Ein Kind arbeitet in einem Steinbruch in Pakistan an einem Granitstein, undatiertes Handout von Misereor aus dem Jahr 2006. (Foto: Benjamin Pütter;Misereor)
Schwäbische Zeitung
Julia Giertz

(lsw) - Benjamin Pütters Arbeit ist lebensgefährlich, weil er sich gegen lebensgefährliche Arbeit von Kindern engagiert. Der Freiburger befreit sie aus Sklaverei in der indischen Teppichindustrie und bekämpft ihre Ausbeutung in Steinbrüchen. „Es hat deshalb schon Morddrohungen gegen mich und meine Familie gegeben“, sagt er. Die Sorge um Leben und Gesundheit von Kindern in Steinbrüchen in Indien verbindet den Mitarbeiter des katholischen Hilfswerks Misereor und den Landtag von Baden-Württemberg.

Das Parlament in Stuttgart hat am Mittwoch einstimmig eine Novelle des Bestattungsgesetzes verabschiedet. Damit können die Städte und Gemeinden nun per Friedhofssatzung Grabsteine aus Kinderarbeit verbieten. Ähnliche Gesetze gibt es nach Pütters Worten bereits im Saarland, in Bremen, Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Die Zahl der Kinderarbeiter in Steinbrüchen, die vor allem in Südindien für den Export produzieren, kann der Experte nicht beziffern. Denn die Besitzer – nach seiner Auskunft häufig Politiker – verwehren ihm und anderen unabhängigen Beobachtern den Zutritt. „Fest steht aber, dass es in den meisten dieser Steinbrüche Kinderarbeit gibt.“ Dort seien bitterarme Wanderarbeiter angestellt, deren Kinder von ihrem zehnten Lebensjahr an mit Presslufthammer helfen, Riesengranitblöcke aus dem Felsen zu lösen.

Lebenserwartung liegt bei 40 Jahren

Die Steine seien bis zu 70 Prozent billiger als die heimischen. Ohrenstöpsel, Arbeitsschuhe, Atemmasken, Hitzeschutz seien trotz entsprechender indischer Vorschriften Mangelware. „Wegen der Erschütterungen und des Staubs liegt die Lebenserwartung bei 40 Jahren“, sagt Pütter.

Nach Einschätzung der grün-roten Koalition kommen 30 bis 60 Prozent der in Deutschland verwendeten Grabsteine aus Ländern wie Indien, China und Pakistan. Die Angehörigen der Toten sollten deshalb Gewissheit darüber haben, dass an ihren Grabsteinen kein „Blut von Kinderhänden klebt“. Wenn sie künftig Steine kaufen, muss der Steinmetz in Gemeinden, die das neue Gesetz anwenden, bei der Friedhofsverwaltung den Nachweis für die faire Herstellung erbringen.

Zertifikat soll garantieren, dass Grabsteine ohne Kinderarbeit angefertigt wurden

Pütter rät zum Zertifikat XertifiX, das er selbst mit ins Leben gerufen hat. Indische Mitarbeiter von Hilfsorganisationen besuchen dafür unangekündigt Steinbrüche, die dies erlauben, und suchen nach Kinderarbeitern. „XertifiX garantiert nicht nur, dass die Grabsteine ohne Kinderarbeit gefertigt wurden, sondern auch, dass die Kinder Bildungsangebote wahrnehmen.“ Denn in den abgelegenen Siedlungen fehlen Schulen und damit Alternativen zur Kinderarbeit. „Ein Verbot von Kinderarbeit ohne Hilfe ist zynisch“, ist Pütter überzeugt.

Wegen dieses finanziellen Aufwands ist XertifiX nach Beobachtung Pütters nicht sonderlich beliebt. „Denn der Steinmetz muss pro Grabstein drei Prozent des Exportwertes an XertifiX zahlen.“ Auch das Siegel Fair Stone steht nach Angaben der dahinter stehenden Agentur Win=Win für das Einhalten internationaler Umwelt- und Sozialstandards bei Natursteinimporten aus Entwicklungs- und Schwellenländern.

Der Bundes- und baden-württembergische Landesinnungsmeister der Steinmetze, Gustav Treulieb, betont: „Wir sind gegen Kinderarbeit.“ Doch die Umsetzung des Gesetzes sei problematisch. Bei der Vielzahl der Zertifizierungsorganisationen falle der Zunft deren Bewertung schwer. „Die Politik müsste ein einheitliches Siegel schaffen.“

„Das bringt den Kindern überhaupt nichts“

Der Städtetag Baden-Württemberg begrüßt zwar das Ziel des Gesetzes, meldet aber Zweifel an dessen Wirksamkeit an. „Das bringt den Kindern überhaupt nichts“, glaubt der zuständige Dezernent Gerhard Mauch. In Indien herrsche Korruption vor und deshalb sei jedwede Zertifizierung mit Vorsicht zu genießen. Außerdem werde der falsche Eindruck erweckt, das Friedhofsamt könne als Kontrollstelle dienen. „Das ist eine Nummer zu groß für uns.“

Diese Bedenken teilen im Land 42 Gemeinden nicht, die sich bereits selbst verpflichtet haben, auf Grabsteine aus Kinderarbeit zu verzichten. Darunter ist auch die Landeshauptstadt Stuttgart, die in ihrer Friedhofssatzung bisher nur zur Nutzung von Grabsteinen ohne Kinderarbeit aufgerufen hat. Die Stadt freut sich laut einem Sprecher darauf, voraussichtlich im Frühjahr 2013 das Verbot in der Satzung verbindlich zu verankern.

Gesetzentwurf: http://dpaq.de/FL8kH

Xertifix-Siegel: http://dpaq.de/HNxJo

Fair Stone-Siegel: http://dpaq.de/uYvVv

Misereor zu Kinderarbeit: http://dpaq.de/YAvSS

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