Taekwondo-Star aus Niger trainiert am Bodensee für den Olympiasieg

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Martin Deck

An diesen Tag erinnert sich Abdoulrazak Issoufou Alfaga noch ganz genau: Am 4. Mai 2015, einem Montag, landet der damals 20-Jährige zum ersten Mal in Friedrichshafen. Am Flughafen wartet ein Mann, der ihn zu seinem neuen Zuhause fahren wird. Auf dem Weg durch die Stadt blickt Alfaga aus dem Fenster, was er sieht, unterscheidet sich grundlegend von dem, was er bislang kannte: Kleine Häuser mit Satteldach, moderne Industriegebäude, der mondäne Bodensee. Dem jungen Mann wird klar: Sein Leben wird sich ab sofort grundlegend ändern.

15 Monate später steigt der 2,07-Meter-Hüne erneut aus dem Flugzeug. Dieses Mal in Niamey, der Hauptstadt der Republik Niger. Doch etwas ist anders als bei seiner Ankunft in Friedrichshafen. Dieses Mal wartet nicht eine Person, sondern fast eine Million Menschen auf Alfaga. Auf dem Weg ins Stadtzentrum feiern und singen Tausende Menschen, als Alfaga im offenen Bus vorbeifährt. Die Straßen sind gesäumt von großflächigen Plakaten, auf denen sein Konterfei abgedruckt ist. Im Präsidentenpalast wird der junge Mann von Staatsoberhaupt Mahamadou Issoufou mit dem Offizierskreuz des Verdienstordens Nigers ausgezeichnet. „Das war der Wahnsinn und eine große Ehre“, erinnert sich der heute 24-Jährige an jenen Tag im August 2016.

Der Zufall führt den Westafrikaner an den Bodensee

Was ist in der Zwischenzeit passiert? Die Erklärung klingt recht simpel: Razak, wie er von allen genannt wird, hat bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro die Silbermedaille gewonnen. Was in Deutschland in der Masse an Medaillen häufig untergeht, sorgte in Niger für einen Ausnahmezustand. Nur eine Medaille hatte das 22-Millionen-Einwohner-Land in Westafrika bis dahin gewonnen, Boxer Issaka Daboré kämpfte sich bei Olympia 1972 in München zu Bronze. Und dann kam Taekwondo-Kämpfer Abdoulrazak Alfaga.

Seine außergewöhnliche Geschichte beginnt mit einem Zufall – und 30 Jahre vorher. 4000 Kilometer von Niamey entfernt, betritt Markus Kohlöffel 1986 zum ersten Mal die Sporthalle der Bodenseeschule in Friedrichshafen. Ein Freund hat ihn zur Taekwondo-AG mitgenommen. Für Kohlöffel, damals 15 Jahre alt, ist sofort klar: Das ist sein Sport. Die koreanische Kampfkunst, bei der es vor allem auf Schnelligkeit und Dynamik ankommt, fasziniert den Friedrichshafener von Beginn an. Als sein Trainer nach Japan auswandert, beschließt Kohlöffel eine eigene Abteilung für Taekwondo im Bodensee-Schulsport-Verein Friedrichshafen aufzubauen. „Um ehrlich zu sein, hatte ich dabei eher egoistische Ziele“, sagt er heute. „Ich wollte ein guter Kämpfer werden und irgendwann für Deutschland kämpfen. Dazu brauchte ich gute Trainingspartner.“

Unbekannter Vorzeigeverein

Tatsächlich schafft es der Friedrichshafener in den deutschen Kader für die Studentenweltmeisterschaft – für mehr reicht es aber nicht. „Ich habe einfach zu spät mit Kämpfen angefangen“, sagt Kohlöffel. Doch sein Ehrgeiz treibt ihn weiter an. Er will anderen helfen, Titel zu gewinnen. Und er hat Erfolg. Schon fünf Jahre nach Gründung der Taekwondo-Abteilung beim BSV gewinnt der Verein die erste Medaille bei einer deutschen Meisterschaft. Mittlerweile haben die Athleten vom Bodensee 274 DM-, 68 EM- und 14 WM-Medaillen erkämpft, sowie ganz aktuell den Titel bei der Club-Europameisterschaft. „Das ist wie die Champions League im Fußball“, sagt Frontmann Kohlöffel.

