Echse
In Stuttgart gibt es laut einer neuen Studie rund 140 000 Mauereidechsen, 4000 davon auf dem Gelände des geplanten Abstellbahnhofs in Untertürkheim. (Foto: Sina Schuldt/dpa)
Landesdienst Baden-Württemberg
Martin Oversohl

Kleine Mauereidechsen könnten im Streit um das Bahn-Megaprojekt Stuttgart 21 noch zum großen Problem für die Bauherren werden. Denn läuft es bei der Debatte um den geplanten Abstellbahnhof im Neckarvorort Untertürkheim besonders schlecht für die Bahn, wackelt wegen der streng geschützten Echsen nicht nur der Zeitplan des milliardenschweren Vorhabens. Es könnte auch die gesamte Wirtschaftlichkeit von S 21 infrage stehen.

Denn im neuen Stuttgarter Tiefbahnhof sollen die Züge künftig nur auf der Durchreise sein. Das spart Zeit und ermöglicht die sportliche Taktung auf den künftig nur acht Gleisen.

Eidechsenumsiedlung kostet Millionen

Teurer Umzug: Für rund 15 Millionen Euro muss die Bahn sogenannte Zauneidechsen für ihr Bahnprojekt S21 umsiedeln. Allein 250 Stück sind es in Oberboihingen im Kreis Esslingen. Die Umsiedlung einer Zauneidechse kostet laut Bahn rund 3.000 Euro.

Zum zentralen Stück des Kreislaufs rund um den Tiefbahnhof wird nach den Plänen der Bahn die rund zehn Hektar große Fläche des alten Güterbahnhofs. Dort sollen die Nah- und Fernzüge verteilt, gedreht, gereinigt oder aufs zeitweise Abstellgleis gelenkt werden.

Ohne den Abstellbahnhof lässt sich Stuttgart 21 nicht wirtschaftlich betreiben 

heißt es bei der Bahn

Die Baugenehmigung fehlt. Und die sollte nach Ansicht von Anwohnern und Umweltschützern keinesfalls erteilt werden. Ohne das entscheidende Ringkonzept würden allerdings die Wege der Züge länger, die Fahrtzeiten auch, es müssten mehr Lokführer eingesetzt werden, die Kosten würden steigen.

„Ohne den Abstellbahnhof lässt sich Stuttgart 21 nicht wirtschaftlich betreiben“, heißt es bei der Bahn. „Und es gibt keine sinnvolle Alternative dazu.“

Doch die Anlage sei zu laut, erst recht nachts, klagen die Anwohner. Sie haben sich seit Jahren an die ungenutzten Gleise des Güterbahnhofs gewöhnt und fürchten den Bau und den Lärm danach.

140 000 streng geschützte Mauereidechsen

Außerdem verstoßen die Pläne nach Ansicht von Umweltschützern gegen den Artenschutz. Denn auf dem Gelände leben laut Bahn über 4000 der grob geschätzt mindestens etwa 140 000 erwachsenen und streng geschützten Mauereidechsen Stuttgarts. Eigentlich keine Überraschung für die Bahn, denn diese Reptilienart kommt in den Projektgebieten für S 21 fast überall vor.

Warm, steinig, trocken, viele Verstecke – im überwucherten Schotter der Gleise fühlen sich die Tiere pudelwohl, das gilt vor allem für die stillgelegten Strecken in Untertürkheim.

Mauereidechse in der Sonne
Eine Mauereidechse sonnt sich auf den Steinen des Birkenkopfes. (Foto: Sina Schuldt/Archiv / DPA)

Der Knackpunkt: Mauereidechse ist nicht gleich Mauereidechse. Das ursprüngliche Vorkommen, das auf französische Exemplare zurückgeht, hat sich nach und nach mit aus Italien zugewanderten Tieren vermengt. Diese sollen auf Güterzügen als blinde Passagiere ihren Weg über die Alpen gefunden haben, ein weiteres Gerücht sieht den Ursprung in ausgebüxtem Lebendfutter für die Wilhelma, dem nahen Tierpark.

