Licht am Ende des Tunnels: Die 8800 Meter lange Unterführung durch den Boßlerberg ist fertig.
Licht am Ende des Tunnels: Die 8800 Meter lange Unterführung durch den Boßlerberg ist fertig. (Foto: dpa)
Landes-Korrespondentin

Trotz aller Kritik von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hat das Bahnprojekt Stuttgart 21 einen wichtigen Schritt gemacht. Seit Freitag ist die 8800 Meter lange Unterführung durch den Boßlerberg bei Mühlhausen im Täle (Kreis Göppingen) fertig. Das ist der längste Tunnel der neuen Bahntrasse Ulm-Stuttgart. Mit großem Tamtam hat die Deutsche Bahn das Ereignis gefeiert. Doch was bedeutet dies für Bahnreisende, die auf raschere Verbindungen hoffen? Katja Korf beantwortet die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wann wird die Strecke zwischen Ulm und Stuttgart fertig?

Ursprünglich hatte die Bahn 2021 anvisiert. Mittlerweile plant man mit Dezember 2022. Neu gebaut wird bis dahin der Abschnitt zwischen Wendlingen und Ulm. Die neue Strecke verläuft direkter und und ist damit kürzer als die alte. Außerdem können Züge sie mit höherem Tempo befahren, nämlich mit bis zu 250 Kilometern pro Stunde. Dafür sorgen unter anderem Tunnel mit einer Gesamtlänge von rund 59 Kilometern. Von denen sind mittlerweile 47 Kilometer im Rohbau fertig.

Wo liegen die größten Probleme?

Ganz klar beim Bau des Stuttgarter Bahnhofs. 2009 wurden die Kosten für das Projekt noch mit 4,5 Milliarden Euro veranschlagt, heute geht die Bahn von 8,2 Milliarden Euro aus. Land und Bahn streiten darüber, wer die Mehrkosten tragen muss. Bauzeiten, Genehmigungsverfahren und Maßnahmen für den Artenschutz dauern deutlich länger als geplant. So bereitet das Gestein rund um Stuttgart den Ingenieuren viele Schwierigkeiten beim Tunnelbau, ebenso wie Tausende geschützte Eidechsen. Brandschutz und Fluchtwege bleiben heikle Themen. Das Konzept der Bahn ist seit Frühjahr genehmigt, es gibt aber sogar von Fachleuten der Behörden in Stuttgart Kritik daran. Die Bahn beklagt sich über langwierige Genehmigungsverfahren. Die Ämter rechtfertigen sich: Ihnen fehle Personal, das Projekt sei Neuland und die Bahn lege Unterlagen zu spät vor. Bahnkritiker werfen dem Konzern vor, bekannte Probleme kleingeredet zu haben. Mittlerweile haben selbst Bahnvorstände zugegeben: Mit dem Wissen von heute hätte man S 21 wohl nicht gebaut.

Ab wann verkürzt sich die Fahrtzeit zwischen Ulm und Stuttgart wie versprochen?

31 Minuten aus Ulm bis Stuttgart: So lautet das Versprechen der Bahn. Das wäre ein Zeitgewinn von rund 30 Minuten. Wann die Bahn das einhalten kann, ist noch offen. Bevor der neue Tiefbahnhof Stuttgart 21 nicht fertig wird, kann die neue Strecke nicht an diesen angeschlossen werden. Damit könnten Züge aus Richtung Ulm nur bis Wendlingen auf der neuen Strecke fahren und danach ins Neckartal auf die alte Strecke abbiegen. Diese Verbindung zwischen alt und neu hat aber nur ein Gleis. Damit könnten wesentlich weniger Züge als geplant Stuttgart aus Richtung Ulm erreichen. Die Bahn prüft, wie ein Fahrplan für die Zeit zwischen 2022 und 2025 aussehen könnte – frühestens dann soll der Stuttgarter Bahnhof fertig sein. Das wären vier Jahre später als gedacht. Die Fahrtzeit aus Ulm würde zwar auch während dieser Zeit kürzer – aber sicher um deutlich weniger als die versprochenen 30 Minuten. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) kalkuliert mit maximal zehn Minuten Ersparnis.

Ab wann ist der Flughafen Stuttgart aus Richtung Ulm besser erreichbar?

Alle zwei Stunden sollte ein IC aus Ulm dort halten, dazu weitere Regionalzüge. So sehen es Vereinbarungen zwischen den Projektpartnern Bahn und Land vor. Pläne der Bahn, dies zu ändern, stießen zuletzt auf breite Kritik. Deswegen ruderte man zurück und will bislang an den Plänen festhalten. Allerdings geht auch das erst, wenn der Tiefbahnhof in Stuttgart mitsamt aller neuen Gleise aus verschiedenen Richtungen fertig ist – also nicht vor 2025. Außerdem gab es mehrere Klagen gegen die bisherigen Baupläne für den neuen Flughafen-bahnhof, die das Vorhaben bremsen. Sicher ist: Die Anbindung der Strecke Singen-Stuttgart an den Airport wird erst nach 2025 kommen. Bis dahin müssen Fahrgäste aus dieser Richtung weiter umsteigen, um zum Flughafen zu gelangen

Was bedeutet das für Reisende auf der Südbahn, also aus Oberschwaben und dem Allgäu?

Diese müssen bis 2021 ohnehin sehr geduldig sein: Weil die Strecke Oberleitungen bekommt, müssen sie zum Teil monatelang in Busse umsteigen. Die Elektrifizierung lohnt sich aber, denn die alten Dieselloks werden durch schnellere E-Loks ersetzt. Von und nach Ulm geht es ab 2021 rascher, wenn es wie geplant läuft. Aber von kürzeren Fahrtzeiten nach Stuttgart profitiert man frühestens 2022. Eine große Schwierigkeit: Alle Fahrpläne für die Zeit ab 2021 sind darauf ausgerichtet, dass die Strecke Ulm-Stuttgart und der neue Bahnhof gleichzeitig fertig werden. Damit muss die Bahn schnell umplanen, um die Übergangszeit bis 2025 zu überbrücken. Davon hängt ab, wie gut die Verbindungen ab Ulm sein werden.

Was bedeutet S 21 für die Gäubahn aus Singen nach Stuttgart?

Hier droht Ungemach. Der Neubau des Bahnhofs am Flughafen verzögert sich laut Bahn um zwei Jahre. Für die Reisenden aus dem Süden Richtung Landeshauptstadt bedeutet das,, dass sie vielleicht bis zu drei Jahre in Stuttgart-Vaihingen in ohnehin schon ausgelastete S- und U-Bahnen umsteigen müssen. Das betrifft täglich zwischen 8000 und 10 000 Pendler. Ursprünglich hatte die Bahn sechs Wochen mit einem solchen Provisorium gerechnet, zwischenzeitlich war von einem halben Jahr die Rede. Erst nach 2025 soll das für die Gäubahn nötige dritte Gleis am Stuttgarter Flughafen fertig sein.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen