Trotz Pleite will Wolf an die Macht

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Nach der Wahlschlappe: CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf tritt in Stuttgart vor die Parteianhänger.
Nach der Wahlschlappe: CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf tritt in Stuttgart vor die Parteianhänger. (Foto: dpa)
Klaus Wieschemeyer

Als um 18 Uhr die erste Hochrechnung über den Bildschirm flimmert, breitet sich lähmende Stille aus im restlos überfüllten CDU-Saal des Neuen Schlosses in Stuttgart. Es ist ein historischer Moment: Erstmals in der Geschichte Baden-Württembergs ist die Union nicht mehr stärkste Kraft im Land. Erstmals liegt sie zudem deutlich unter 30 Prozent. Die aus Umfragen und Wahlkampfterminen genährten schlimmen Befürchtungen bewahrheiten sich. Die Hoffnung, dass sich die Menschen im Wahllokal spontan doch noch für die Union entschieden haben, schwindet.

Doch Minuten später brandet dann doch begeisterter Beifall auf: Denn auch Grün-Rot hat keine Mehrheit mehr.

„Die Regierung ist abgewählt“, jubelt die CDU-Generalsekretärin Katrin Schütz tapfer. Schütz kann zu diesem Zeitpunkt zwar wie fast zwei Dutzend Kollegen ihr eigenes Landtagsmandat abschreiben, doch die offizielle, am Nachmittag im Parteipräsidium ausgegebene Parteilinie bleibt klar: Die CDU hat zwar verloren, aber nach wie vor einen Auftrag für den Politikwechsel.

In „historisch schwierigster Zeit“

50 Minuten nach den ersten Hochrechnungen sieht die Sache für die CDU immer noch nicht besser aus: Während der CDU-Prozentbalken auf den Flachbildschirmen inzwischen schon bei 26,9 Prozent hängen bleibt, betritt der Spitzenkandidat Guido Wolf begleitet von viel Applaus den CDU-Raum. Wolf spricht von „einem Ergebnis, das die CDU in Baden-Württemberg bisher nicht kannte“ und von einem Wahlkampf in „historisch schwierigster Zeit“.

Doch dann stellt er selbstbewusst klar: „Grün-Rot ist abgewählt!“ Jetzt gehe es ihm „ganz persönlich“ darum, „Verantwortung zu übernehmen für unser Land“. Und damit meint Wolf nicht etwa, dass er aus dem Absturz seiner Partei persönliche Konsequenzen ziehen will – im Gegenteil: „Ich habe den Auftrag meiner Partei“, sagt Wolf und meint damit den Ende 2014 gewonnenen Mitgliederentscheid als Spitzenkandidat. Und dieser Auftrag bedeute, Koalitionsverhandlungen mit allen Landtagsparteien außer der AfD zu führen. „Die CDU hat die Absicht, Regierungsverantwortung zu übernehmen“, sagt Wolf. Und er sei „fest entschlossen“, diese Verantwortung „auch in den kommenden Wochen und Monaten“ zu tragen. Die Partei habe ihn mit der Kandidatur „ganz offenbar nicht auf den Spaziergang geschickt, sondern auf einen steinigen Weg. Und ich bin selbstverständlich bereit, diesen steinigen Weg auch weiterzugehen“, sagt er.

Wolf will sich erneut zum Chef wählen lassen

Dass der Weg so steinig ist, liegt nach Ansicht der CDU in erster Linie an der Flüchtlingskrise. Mit anderen Themen sei man gar nicht mehr durchgedrungen, sagen Wahlkämpfer. Kritik an der Leistung des Frontmanns Guido Wolf will an diesem Sonntagabend nur hinter vorgehaltener Hand aufkommen: Dessen Schlingern in der Flüchtlingskrise sei sicher „nicht hilfreich“ gewesen, sagt ein hochrangiger CDU-Abgeordneter. Doch offen wird nur gesagt, dass man nun erstmal die Gründe des Stimmenverlustes genau analysieren müsse. Es bleibt also dabei: Wolf will die CDU in eine Regierungskoalition führen, auch wenn er eine mit der Union als Juniorpartner der Grünen an diesem Sonntagabend nicht mehr ausschließt. Doch die Präferenz ist klar: Schwarz-Rot-Gelb. Bei einer solchen „Deutschland-Koalition“ habe man viele inhaltliche Gemeinsamkeiten, sagt CDU-Innenexperte Thomas Blenke. „Mit diesem Wahlergebnis kann Guido Wolf Ministerpräsident werden“, sagt Blenke.

Bereits am Dienstag will sich Wolf in Stuttgart von der wohl erheblich geschrumpften Fraktion erneut zum Chef wählen lassen.

Rückendeckung von Strobl

Schon die denkbar kurze Tagesordnung macht dabei klar, dass sich der Spitzenkandidat dabei keine ausufernde Schulddiskussion um Wahlkampffehler ans Revers heften lassen will: Die Wahl ist direkt nach der Konstituierung bereits auf den Tagesordnungspunkt 2 gesetzt, erst mit dem letzten Punkt 3 ist eine Aussprache über die Wahl angesetzt. Das heißt: Zuerst soll gewählt werden, erst dann über Fehler gesprochen. „Das sind Mappus-Methoden“, lästert ein Fraktionsabgeordneter, der ungenannt bleiben möchte.

Doch Wolf lässt sich nicht beirren: Der Weg sei zwar steinig, aber er sei bereit, ihn weiterzugehen. Demonstrative Rückendeckung bekommt Wolf von Landeschef Thomas Strobl, dem manche einen Putsch gegen den Fraktionsvorsitzenden zutrauen. Zwar gebe es am Ergebnis „nichts zu beschönigen“, sagt Strobl. Doch man bleibe dabei: „Wir standen und stehen für einen Politikwechsel, wir wollen den Ministerpräsidenten stellen“. Den Gerüchten, er wolle einen Machtkampf gegen Wolf anzetteln, gibt Strobl mit den Worten des CDU-Urgesteins Erwin Teufel eine Absage: „Erst kommt das Land, dann die Partei, dann die Person.“

Horrorzahlen auf Handydisplays

Ob die Abgeordneten am Dienstag bei der Wiederwahl Wolfs mitziehen werden, ist noch offen. Viele sind an diesem Sonntagabend erschüttert, starren ungläubig auf die Wahlergebnisse auf den Displays ihrer Smartphones, auf denen schier Unglaubliches steht: Sicher geglaubte Direktmandate wie Heilbronn sind verloren, selbst in einstiegen Hochburgen ging es steil bergab. Im tiefschwarzen Alb-Donau-Kreis, im Jahr 2011 noch mit 51Prozent eine feste Bank für den CDU-Kandidaten Karl Traub, rutscht die Partei auf 36,3 Prozent. Der Schock sitzt tief in weiten Teilen der Partei. Und je weiter der Sonntagabend voranschreitet, desto klarer wird manchen CDU-Granden das Ausmaß des Erdrutsches.

Winfried Mack kann den Wahlkreis Aalen zwar mit 35,4 Prozent halten, liegt damit aber mehr als zehn Prozentpunkte hinter dem Ergebnis von 2011. In vielen Orten hat die AfD deutlich zweistellige Ergebnisse geholt. Bei Macks Eppinger Kollegin Friedlinde Gurr-Hirsch sind ganze Orte mehrheitlich an die AfD gefallen. Gurr-Hirsch steht sichtlich betroffen auf der Wahlparty. Mit 26,6 Prozent ist sie zwar direkt wiedergewählt, doch Freude kommt nicht auf.

„Wir müssen die Wähler, die an die AfD verloren gingen, zurückgewinnen“, sagt Mack. Dies sei die wichtigste Aufgabe im neuen Landtag. Auch Wolf betont das, wirbt vor der Landespresse für ein parteiübergreifendes Bündnis aller anderen Landtagsparteien gegen die rechtspopulistischen Neulinge.

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