Mit jeder Medaille steigt das Ansehen der Friedrichshafener Kaderschmiede. Aus der ganzen Welt kommen Athleten an den Bodensee, um sich zum Weltklassekämpfer ausbilden zu lassen. Mittlerweile trainieren Sportler aus zwölf Nationen fest am Standort Friedrichshafen. Als einzige Sportart in Deutschland hat Taekwondo ein vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) lizenziertes Trainingszentrum – und das befindet sich in Friedrichshafen. Im Gegensatz zu deutschen Leistungszentren werden hier Sportler aus aller Welt mit dem Ziel einer Olympia-Teilnahme ausgebildet. „International sind wir eine ganz große Hausnummer“, sagt BSV-Chef Kohlöffel.

Nur: In Friedrichshafen selbst und in der Region ist über die Bedeutung der Taekwondo-Schule im Westen der Stadt wenig bekannt. In Deutschland fristet Taekwondo nach wie vor ein Schattendasein – so wie in ganz Westeuropa. Während der koreanische Kampfsport mit mehr als 30 Millionen Aktiven weltweit zu den beliebtesten Sportarten überhaupt zählt, gibt es in der Deutschen Taekwondo-Union gerade einmal 55 000 Mitglieder – Tendenz fallend. „Hier werden wir nicht wirklich wahrgenommen. Das ärgert mich“, sagt der 48-Jährige, der das ändern möchte – am liebsten mit einem Olympiatitel für den Verein vom Bodensee. 2020 in Tokio wäre das möglich.

Trainer Kohlöffel brennt für den Kampfsport

Und hier kommt wieder Abdoulrazak Alfaga ins Spiel, der noch gar nicht geboren war, als Markus Kohlöffel in den 1990er-Jahren seine Vision entwickelte. In Alfaga hat der Friedrichshafener einen Verbündeten gefunden. Wie Kohlöffel ist er dem Taekwondo-Sport verfallen. Seit er im Alter von sechs Jahren einen Taekwondo kämpfenden Cousin besuchte, brennt er für den Kampfsport – auch, als sein Cousin an den Folgen einer Kampfverletzung stirbt. Auf eigene Faust sucht er sich Vereine, macht sich nach und nach einen Namen. Der breiten Öffentlichkeit ist er aber unbekannt, als er 2014 an den Afrika-Meisterschaften in Tunesien teilnimmt. Auch Markus Kohlöffel, der zufällig ebenfalls in Tunis weilt, hat noch nie etwas von Alfaga gehört. „Ich hatte immer die Hoffnung auf einen großen Kämpfer – und dann habe ich Razak gesehen. Ich wusste sofort: Das ist er!“ Der 2,07 Meter große Athlet überzeugt den Trainer vor allem durch seine Beweglichkeit. „Aber von Taekwondo hatte er keine Ahnung“, sagt Kohlöffel mit einem Lächeln.

Das sollte sich ändern, Alfaga zu ihm nach Friedrichshafen kommen. Doch der Verband Nigers will zunächst nicht mitspielen. Erst mit einer ungewöhnlichen Aktion kann der damals 20-Jährige die Verantwortlichen überzeugen, nach Deutschland ausreisen zu dürfen. „Ich musste unterschreiben, dass ich mit einer Olympiamedaille zurückkomme“, erzählt er. „Wenn nicht, haben sie gesagt, dann darfst du gar nicht mehr kommen.“ Wenn Razak Alfaga spricht, ist ihm anzumerken, wie schwer ihm diese Entscheidung damals gefallen ist. Sein Kopf ist nach unten gebeugt, er redet leise. Er weiß: „Mein ganzes Land schaut auf mich.“ Der Druck scheint ihn zu belasten. Doch plötzlich richtet sich sein kräftiger Oberkörper auf, seine Augen leuchten. „Aber ich habe einen Traum: Ich will Olympiasieger werden.“

