Diesel in den Innenstädten und jetzt auch noch die freie Fahrt auf der Autobahn: Die Grünen verbieten alles, was Spaß macht – meint die FDP und ätzt gegen die „grünideologische Verkehrspolitik“ angeblicher Spaßbremsen im Verkehrsministerium. Dort hatten die Grünen kürzlich ein Tempolimit auf der A81 durchgesetzt – gegen den anfänglichen Widerstand der CDU. Das soll Schweizer Raser ausbremsen und die Verkehrssicherheit auf dem knapp 20 Kilometer langen Abschnitt zwischen Engen und Geisingen verbessern.

Um Geschwindigkeitsbegrenzungen auf deutschen Autobahnen wird allerdings nicht erst seit dem Bestehen der Grünen gestritten. Die Debatte ist so alt wie die Bundesrepublik selbst. Nicht immer geht es in dieser sehr deutschen Diskussion um Fakten. Denn tatsächlich spricht einiges dafür, dass die freie Fahrt für freie Bürger Gift für die Umwelt ist und ein allgemeines Tempolimit hilft, schwere Unfälle zu verhindern. Die zwölf wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema:

In welchen Ländern gibt es ebenfalls kein generelles Tempolimit?

Deutschland ist die einzige Industrienation der Welt ohne durchgängiges Tempolimit auf Autobahnen. Keine generelle Tempo-Obergrenze gibt es zudem in Haiti, im Inselstaat Dominica oder auf der britischen Steueroase Isle of Man. Dort existieren aber auch keine mit deutschen Autobahnen vergleichbare Straßen.

Wie viel Autobahnkilometer sind überhaupt noch frei befahrbar?

Nach einer Erhebung der Bundesanstalt für Straßenwesen (BaSt) gilt auf fast jedem dritten Autobahnkilometer bereits ein generelles Tempolimit, zum Beispiel auf der A7 zwischen Heidenheim und Aalen oder der A81 zwischen Stuttgart und Pleidelsheim. Zwei Drittel sind jedoch weiterhin ohne Geschwindigkeitsbegrenzung befahrbar. Auf den restlichen Strecken gibt es lediglich temporäre Beschränkungen, etwa nachts oder bei Nässe wie neuerdings auf der A96 zwischen Wangen und Leutkirch.

Sind Autobahnen mit Tempolimit nun sicherer?

Statistisch lässt sich tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Tempolimit und weniger Verkehrstoten herstellen: 2016 sind auf deutschen Autobahnen mit Geschwindigkeitsbegrenzung pro Autobahnkilometer 26 Prozent weniger Menschen tödlich verunglückt als auf Autobahnen ohne Tempolimit. 2015 waren es 13 Prozent. Dieser Trend lässt sich auch bei der Anzahl der Schwerverletzten feststellen. Das geht aus einer Auswertung des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) hervor.

Anzahl der Verkehrstoten je 1000 km Autobahn

Wie sicher sind deutsche Autobahnen im europäischen Vergleich?

Der Europäische Verkehrssicherheitsrat (ETSC) hat für die Jahre 2011 bis 2013 ausgewertet, wie viele Menschen auf europäischen Autobahnen pro einer Milliarde Fahrzeugkilometer tödlich verunglücken. Das Ergebnis: Hinsichtlich der Verkehrssicherheit befinden sich deutsche Autobahnen im europäischen Mittelfeld. In Polen oder Litauen ist die Wahrscheinlichkeit, auf Autobahnen Opfer eines tödlichen Unfalls zu werden, mehr als doppelt so hoch wie auf deutschen – trotz Tempolimit. Gegner einer Tempo-Obergrenze wie der ADAC sehen im internationalen Vergleich daher keinen Zusammenhang zwischen einer festen Geschwindigkeitsbegrenzung und dem Sicherheitsniveau auf Autobahnen. Im Vergleich zu Dänemark gibt es auf deutschen Autobahnen pro Fahrzeugkilometer allerdings mehr als doppelt so viele Verkehrstote. Auch österreichische Autobahnen sind demnach sicherer als deutsche.

Anteil der Verkehrstoten je 1 Mrd. km Fahrleistung auf Autobahnen

Sind Autobahnen gefährlicher als Bundes- oder Landstraßen?

Nein – im Gegenteil. 2015 kamen auf Bundes- und Landstraßen auf 1000 Unfälle mit Verletzten 26 Verkehrstote. Auf Autobahnen waren es dem Statistischen Bundesamt zufolge fünf Verkehrstote weniger.

