Schwäbische Zeitung
Digitalredakteurin

Der Fall des Mannes, der in Aichwald im Kreis Esslingen sexuelle Handlungen an einer Stute vorgenommen hat, verstört und empört. Elisabeth Quendler ist Psychologische Psychotherapeutin und Sexualtherapeutin an der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Ulm. Im Interview spricht sie über Ursachen, Behandlung und Häufigkeit von Zoophilie.  

Elisabeth Quendler, Sexualtherapeutin an der Uniklinik Ulm. (Foto: Petra Voigt)

Warum ist das Thema Zoophilie so verstörend?

Einerseits liegt das daran, weil wir uns in der Gesellschaft darauf verständigt haben, dass Tiere schützenswert sind. Wir halten uns Hunde oder Katzen, um ein Stück Glück in die Wohnung zu bringen. Auch ein Pferd ist ein Tier, mit dem wir in eine Beziehung gehen. Zudem hören wir das nicht jeden Tag. Es kommt sehr selten vor und es geht gegen etwas, das wir wertschätzen. Hinzu kommt: Es könnte dem eigenen Tier auch passieren. Da kommt etwas in unsere Realität, das uns betrifft. 

Was genau sind Zoophilie und Sodomie? 

Zoophilie bedeutet, dass jemand sexuelle Erregung verspürt über sexuelle Handlungen an Tieren, in der Realität, in der Phantasie, beim Zusehen oder bei der Beschäftigtung damit. Der Begriff Sodomie wird eigentlich nicht mehr verwendet. Das ist eher ein christliches Konstrukt von früher für alles, was abnormal ist und was man heute Perversion nennen könnte, auch wenn selbst dieser Begriff mittlerweile nicht mehr so häufig benutzt wird.  

Welche Ursachen gibt es dafür, dass jemand diese sexuelle Neigung hat?

Wir sind uns in der Wissenschaft momentan einig, dass die Ursache bei allen Perversionen biopsychosozial ist. Das heißt: Es gibt eine vererbte Komponente, eine Art Verletzlichkeit, die ein Mensch hat. Dann gibt es Umstände oder Situationen wie traumatische Erlebnisse, die am Ausbrechen dieser Perversion einen Anteil haben. Beim ersten Auftreten wird das Erlebnis als entlastend oder erregend erlebt. Und dadurch wird es verstärkt und tritt wieder auf. 

Das bedeutet, die Veranlagung kann vorhanden sein, ohne jemals auszubrechen?

Ja. Es ist bei vielen psychischen Erkrankungen so, dass es genetisch bedingt eine Veranlagung gibt, die Krankheit aber nie ausbricht, weil es keinen Trigger gibt. Das gilt zum Beispiel auch bei Schizophrenie oder Depressionen. 

Was ist Zoophilie eigentlich? Eine Krankheit? Eine sexuelle Störung?

Wenn sich die überdauernde sexuelle Erregbarkeit schon im Jugendalter manifestiert, dann sprechen wir von einer sexuellen Präferenzstörung. Wer das Wort nicht mag, sagt Präferenzbesonderheit. Das ist vergleichbar mit Pädophilie, Sadismus und Masochismus. Aber es ist zu beurteilen, ob es andauernd ist, oder ob es sich um ein einmaliges Auftreten handelt. Dann ist es ein Verhalten. Krankhaft ist etwas immer dann, wenn der Mensch selbst darunter leidet oder andere dadurch zu Schaden kommen.  Wenn es zu Übergriffen kommt, ist es eine Verhaltensweise, die abartig wirkt, Ekel und Abscheu erzeugt. Deshalb müssen wir das genauer unter die Lupe nehmen und fragen, warum derjenige das tut. Ausgelebte Zoophilie ist in jedem Fall behandlungswürdig. 

Gibt es Hinweise darauf, dass ein Zoophiler sich von dort zu anderen sexuellen Abnormitäten weiterentwickelt - beispielsweise Pädophilie?

Mir ist keine Häufung bekannt. Aber es ist nicht selten, dass jemand, der pädophil ist, auch zum Beispiel sadistische Gedanken hat. Und manche meiner pädophilen Patienten berichten auch, dass sie sexuelle Handlungen an Tieren erregend finden. Wenn ein dissexuelles Verhalten vorliegt, ist es naheliegend, dass gleich zwei oder drei dieser Abnormen vorhanden sind. Aber das heißt nicht, dass jemand der zoophil ist, auch pädophil wird. 

Sind solche sexuellen Störungen heilbar?

Heilbar sind sie nicht, aber behandelbar. Das erlebe ich tagtäglich mit meinen pädophilen Patienten. Insgesamt ist es gut möglich, sexuell erregende Verhaltensweisen so zu kontrollieren, dass man nicht zum Täter wird. 

Wie viele zoophile Menschen gibt es? 

Ich kenne keine Zahlen. Mit Sicherheit sind viele Menschen betroffen, die gut zurechtkommen und unauffällig bleiben. Wir wissen einfach nicht, wie viele Menschen sich zu Hause einen Hund halten und sexuelle Handlungen mit ihm ausführen, von denen wir nie erfahren. Deshalb gibt es da ein sehr, sehr hohes Dunkelfeld. 

Gibt es Statistiken darüber, wer von Sexualstörungen betroffen ist?

Tendenziell sind es mehr Männer. Ansonsten sind Menschen jeder Schicht und jedes Intellekts betroffen. Genauere Zahlen oder Unterschungen zu Zoophilie sind mir nicht geläufig. 

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