind 19000 zurückgekommen. „Für ein kleines Land ist das ein unglaublicher Rücklauf“, sagt Böheim. „Alle Schulen der Zehn- bis 14-Jährigen haben mitgemacht.“ Auch Eltern wurden zu ihrer Bildungserwartung befragt. Grundlage waren die Kriterien der OECD für erfolgreiche Schulsysteme: ein hohes Leistungsniveau bei großer Chancengerechtigkeit.

Die Ausgangslage war eine andere: Sowohl bei den Leistungen als auch bei der Chancengerechtigkeit hat Vorarlberg bei Pisa und österreichweiten Tests nicht sehr gut abgeschlossen. „Bei der Chancengerechtigkeit hat Österreich eine ähnliche Situation wie Deutschland“, sagt Böheim.

Interesse in Baden-Württemberg

Der Kurswechsel in Vorarlberg lässt auch Bildungsexperten im Südwesten aufhorchen. „Baden-Württemberg sollte von Vorarlberg lernen“, findet Bernd Dieng, Erster Vorstand des Vereins „Länger gemeinsam lernen Baden-Württemberg“, der aus der so genannten „Hauptschulrebellen“-Initiative hervorgegangen ist. Dieng ist Fachleiter am Seminar für Lehrerbildung in Meckenbeuren (Bodenseekreis) und hat die Landesregierung in Stuttgart bei der Entwicklung der Gemeinschaftsschule mit beraten. Glücklich ist er mit der Umsetzung der neuen Schulart im Südwesten nicht.

Hauptproblem am baden-württembergischen Modell ist laut Dieng die geringe Vorbereitungszeit, insbesondere für die Aus- und Weiterbildung der Lehrer, und die Einführung der Gemeinschaftsschule ins bestehende System. Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen hätten gezeigt, dass das nicht funktioniert.

„Durch die Beibehaltung des gegliederten Systems bleibt die frühe Trennung erhalten. Nur wenige, vor allem ländliche Gemeinschaftsschulen erreichen eine gute Durchmischung. Rückwirkend betrachtet wäre es sinnvoller gewesen, erst eine sechsjährige Grundschule und erst dann die Gemeinschaftsschule einzuführen“, so Dieng.

In Vorarlberg hat die Studie die Diskussion versachlicht. „Ideologische Scheuklappen gehören beim Thema Bildung in die Mottenkiste. Damit kommen wir keinen Millimeter weiter“, sagt Landeshauptmann Markus Wallner von der konservativen ÖVP, die in Bregenz gemeinsam mit den Grünen regiert. Der Entschluss zur Weiterentwicklung der Schulen der Zehn- bis 14-Jährigen im Landtag fiel parteiübergreifend.

Wien muss noch zustimmen

Anders als im Südwesten lässt man sich in Vorarlberg für die Einführung der Gemeinschaftsschule auch mehr Zeit. Lehrerausbildung, Weiterbildung, multiprofessionelle Teams mit Therapeuten, Ganztagsschulen und die Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern – alles wird nach und nach auf- und ausgebaut. „Wenn ich an einer Schraube drehe, setze ich einen ganzen Organismus in Gang“, sagt Böheim.

Einziger Haken: Wien hat für den Vorarlberger Alleingang noch kein grünes Licht gegeben. Dennoch laufen die Vorbereitungen dort auf vollen Touren. Zehn Jahre nimmt sich die Landesregierung für die Mammutaufgabe Zeit. Bis dahin – glaubt man in Bregenz – ist man in Wien auch zu dem Entschluss gekommen, dass die gemeinsame Schule für alle das Modell der Zukunft ist.

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