Hilft ein Tempolimit der Umwelt?

Ja. Ein Tempolimit von 120 Stundenkilometern auf deutschen Autobahnen würde einer Untersuchung des Umweltbundesamts zufolge pro Jahr rund drei Millionen Tonnen CO₂ einsparen. Das entspricht einem Rückgang um neun Prozent. Drei Millionen Tonnen CO₂ sind allerdings gerade einmal drei Prozent dessen, was der Pkw-Verkehr 2016 insgesamt an Treibhausgasen freigesetzt hat.

Verhindert ein Tempolimit Staus?

Diese Frage ist unter Experten umstritten. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) argumentiert: „Ein Tempolimit bedeutet weniger Staus, denn es mindert die hohen Geschwindigkeitsunterschiede auf Autobahnen, die eine wichtige Ursache bei der Stauentstehung sind.“ Laut ADAC führt ein generelles Tempolimit von 120 Stundenkilometern hingegen zu keiner nennenswerten Verbesserung der Leistungsfähigkeit von Autobahnen. Verkehrsabhängig gesteuerte Anzeigen reichten demnach aus, um die optimale Geschwindigkeit bei hohem Verkehrsaufkommen zu erreichen.

Darf ich ohne Tempolimit eigentlich so schnell fahren, wie ich will?

Auf Autobahnen gilt eine generelle Richtgeschwindigkeit. Diese besagt, dass auch bei günstigen Verhältnissen niemand schneller als 130 Stundenkilometer fahren sollte. Wer es trotzdem tut und einen Unfall baut, muss mit einer Mitschuld rechnen. Bei einer Sicht von unter 50 Metern gilt zudem auch ohne Beschilderung eine Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern.

Tempolimit 130
Auf einem Abschnitt der A81 finden regelmäßig illegale Autorennen statt – doch das soll sich jetzt ändern.

Heben Autobahnauffahrten das Tempolimit auf?

Nein. Ein Tempolimit gilt so lange, bis es durch ein entsprechendes Verkehrszeichen aufgehoben oder geändert wird – das gilt auch auf der Autobahn. Eine Auffahrt ohne Temposchild ist also kein Freibrief zum Gasgeben.

Gibt es eine Mindestgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen?

Nein. Die Straßenverkehrsordnung (StVO) schreibt lediglich vor, dass nur Fahrzeuge die Autobahn nutzen dürfen, die baulich in der Lage sind, schneller als 60 Stundenkilometer zu fahren. Allerdings dürfen Autofahrer auch nicht so langsam fahren, dass der Verkehrsfluss behindert wird. Ein generelles Mindesttempo gilt auf Autobahnen oder Schnellstraßen nur, wo ein blaues, kreisförmiges Schild mit einer weißen Ziffer dies ausdrücklich anzeigt.

Wie kann ich mich gegen langsame Linksfahrer wehren?

Befindet sich ein Langsamfahrer auf der Autobahn dauerhaft auf der linken Spur, geht ein kurzes Aufblenden durchaus in Ordnung – sofern man dahinter ausreichend Abstand hält. Hupe und Lichthupe sind gemäß der StVO nämlich grundsätzlich rechtens, um außerhalb geschlossener Ortschaften einen Überholvorgang anzukündigen oder wenn man sich oder andere gefährdet sieht. Dichtes Auffahren, Drängeln und gleichzeitiges Betätigen der Lichthupe können allerdings als Nötigung verstanden und dementsprechend bestraft werden.

Wie lange darf ich auf der Mittelspur der Autobahn fahren?

Auf deutschen Straßen gilt zwar ein Rechtsfahrgebot, aber das lange Fahren auf der mittleren Spur ist grundsätzlich erlaubt. Für Autobahnen mit drei Spuren gilt nämlich eine Sonderregelung. Demnach darf der mittlere Fahrstreifen auch mal länger befahren werden – allerdings nur, wo laut StVO „hin und wieder rechts davon ein Fahrzeug hält oder fährt“.

Fazit: Deutsche Autobahnen sind bereits heute vergleichsweise sicher, wären aber mit Tempolimit vermutlich noch sicherer. Zudem würden mit einer allgemeinen Geschwindigkeitsbegrenzung jedes Jahr rund drei Millionen Tonnen CO₂ weniger freigesetzt – das entspricht den jährlichen Gesamtemissionen von Island.

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