Südwest-Landesregierung hält an Islamunterricht fest

Bünyamin Avci unterrichtet an zwei Gymnasien islamische Religion sunnitischer Prägung.
Bünyamin Avci unterrichtet an zwei Gymnasien islamische Religion sunnitischer Prägung. (Foto: Marijan Murat/dpa)
Landes-Korrespondentin

Seit drei Jahren organisiert die Stiftung Sunnitischer Schulrat den Religionsunterricht für muslimische Kinder im Südwesten. Geht es nach Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne), soll das auch in Zukunft so bleiben. Denn: „Die Alternative wäre, dass wir keinen islamischen Religionsunterricht hätten“, sagte sie bei einem Schulbesuch am Montag in Ludwigsburg. Das könnte ab 2024 der Fall sein, falls der Vertrag zwischen Land und Stiftung nicht erneuert wird. In Weingarten werden derweil weiter keine neuen Studierende für dieses Fach aufgenommen.

Es scheint, als wäre der Lehrstoff an diesem Morgen von der grünen Ministerin bestellt gewesen. „Gefährdet der Klimawandel die Glaubenspraxis?“, fragt Bünyamin Avci. Der Lehrer, der in Tübingen Englisch und islamische Religion studiert hat, steht vor sieben Zehntklässlern des Schiller-Gymnasiums in Ludwigsburg. Erklären sollen sie ihre Meinung anhand der Pilgerfahrt nach Mekka in Saudi-Arabien, Hadsch genannt, die für jeden Muslim einmal im Leben zur Pflicht gehört.

Es ist gut, dass es diesen Unterricht gibt.

Schülerin über das Fach Islamische Religion

Falsches Bild der Religion

Die 15-jährige Helin Dogan hat sich bewusst für diesen Unterricht entschieden, wie sie sagt. Bevor islamische Religion vergangenes Jahr an ihrer Schule eingeführt wurde, nahm sie an Ethik teil. „Ich finde es interessant, dieselben Themen nun aus der islamischen Perspektive zu behandeln“, sagt sie. Viele Menschen hätten ein falsches Bild von dieser Weltreligion. „Im Internet gibt es auch viele falsche Informationen“, zum Teil solche, durch die sich Muslime radikalisieren könnten. „Deshalb ist es gut, dass es den Unterricht gibt“, sagt die Schülerin.

Dank eines Modellversuchs gab es im Land seit 2006 an einigen wenigen Schulen islamischen Religionsunterricht. Doch erst seit 2019 kann er sich allmählich landesweit etablieren, weil die Landesregierung damals als Hilfsmittel die Stiftung Sunnitischer Schulrat gegründet hat. Sunnitisch deshalb, weil sich nach Schätzungen 90 Prozent der Muslime im Land dieser Glaubensrichtung zugehörig fühlen.

Amin Rochdi, Geschäftsführer der Stiftung, spricht von einem Surrogat, denn eigentlich sind die Religionsgemeinschaften für den Unterricht zuständig, wie etwa die christlichen Kirchen und jüdischen Gemeinden. Im Gegensatz hierzu gibt es für Muslime aber keine solche Organisation. Die Stiftung übernimmt diese Aufgaben – erstellt Bildungspläne und erteilt Lehrbefugnisse.

6500 Schüler sind dabei

Inzwischen nehmen laut Kultusministerium rund 6500 Schülerinnen und Schüler an 111 Schulen an dem Unterricht teil, den landesweit 174Lehrkräfte anbieten. 26 von ihnen sind noch in der Ausbildung. Erst seit vergangenem Schuljahr gibt es Lehrer, die das Fach als Hauptfach an Hochschulen im Land studieren konnten – fürs Gymnasium in Tübingen, für alle anderen Schularten an den Pädagogischen Hochschulen. Schopper spricht von einem „Quantensprung“. Noch sind es aber zu wenig, erklärt Rochdi.

Wir erreichen bislang leider nur circa fünf Prozent der sunnitischen Schülerinnen und Schüler im Land.

