Der Bodensee ist auch als das „Schwabenmeer“ bekannt.
Der Bodensee ist auch als das „Schwabenmeer“ bekannt. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Heimatkundler machen sich Sorgen: Jungen Menschen seien ihre Region und Traditionen zunehmend fremd. Sie fordern, dass Heimatkunde wieder mehr Gewicht im Schulunterricht bekommt.

Was versteht man unter Limes? Ein aktuelles Erfrischungsgetränk. Wo steht der höchste Kirchturm der Welt? In Rom. Wer sind die Hohenstaufen? Eine volkstümliche Musikantengruppe. Um was handelt es sich beim „Schwabenmeer“? Um eine Therme.

Der Kundige erkennt es selbstverständlich: Alle vier Antworten sind grandios falsch (siehe Ende des Artikels). Dennoch wurden sie kürzlich bei Gesprächen über die nähere Heimat und ihre Geschichte so gegeben. In allen Fällen kamen die Antworten von jungen Erwachsenen aus dem südwestdeutschen Raum, die zudem alle mindestens das Abitur hatten. Heimatkunde, Note mangelhaft. „So etwas ist doch eine Katastrophe, oder?“, meint Karl Stiefenhofer. Der in Ehren ergraute Klein-Unternehmer ist Vorsitzender des knapp 8000 Mitglieder starken Heimatbundes Allgäu.

Nun betrifft zwar keine der vier Fragen direkt Stiefenhofers Region. Sie berühren jedoch sein Leib- und Magen-Thema: „Heimatkundliches Wissen sollte Teil des Allgemeinwissens sein“, sagt er. Doch das ist womöglich längst nicht mehr der Fall. „So verlieren wir aber unsere Wurzeln und verleugnen unser kulturelles Erbe“, fürchtet Stiefenhofer.

Um zu retten, was zu retten ist, hat er eine Idee entwickelt. Es geht dabei um eine Heimat-Akademie. Für das Allgäu wurde sie Ende vergangenen Jahres mit der Hilfe von EU-Fördergeldern gegründet. Das Angebot umfasst heimatkundliche Kurse. Zum Abschluss gibt es ein Diplom. Dies hat wiederum Spötter veranlasst, sich über künftige „Diplom-Allgäuer“ lustig zu machen. Für Spott scheint die Angelegenheit aber zu ernst zu sein. „Ohne heimatliche Kenntnisse werden wir alle ärmer“, meint dazu Thomas Eigstler, Bürgermeister des Oberallgäuer Marktes Wiggensbach.

Seltsam verstaubt

Diese Erkenntnis war mit ein Grund, weshalb sich der Kommunalpolitiker zum ersten Seminar der Allgäu-Akademie angemeldet hat. Es wurde im Bauernhausmuseum von Illerbeuren abgehalten, einem Ort zwischen Leutkirch und Memmingen. Zwei Dutzend Interessierte nahmen teil, um Grundlagen über die Allgäuer Geografie, die kulturellen Eigenheiten und den Dialekt zu erfahren. Eigstler sieht darin aber nur einen Beginn: „Wichtig ist, dass man Heimat vorlebt, dass man Heimatgefühl und Tradition vermittelt.“

Eingefleischten Heimatschützern fällt in diesem Zusammenhang aber sofort eine Pseudo-Heimatpflege ein. So gibt es in Sigmarszell, einer Gemeinde bei Lindau am Bodensee, seit einigen Jahren einen Viehscheid. Er ist komplett unhistorisch und dient nur zum wilden Feiern. Dazu tragen Mädels Dirndl und Burschen oberbayerische Lederhosen. Beide Kleiderstücke haben mit der örtlichen Tradition wenig zu tun. Die Gäste stört dies nicht. Die meisten von ihnen würden es dagegen als absurd empfinden, eine echte heimatpflegerische Tanzveranstaltung aufzusuchen.

Solche Zusammenkünfte wirken immer wieder seltsam verstaubt. So warb etwa der Schwäbische Albverein vergangenes Jahr zum 125. Gründungsjubiläum mit Bändertanzgruppen. Der Schwäbische Albverein hat sich neben dem Wandern der Heimatpflege verschrieben. Seine 100000 Mitglieder gehören aber zum größeren Teil der älteren Generation an. Die Anziehungskraft für Jüngere ist trotz großer Anstrengungen der Vereinsleitung gering.

Zumindest was die Heimatpflege angeht, hat der einflussreiche Präsident Hans-Ulrich Rauchfuß schon früher einmal einen Schuldigen für die Nachwuchsmisere ausgemacht: die Schulen. Sein Vorwurf: Seit das frühere Grundschulfach Heimatkunde abgeschafft wurde, liege vieles im Argen. In der Tat haben sich die Länder seit den 1960er-Jahren Zug um Zug davon verabschiedet. Junge Pädagogen witterten in diesem Fach braun angehauchte Heimattümelei. Sie wollten sich den Problemen der Gegenwart widmen.