Kulturschock und straffes Trainingsprogramm

Und so landet Razak Alfaga am 4. Mai 2015 erstmals in Friedrichshafen – und erleidet einen Kulturschock. „Am Anfang war es sehr schwer für mich“, berichtet er. Gleich am ersten Tag nach seiner Ankunft wird er von seinem Trainer um sechs Uhr geweckt, um acht Uhr steht die erste Einheit auf dem Programm. „Ich habe gesagt, ich trainiere lieber am Mittag. Dann hat Markus gesagt: ,Da trainieren wir schon zum zweiten Mal – und am Abend noch mal’“, erzählt Alfaga und ergänzt lächelnd: „Da habe ich mich schon gefragt: Warum bin ich nur hierher gekommen?“

Doch die beiden Männer raufen sich zusammen. „Wir haben denselben Traum“, sagt der 24-Jährige erneut. „Wir wollen die Goldmedaille.“ Diesem Ziel ordnen beide alles unter. Die drei Trainingseinheiten täglich sind Alfaga mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen. Und auch an die strenge Art von Markus Kohlöffel hat er sich gewöhnt. Heute pflegen die beiden eine ganz spezielle Männerfreundschaft. „Markus ist nicht nur mein Trainer, er ist wie mein Vater“, sagt Alfaga. Seine leiblichen Eltern starben, als er noch ein kleiner Junge war. Dementsprechend schwer verlief sein Leben, bis er nach Friedrichshafen kam. „Ich hatte nie Geld, um mir irgendetwas zu kaufen“, erzählt Alfaga ohne große Gefühlsregung, doch dann lächelt er seinen Trainer an: „Aber Markus hat mir geholfen und mich unterstützt, wo es nur geht.“

Volksheld in Niger

Finanzielle Hilfe braucht Alfaga heute nicht mehr: „Razak hat ausgesorgt“, sagt Markus Kohlöffel, der seinem Kämpfer zutraut, irgendwann einen Ministerposten in seinem Heimatland zu übernehmen. Der Athlet lebt von großzügigen Sponsoren- und Fördergeldern. Dennoch bleibt Alfaga bescheiden: Jahrelang hat er in Friedrichshafen in einer WG gewohnt, mittlerweile leistet er sich zumindest ein Ein-Zimmer-Apartment. Sein Leben hat er ganz dem Taekwondo gewidmet. Razak lebt alleine, einen Job braucht er nicht mehr. Auch mit der Kleinstadt Friedrichshafen hat er sich angefreundet: „Es ist eine schöne Stadt und ich habe ein gutes Leben – und erst der Bodensee“, schwärmt er. Dennoch vermisse er seine Heimat, „aber ich bin jung und muss jetzt mein Leben opfern, damit es mir später gut geht“, sagt er auf Englisch, Deutsch hat er noch nicht gelernt.

In seine Heimat Niger, die von Emigration stark gebeutelt ist, sendet der heutige Unicef-Botschafter eine klare Botschaft: „Er gibt den Kindern Hoffnung, macht aber klar: Bleibt in eurem Land, in Deutschland liegt das Geld auch nicht auf der Straße“, berichtet sein Trainer, der noch heute vom Empfang im Niger schwärmt. Alfagas Wort hat dort Gewicht. Er wird in Chart-Songs besungen, hat eine eigene Briefmarkenkollektion und darf Staatsgäste wie zuletzt Angela Merkel empfangen. Als die Kanzlerin im Mai Niger besuchte, habe er sich für die Unterstützung Deutschlands bei seiner Ausbildung bedankt, erzählt der Taekwondo-Kämpfer. „Aber sie wusste gar nichts damit anzufangen.“

Diese Anekdote offenbart einmal mehr das Dilemma, in der die Häfler Kaderschmiede steckt: Trotz guter Arbeit wird sie kaum wahrgenommen. Ein Olympiasieg im Sommer 2020 bei den Olympischen Spielen in Tokio soll das ändern. „Gold ist unser großer Traum“, sagt Razak Alfaga und sein Trainer nickt. Beide hoffen, dass dann bei ihrer Rückkehr auch am Friedrichshafener Flughafen mehr Menschen warten als noch im Mai 2015.

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