Kritiker sehen es als Problem, dass im Schulrat lediglich zwei Verbände vertreten sind, die zusammen nur sieben Prozent der Moscheegemeinden repräsentierten. Unter anderem der größte Verband Ditib hatte abgelehnt. Rochdi lässt das nicht gelten. „Selbst wenn alle Verbände beteiligt wären, wären das nur 25 Prozent der Muslime“, sagt er. Die große Mehrheit sei gar nicht organisiert. Und Schopper kontert: „Der Unterricht und dessen Qualität steht für sich.“

Vorwürfe aus Freiburg

Hiermit wehrt sie sich auch gegen die seit Monaten vorgetragenen Vorwürfe von Abdel-Hakim Ourghi, einem Dozenten der PH Freiburg. Er hatte den Lehrauftrag, die sogenannte Idschaza, vom Schulrat nicht erhalten, obwohl er seit Jahren dort lehrt. Ourghi sieht sich nach eigenen Aussagen – unter anderem öffentlich in sozialen Medien – als Opfer einer konservativen Ausrichtung der Verbände, die im Schulrat das Sagen hätten.

Dies sind der türkisch geprägte Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) und die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD). Sie stünden für einen politischen Islam, er aber kämpfe für eine liberale, aufgeklärte Weltanschauung. Der Wiener Religionspädagoge Ednan Aslan sprang Ourghi bei, ebenso die Frankfurter Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter. Beide attestieren dem Schulrat ein rückwärtsgewandtes, undemokratisches Islamverständnis.

Das Kultusministerium widerspricht und argumentiert im Fall Ourghi mit formalen Gründen. Zum einen habe er einen Vertrag mit der PH abgeschlossen, ohne die Idschaza zu haben. Diese nachträglich zu erteilen sei nicht möglich. Zum anderen habe er selbst den Antrag auf eine Idschaza gestellt, dabei müsse dies die Hochschule tun. Im August hat Ourghi dagegen nun Klage eingereicht und sammelt per Crowdfunding Geld für seinen juristischen Streit.

Bayern macht es anders

Ourghi kämpfe mit der Klage um seine eigene Zukunft, entgegnet Schopper. „Ziel für Ourghi ist die Zerstörung der Stiftung. Das ist für uns keine Alternative.“ Die Kritik sei nicht nachvollziehbar. „Die Lehrkräfte sagen uns, ihnen wird überhaupt nicht reinregiert“, so Schopper. Das bestätige auch die staatliche Schulaufsicht. Im Vorstand der Stiftung seien zudem nur zwei Vertreter der Verbände, während das Kultusministerium bei drei weiteren mitentscheide, erklärt Rochdi. Auch alle damaligen Lehrkräfte für islamische Religion im Land hatten sich im Juli in einem öffentlichen Brief gegen die rufschädigenden Behauptungen Ourghis gewehrt.

Im Gegensatz zu anderen Ländern wie Bayern, die Islamkunde unterrichten, ist der Religionsunterricht im Südwesten bekenntnisorientiert – genau wie der etwa der christlichen Kirchen. So sieht es auch das Grundgesetz vor, erklärt ein Sprecher Schoppers. Eine Rückkehr zur reinen Islamkunde sei nicht möglich.

VIKZ beantragt Anerkennung als Religionsgemeinschaft

Erledigen könnte sich das Provisorium Schulrat von allein – nämlich dann, wenn einer der Verbände als Religionsgemeinschaft anerkannt würde. Dann wäre dieser für den Religionsunterricht zuständig. Der VIKZ habe einen entsprechenden Antrag gestellt, so Schoppers Sprecher. Dass dieser genehmigt werde, sei aber nicht zu erwarten, „da unter anderem Zweifel bestehen, dass sie organisatorisch dazu in der Lage wären, den Unterricht zu organisieren.“

Wie es mit der Lehrerausbildung für islamische Theologie in Weingarten weitergeht, bleibt offen. Der für die Ausbildung zuständige Dozent Abdel-Hafiez Massud hatte ebenfalls keine Idschaza erhalten. Neue Studierende werden nicht aufgenommen, Gerüchte prognostizieren bereits ein Ende des Fachbereichs. „Über mögliche Schließungen von Fächern müssten Gremien entscheiden. Derartige Entscheidungen liegen nicht vor“, erklärt ein Hochschulsprecher. Alles hänge vom Personal ab, teilt das Wissenschaftsministerium auf Anfrage mit.

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