Wobei das baden-württembergische Kultusministerium eine Vernachlässigung der Heimatkunde verneint. Sie werde in der Grundschule im Fach Mensch, Natur und Kultur behandelt. Dies klingt im Ministerialstil so: „In diesem Fächerverbund erwerben die Schülerinnen und Schüler Kompetenzen, die sie befähigen, sich an ihrer eigenen Beheimatung aktiv zu beteiligen und ihre Identität im Spannungsfeld zwischen Heimatverbundenheit und Weltoffenheit zu stärken.“

Ähnlich verklausulierte Sätze finden sich in den bayerischen Lehrplänen für den Heimat- und Sachunterricht. „Zu einem zeitgemäßen Heimatbegriff gehören die aktive Aneignung und demokratische Mitgestaltung der Heimat“.

Vermutlich kommt es letztlich auf den Lehrer an, was er aus dem Thema Heimat macht. Heimatschützern, deren Grundschulzeit mehr als 50Jahre zurückliegt, dürfte jemand vorschweben, der von örtlichen Sagen berichtet, der erklärt, weshalb auf der Flur ein Schwedenkreuz steht oder bei einer Kapelle ein Pestfriedhof ist, der weiß, was das Marterl am Ortseingang bedeutet.

Früher war aber oft einer der örtlichen Lehrer auch oberster Heimatforscher. Zudem hatten die meisten Deutschen, wenn sie nicht gerade zu den 14 Millionen Kriegsvertriebenen gehörten, über Generationen Wurzeln in ihren Wohnorten geschlagen. Die Mobilität war begrenzt. Kinder sogen praktisch im Vorbeigehen alte Geschichten auf. Sie hörten von der Oma die Erzählungen über den Wunderheiler im Ort, über die Viehseuche, die den Urgroßvater arm gemacht hat – und vieles mehr.

Auf solche Zusammenhänge verweist auch Stefan Feucht. Er leitet das Kulturamt des Bodenseekreises und ist Pressereferent der sehr angesehenen Gesellschaft Oberschwaben für Geschichte und Kultur. „Fehlendes Wissen über die Heimat liegt inzwischen auch an einer mangelnden Weitergabe von Generation zu Generation“, sagt Feucht. Er meint, Traditionen müssten gelebt werden, sonst würden sie aussterben.

Doch in Zeiten zunehmender Mobilität der Bevölkerung fehlt vielen Menschen eine tiefe Bindung an ihrem Wohnort. Selbst in einem kleinen Dorf wie der Bodenseegemeinde Wasserburg stammt inzwischen im Kindergarten die Mehrheit der Kleinen aus Zuzüglerfamilien. Bei ihnen gehört beispielsweise die Seegfröne von 1963, das Zufrieren des ganzen Bodensees, nicht zur kollektiven Familienerinnerung.

Nicht allzu schwarz sehen

„Ich erlebe aber auch, dass Menschen gerade heutzutage nach überschaubaren Einheiten suchen, nach einem Stück Heimat abseits von globalen Entwicklungen“, berichtet der schwäbische Mundartdichter und Kabarettist Helmut Eberhard Pfitzer. Dies zeige sich beim Dialekt. Zwar habe nicht mehr jedes Dorf seine eigene Sprachfärbung mit eigenen Wörtern. Ansonsten erweise sich der Dialekt aber als höchst lebendig, glaubt Pfitzer. „Ein Beispiel dafür ist meine Tochter. Als Kind hat sie nie Dialekt gesprochen. Als Erwachsene tut sie das jetzt.“

Pfitzer warnt davor, in Sachen Heimatkunde zu schwarz zu sehen. Im Fernsehen seien Dialektsendungen wie „Hannes und der Bürgermeister“ beliebt. Dasselbe gelte für regionalhistorische Beiträge in den dritten TV-Programmen. Solche Sendungen machen ihre Quoten aber vor allem mit älteren Zuschauern. Also mit jenen Leuten, die tendenziell noch einen traditionellen Heimatkundeunterricht bekommen haben – oder den Geschichten von Oma und Opa lauschen durften.

Die Auflösung:

Der Limes ist ein römischer Grenzwall. Wer in Süddeutschland lebt, denkt dabei in erster Linie an die Anlagen bei Aalen, Welzheim oder auch Weißenburg/Bayern. Es gibt aber auch den Donau-Iller-Rhein-Limes. Den höchsten Kirchturm der Welt hat nach wie vor das Ulmer Münster. Er misst 161,5 Meter. Die Hohenstaufen sind das glanzvollste Kaisergeschlecht des deutschen Hochmittelalters. Ihre Stammburg liegt bei Göppingen unweit des Filstals. Das Schwabenmeer ist ein historisches Synonym für den Bodensee.

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