Luisa Boos war die Wunschkandidatin der neuen SPD-Landeschefin Leni Breymaier als Generalsekretärin. Eine Personalie, gegen die
Luisa Boos war die Wunschkandidatin der neuen SPD-Landeschefin Leni Breymaier als Generalsekretärin. Eine Personalie, gegen die manch einer in der Partei Vorbehalte hatte. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung
Landes-Korrespondentin

Die Personalie Luisa Boos hatte in der SPD alte Gräben aufgerissen. Nun, gut zwei Monate nach ihrer Wahl, spricht die neue Südwest-Generalsekretärin darüber, wie verletzend manche Anfeindung für sie war. Doch eigentlich richtet sich ihr Blick nach vorne: auf ein Alleinerziehenden-Portal, das sie gründen möchte, auf die Neuaufstellung der schwächelnden Landes-SPD und auf sozialdemokratische Bündnisse über die Landesgrenzen hinaus.

Luisa Boos sitzt in einem Café nahe des Karlsruher Hauptbahnhofs und nippt an ihrem Milchkaffee. Die 32-Jährige hat den Ort für das Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“ ausgewählt. Als Alleinerziehende muss sie jonglieren, um ihre beruflichen Termine mit den privaten Verpflichtungen zu vereinbaren.

Dass sie Generalsekretärin wurde, liegt an der neuen SPD-Landesvorsitzenden Leni Breymaier. „Als Leni gefragt hat, ob ich das machen will, hab ich gesagt: Du spinnst wohl!“, sagt Boos lächelnd. Aber Breymaier blieb hartnäckig – als designierte Parteichefin hatte sie das Vorschlagsrecht. Am Tag ihrer Wahl, dem 22. Oktober, war Boos sichtlich nervös. Bei ihrer Bewerbungsrede wirkte sie unsicher – vor allem im Vergleich zu Leni Breymaier, die kurz zuvor eine bewegende Ruck-Rede gehalten hatte. „Die Wahl war medial so zugespitzt“, erklärt Boos. „Am Vormittag hatte ich dann das Gefühl, dass es mich überhaupt nicht umbringt, wenn ich nicht gewählt werde. Aber dann wäre ich für Leni zum Start zum totalen Rohrkrepierer geworden.“ Doch Boos wurde gewählt, wenn auch nur mit knapp 60Prozent der Delegiertenstimmen. Breymaier selbst erhielt 85Prozent der Stimmen und übernahm den Vorsitz von Nils Schmid, der nicht mehr antrat. Er übernahm so Verantwortung für das miserable SPD-Ergebnis von 12,7Prozent bei der Landtagswahl im März.

Wegen dieser Vorgeschichte hatte Boos erwartet, dass die ersten Wochen nach der Wahl schwer sein würden. „Waren sie aber gar nicht. Ich bin überraschend gut aufgenommen worden“, auch von der Landtagsfraktion, an deren Sitzungen sie jeden Dienstag teilnimmt. Ein Ziel von ihr ist, die verschiedenen Kräfte in der Partei stärker zu verbinden. Ein Vorteil: Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin Katja Mast, die zugleich im Bundestag die SPD-Landesgruppe leitete, kann sich Boos als hauptamtliche Generalsekretärin ganz auf diese eine Aufgabe konzentrieren.

Ihr Motto „Nicht reden, machen!“ kann Boos nicht immer so zügig umsetzen, wie sie das gerne will. „Momentan geht mir vieles noch zu langsam“, sagt sie. „Vieles ist in Strukturen gewachsen. Die anzufassen, schürt erst mal Vorbehalte.“ Einiges hat sie allerdings bereits angepackt: So gibt es nun zwei Arbeitsgruppen im Landesvorstand, die sich mit den Oberthemen „Streben nach einer gerechten Gesellschaft“ und „Zukunft der Arbeit“ befassen. Wohnungspolitik ist das gesetzte Thema für den Januar, beim Jahresauftakt kommende Woche will die SPD ein Konzept vorstellen.

Generell will sie weniger auf Tagespolitik reagieren, sondern mehr eigene Themen setzen. „Ich bin Bäckerstochter, ich kann meinen eigenen Kuchen backen“, sagt Boos. So will sie etwa eine Plattform auf Facebook unter dem Titel „Alleinerziehend und laut“ erstellen. Es geht um den Austausch von Alleinerziehenden, um die alltäglichen Sorgen und Nöte. „Keiner will ein Sozialfall sein, aber es gibt strukturelle Probleme.“ Und die sollen thematisiert werden, so Boos. Und Boos kündigt an, einen hauptamtlichen Social-Media-Beauftragten einzustellen. „Da sind wir noch unglaublich schwach, da müssen wir einfach besser werden.“ Ihre Erfahrung: Viele Motzer im Netz sind tatsächlich erreichbar, wenn man mit ihnen diskutiert.

Und wo sieht Boos ihre Zukunft? „Ich könnte mir das EU-Parlament vorstellen und sonst nichts“, sagt die überzeugte Europäerin. „Die Rechten schaffen es, sich international bestens zu vernetzen“, sagt sie – das sollte die Linke auch tun. Dieses Ziel treibt Boos voran, indem sie etwa zum SPD-Listenparteitag am 11. März sozialdemokratische Vertreter aus den Nachbarländern Österreich, Schweiz und Frankreich einlädt. Und sie will die ehemalige „Süd-Achse“ der SPD-Landesparteien aus Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland wieder stärken.

Zur Person: Luisa Boos

Die 32-jährige Luisa Boos lebt mit ihrem sechs Jahren alten Sohn Luan in Sexau im Landkreis Emmendingen. Ihre Mutter kam als Gastarbeiterin aus Bosnien nach Deutschland, ihr Vater ist Bäckermeister. „Er ist für mich der Inbegriff eines grünen Bürgerlichen“, sagt Boos – und so dient er ihr nicht selten als Gegenüber, an dem sie ihre politischen Standpunkte und Vorhaben abgleichen kann.

Vor dem Wahl-Parteitag am 22.Oktober in Heilbronn wuschen manche Genossen alte, dreckige Wäsche. Ein Dossier über eine ehemalige Juso-Facebook-Gruppe, in der sich auch Boos abfällig über andere Jungsozialisten geäußert hatte, machte die Runde. Auch Teile der Landtagsfraktion machten Stimmung gegen Boos.

In dieser Zeit hat sie fünf Kilo abgenommen, erklärt Boos. An manchen Tagen schaffte sie es nicht, den Ärger vor der Haustür abzustreifen. An solch einem Tag fragte ihr Sohn, was mit ihr los sei. „Ich habe ihm gesagt: In der Zeitung steht, dass deine Mama eine doofe Kuh ist. Er hat nur gelacht. Das war ein guter Moment“, sagt Boos. Einer, der ihr Kraft gegeben hat.

Boos gehört der SPD seit 2005 an. Sie hat Politik- und Sozialwissenschaften studiert, hat seit 2009 bis zu ihrer Wahl zur Generalsekretärin für die linke SPD-Bundestagskandidatin Hilde Mattheis aus Ulm gearbeitet. Die SPD-Basis erwartet unter dem Duo Breymaier-Boos einen Schwenk nach links. (kab)

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