Start der Saison: So soll Motorradfahren sicherer werden

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Land will Biker-Strecken sicherer machen
Weil im vergangenen Jahr rund 40 Prozent mehr Motorradfahrer tödlich verunglückt sind, will das Land Baden-Württemberg die Sicherheit verbessern.
Schwäbische Zeitung

Tibulafraktur, Femurfraktur, Hämatome: Für Gunnar Huleja aus Lindau bedeuteten diese medizinischen Fachausdrücke, die seine Knochenbrüche nach einem schweren Unfall auf der Strecke zwischen Lindau und Scheidegg beschreiben, vor allem eines: Schmerzen. Und das vorläufige Ende seiner Motorradkarriere. Gunnar Huleja fährt am 3. Oktober 1988 auf den Serpentinen der Rohrachschlucht. Auf der sehr kurvenreichen Straße verliert ein kreuzender Traktor Öl. „Mir ist das Hinterrad weggerutscht und ich bin mit meinem Bein gegen den Pfosten der Leitplanke geknallt“, erinnert sich Gunnar Huleja. Ergebnis: Schienbein zerschmettert, Oberschenkel gebrochen. Alles blau von Hämatomen.

Das Unglück des heute 60-Jährigen ist nur eines von vielen. Polizeimitteilungen, insbesondere nach sonnigen Wochenenden, machen das Problem plastisch: „31-jähriger Motorradfahrer kommt nach Sturz mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus.“ „Motorradfahrer überschlägt sich, nachdem ihm das Hinterrad des Motorrades wegrutscht.“ „Motorradfahrer verstirbt nach Verkehrsunfall.“ „48-jähriger Motorradfahrer stürzt nach Fahrfehler in einer Kurve.“

Um besonders das hohe Risiko in Kurven zu minimieren, hat das Landesverkehrsministerium am Freitagnachmittag auf dem Lochenpass bei Balingen-Weilstetten zwei Maßnahmen vorgestellt. Zum Termin eingeladen waren auch einige Motorradfahrer der Biker Union, einem Verein, der die Interessen von Bikern, Rockern und Motorradfahrern vertritt. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) reiste zunächst mit dem Auto an. Oberhalb des Passes stieg er dann in den Beiwagen der schwarzen Yamaha Venture von Zlatan Pokšiva und ließ sich standesgemäß und in vorbildlicher Geschwindigkeit zum Sammelpunkt chauffieren.

Dort angekommen, stellte der Verkehrsminister zum einen die Kurvenleittafel vor – eine weiße Kunststofftafel mit einem roten Pfeil darauf, die den klassischen Tafeln in Kurven zum Verwechseln ähnlich sieht. Entscheidender Vorteil: Durch das weiche Material sind sie sehr flexibel, weich und beweglich. Falls ein Motorradfahrer bei einem Sturz dagegenprallt, minimiere das das Risiko, dass der Unfall tödlich endet, sagte Minister Hermann. Die zweite Sicherheitsinnovation im Gepäck des Verkehrsministers war der Unterfahrschutz – eine zweite Planke, die unmittelbar unterhalb der eigentlichen Leitplanke angebracht wird. Sie deckt die Pfosten ab und verhindert dadurch, dass diese zur tödlichen Gefahr werden, wenn ein gestürzter Motorradfahrer dagegenkracht.

Eine solche Einrichtung hätte sich Gunnar Huleja damals auch gewünscht: Hätte es an der Straße in Richtung Scheidegg einen Unterfahrschutz an der Leitplanke gegeben, hätte er bei seinem Sturz nicht viel mehr als Blessuren davongetragen. Stattdessen musste er nach einem sechswöchigen Krankenhausaufenthalt zwei Monate lang an Krücken gehen. Mit dem Motorradfahren war nach dem Unfall Schluss. Seiner Frau zuliebe hörte er damit auf. „Es hat mir sehr gefehlt“, sagt Gunnar Huleja rückblickend.

Irgendwann wird das Verlangen nach dem Zweirad aber zu groß und rund acht Jahre nach dem Unfall kauft er sich wieder eine Maschine – eine BMW 1100 GS. Und es kommen noch einige Motorräder unterschiedlicher Marken und Typen mehr dazu. Mit seiner Tourenmaschine ist er neun Wochen lang in Südamerika unterwegs. „Dort sind wir insgesamt 14 000 Kilometer gefahren“, sagt Huleja. Ein großer Wunsch, den er sich mit zwei guten Motorradfreunden erfüllt hat.