Die Stuttgarter Mischlinge sollen den Genpool über die Stadtgrenzen hinaus nicht verändern und die seltener werdende Zauneidechse nicht verdrängen. Deshalb ist die Bahn nach einer Vorgabe des Regierungspräsidiums an die sogenannte Gebietskulisse gebunden, aber im eng besiedelten Stadtgebiet fehlt es an Flächen.

Jede umzusiedelnde Mauereidechse kostet 3000 Euro

Die Vorgaben der Naturschutzbehörden für das Umsiedeln sind zudem hart: Die Fläche, von der Tiere abgesammelt wurden, muss genauso groß sein wie das neue Habitat. Auf diesem darf es keine Katzen geben und auch keine geschützten Konkurrenten, zudem muss die neue Fläche 30 Jahre lang beaufsichtigt werden. Für Artenschutz wie diesen gibt die Bahn eine höhere zweistellige Millionensumme aus. Die Bahn schätzt die Kosten für eine umzusiedelnde Mauereidechse auf bis zu 3000 Euro.

Deshalb schlägt die Bahn vor, möglichst alle, zumindest aber so viele Echsen wie möglich abzusammeln und auf ein fünf Hektar großes Areal umzusiedeln. Überzeugt das Angebot nicht, könnte die Bahn auch nur einen Teil der Echsen auf ein fünf Hektar großes Areal umsiedeln, der Rest würde in Untertürkheim mehr oder weniger seinem Schicksal überlassen.

Kritik von Naturschützern

Beide Varianten lehnen die Naturschützer ab. Der Naturschutzbund (Nabu) Deutschland und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) schließen Klagen nicht aus. Die Vorschläge der Bahn zur Umsiedlung seien indiskutabel, sagt der Nabu-Fachbeauftragte für Infrastrukturprojekte, Hans-Peter Kleemann. Beim Artenschutz habe die Bahn das Potenzial für Ausgleichsmaßnahmen nicht ausgeschöpft. Der BUND bezeichnet die „Alles oder Nichts-Drohgebärde“ beim Umsiedeln der Eidechse als „völlig unangemessen“.

Die Entscheidung über den Abstellbahnhof trifft das Eisenbahnbundesamt (EBA). Die Bonner Behörde steckt in einer Zwickmühle: Hebelt es den Artenschutz aus, weil die beiden vorgeschlagenen Varianten diesem streng genommen widersprechen? Oder bremst es die Bahn aus und riskiert eine weitere Verzögerung und Kostenexplosion bei S 21?

Aber selbst wenn die Behörde die Pläne der Bahn bis Ende 2020 absegnet: Sicher können sich die S 21-Bauherren danach nicht fühlen, sie müssen mit Klagen rechnen und mit einem langen Verfahren.

Bereits der vierte Anlauf der Bahn

Vor der Entscheidung wollen Experten und Bevölkerung die Pläne bei einer öffentlichen Erörterung am 15. und 16. Januar besprechen. Laut Regierungspräsidium liegen 370 Einwendungen vor. Es ist der vierte Anlauf der Bahn. Andere Entwürfe waren unter anderem wegen der Finanzierungsfragen zu S 21 zurückgezogen oder wegen der Lärmbelastung fallen gelassen worden, ein dritter scheiterte an der nicht genehmigten Umsiedlung der Mauereidechsen in einen Steillagenweinberg in Esslingen.

Dieses Mal wird es klappen, ist Florian Bitzer, der Verantwortliche für Umweltthemen der S 21-Projektgesellschaft, überzeugt. Nicht nur werde die Güterverkehrsstrecke vom Wohngebiet ins Geländeinnere des ehemaligen Bahnhofsareals gerückt und der Lärmpegel der Güterzüge so gesenkt. Auch werde die Werkstatt der DB Regio nicht mehr benötigt.

Für rund 5500 vermutete Eidechsen sei das sogenannte Ersatzhabitat entlang der Bahntrasse ausgemacht worden. Er spürt den Zeitdruck: Bis Ende 2021 sollten die Bauarbeiten eigentlich beginnen.

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