Der Anschluss Österreichs als Fanal für die Juden Vorarlbergs: Der Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, Hanno Loewy, kennt d
Der Anschluss Österreichs als Fanal für die Juden Vorarlbergs: Der Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, Hanno Loewy, kennt die Details. (Foto: Christian Flemming)

Es dauert nur einen einzigen Tag, bis der „gesunde Volkszorn“ sich nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland explosionsartig an den Juden entlädt: „Man hat sie auf die Straße getrieben, ihnen Zahnbürsten in die Hand gedrückt. Dann mussten sie damit die Schuschnigg-Propaganda vom Asphalt und von den Wänden schrubben“, sagt Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems, der als Experte die Geschehnisse jener Zeit einordnet. Kurt Schuschnigg war bis zum Anschluss Bundeskanzler und hatte sich noch kurz zuvor in einer Rede für die Unabhängigkeit Österreichs starkgemacht mit den Worten: „Bis in den Tod! Rot-Weiß-Rot!“

Mit seinem Scheitern brechen die Dämme. Das für die Putz- und Verhöhnungsaktionen gegen Juden geprägte Wort ist „Reibpartie“. Es soll sauber gemacht werden, und zwar gründlich: mit bloßen Fingernägeln Plakate von den Fassaden kratzen. Zur Belustigung des Mobs. Zur Demütigung der Menschen, die doch oft nur noch auf dem Papier jüdischen Glaubens sind und sich ansonsten österreichischer fühlen als die meisten Österreicher. Und die der Hass ihrer Nachbarn oder ihrer Kollegen, ja ihrer Bediensteten, vollkommen unvermittelt trifft.

„Während die Ablehnung und Gewalt gegen Juden in Nazi-Deutschland über Jahre gewachsen ist, kam sie in Österreich fast plötzlich. Viele in der jüdischen Gemeinschaft haben sich das gar nicht vorstellen können, dass ihnen was passiert“, sagt Loewy, der, wenn er erzählt, nicht nur mit dem Mund spricht. Sondern auch mit den Händen, ja sogar mit den unzähligen Locken seines Haares, die im Rhythmus jedes seiner Worte auf dem Kopf wippen. „Schließlich hat es immer wieder Wellen des Antisemitismus gegeben, wenn die Eliten oder der Klerus einen Sündenbock gebraucht haben.“ Die Einsicht, dass die Machtübernahme durch die Nazis am Ende eine existenzielle Bedrohung ist, setzt sich bei vielen Juden in Österreich zu spät durch. Oder auch gar nicht. Ein Irrtum, den Tausende am Ende in den KZs im Osten mit ihrem Leben bezahlen.

Während insbesondere in Wien die Schikanen ab dem 13. März 1938 in aller Offenheit zutage treten, bleibt es im Vorarlberger Ort Hohenems vergleichsweise ruhig. Damals ist das heutige Jüdische Museum, in dessen Café Hanno Loewy jetzt sitzt, das Privathaus der jüdischen Fabrikantenfamilie Rosenthal. Auch die letzte jüdische Bewohnerin, Clara Heimann-Rosenthal, glaubt nicht daran, dass die Mitbürger, für die ihre Familie über Jahrzehnte hinweg der wichtigste Arbeitgeber, Steuerzahler und damit finanzielles Fundament der kleinen Stadt war, ihr etwas antun könnten. „Bis zum 10. Juli 1942“, sagt Loewy. An diesem Tag wird die damals 76-Jährige gemeinsam mit den restlichen acht verbliebenen Juden von Hohenems zwangsweise nach Wien umgesiedelt und in wechselnde sogenannte Judenhäuser gepfercht. Am 20. November 1942 stirbt sie schließlich im Konzentrationslager Theresienstadt.

Plötzlich Panik unter den Juden

„Die Zeit unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs ist geprägt von Panik“, erklärt Hanno Loewy. Viele Juden in Österreich sind auf der Flucht. Und obwohl Hohenems seit der Blüte der jüdischen Gemeinde im 19. Jahrhundert an Bedeutung stark verloren hat, entwickelt sich die Vorarlberger Kleinstadt in dieser stürmischen Zeit wieder zum Ziel vieler Juden – wenn auch nur als Durchgangsstation. Denn das Bundesland ist Umschlagort für die Flucht insbesondere in die Schweiz. Durch die Regulierung und Begradigung des Rheins, den Grenzfluss zwischen Österreich und der Schweiz, ist es relativ leicht, zu den Eidgenossen zu fliehen. Denn das Grenzgebiet ist faktisch nicht effektiv zu kontrollieren. „Außerdem ging es damals zunächst um die Enteignung und Vertreibung der Juden. Noch nicht um ihre Vernichtung“, sagt Hanno Loewy. Das ist auch der Grund, warum die Gestapo den Juden an der Grenze zeitweise noch erklärt, wie sie am besten hinüberkommen. „Natürlich nicht ohne ihnen vorher bis auf zehn Reichsmark alles wegzunehmen, was sie besitzen.“ Wenn sie es denn schaffen, kommen die österreichischen Juden bettelarm in der Schweiz an.

Nach Zahlen jüdischer Organisationen konnten bis 1941 etwa 130 000 Juden aus dem Land fliehen. Rund 70 000 wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Für sie war der Anschluss Österreichs das Fanal ihres Schicksals. Die Israelitische Kultusgemeinde schätzt, dass heute 15 000 Juden in Österreich leben. In Hohenems gibt es keine jüdische Gemeinde mehr. Aus der Synagoge machten die Nazis ein Feuerwehrhaus. „Verbrennen war ihnen in der Ortsmitte zu gefährlich“, sagt Loewy. Die Feuerwehr zieht erst im Jahr 2001 wieder aus. Seit 2004 beherbergt das Gebäude die Musikschule der Stadt und den „Salomon Sulzer Saal“, der auf den in Hohenems geborenen, jüdischen Sakralmusiker gleichen Namens zurückgeht.

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