Doch neben dem gemütlichen Fahren lebt Gunnar Huleja ein Extrem: Regelmäßig fährt er auf verschiedenen Rennstrecken. „Am 1. Mai sind wir auf dem Rheinring in Frankreich.“ Huleja besitzt seinen Motorradführerschein seit 42 Jahren. Über die Jahre habe sich der Straßenverkehr sehr verändert. Für Motorradfahrer sei es zunehmend gefährlicher geworden, vor allem wenn man risikoreich und schnell fahren will. Und Gunnar Huleja will Gas geben, er liebt die Schräglage. „Das liegt mir einfach im Blut.“ Daher nutze er die Rennstrecken, um sich auszuprobieren und mit seiner Maschine eins zu werden. Dort gibt es weder Leitplanken, Bäume noch Gegenverkehr.

Ältere Fahrer sind Risikogruppe

Die Unfallzahlen des vergangenen Jahres dokumentieren dramatische Veränderungen. In der Motorradsaison von März bis Oktober 2017 sind in Baden-Württemberg 101 Motorradfahrer tödlich verunglückt. Das ist ein Anstieg von mehr als 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie das Innenministerium mitteilt. Demnach haben mehr als die Hälfte der Fahrer die Unfälle selbst verschuldet. Bei 45 der tödlichen Unfälle war überhöhte Geschwindigkeit die Ursache, sieben Menschen sind bei einem Überholmanöver verunglückt.

Die Risikogruppe mit den meisten tödlichen Unfällen unter Motorradfahrern ist zwischen 50 und 59 Jahre alt. 25 der insgesamt 101 tödlich Verunglückten gehören dieser Altersgruppe an. „Oft sind das Männer, die wegen der Familienplanung jahrelang nicht gefahren sind und sich dann eine viel zu schnelle Maschine kaufen“, erklärt ADAC-Sprecher Reimund Elbe. Die Motorräder seien in der Zwischenzeit aber deutlich leichter und hätten mehr Leistung. Viele würden sich und ihr Können schlichtweg falsch einschätzen. „Man kann da nur an den gesunden Menschenverstand appellieren,“ sagt Elbe. Daher empfehle der ADAC auch für Wiedereinsteiger und Fahranfänger sogenannte Fahrsicherheitstrainings, bei denen man das Verhalten der eigenen Maschine besser einzuschätzen lerne.

Doch Motorradfahrer leben nicht nur aus eigener Unvernunft gefährlich, sondern auch durch die Unachtsamkeit der Autofahrer, wie Sebastian Volkholz aus Ulm erleben musste. Der heute 26-Jährige hatte bereits mit 16 Jahren den sogenannten A1-Führerschein gemacht, mit dem man Krafträder mit bis zu 125 Kubikzentimeter Hubraum fahren darf. Als er mit seinem ersten Zweirad in der Ulmer Innenstadt unterwegs ist, muss er an einer roten Ampel warten. Ein nachfolgender Autofahrer übersieht ihn scheinbar und rammt ihn von hinten. Zum Glück bleibt er fast unverletzt. „Das Motorrad hatte Totalschaden“, sagt der Student. Besonders enttäuscht ist er von den anderen Verkehrsteilnehmern, weil ihm niemand direkt geholfen habe. Erst ein vorbeifahrender Motorradfahrer hält an und sieht nach ihm. „Seitdem fahre ich deutlich vorsichtiger und achte in der Stadt noch mehr auf den vorausfahrenden Verkehr.“

Doch nicht nur die fehlende Hilfsbereitschaft kritisiert Sebastian Volkholz bei den Autofahrern. Er verstehe auch das aggressive und achtlose Verhalten gegenüber Motorradfahrern nicht. „Ich habe kürzlich einen Autofahrer überholt und der hat im Vorbeifahren seinen glühenden Zigarettenstummel aus dem Fenster geworfen“, sagt Volkholz. Dieser sei ihm gegen seine Motorradjacke geflogen und habe dort ein kleines Loch hineingebrannt. Auch Gunnar Huleja kritisiert das Verhalten der Autofahrer. Er erlebe es häufig beim Überholen, dass Autofahrer mit Absicht Gas geben, sodass ein Überholen unmöglich wird. Oder dass Autofahrer mit beleidigenden Gesten fuchteln.

„Fahren Sie immer vorsichtig.“

Davon hat es beim Ministertermin am Freitagnachmittag keine gegeben. Auch wenn die Autofahrer wegen Hermann den Pass zeitweise nur einseitig befahren konnten, blieben sie ruhig. Als er auf der Straße – belagert von Journalisten – die Vorzüge des Unterfahrschutzes erklärte, horchten manche auf: Sein Ziel sei die „Vision Zero“. Das bedeutet, dass kein Menschen mehr im Straßenverkehr sterben soll. „Wir tun Unseres. Aber Sie müssen auch Ihres tun. Fahren Sie immer vorsichtig!“, mahnte Hermann. Wie nah er diesem hehren Ziel mit den vorgestellten Sicherheitseinrichtungen kommen kann, müssen die Polizeimeldungen der Zukunft zeigen. Die Saison der sonnigen Wochenenden hat eben erst begonnen.

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