Rücktritt von Özil schlägt auch im Südwesten Wellen

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Berkay Özcan
Berkay Özcan vom VfB Stuttgart. (Foto: Jan-Philipp Strobel/Archiv / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

Mesut Özils Rücktritt aus der Fußballnationalmannschaft hat auch im Südwesten für Aufsehen und Reaktionen gesorgt. Für Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ist vor allem die türkische Regierung dafür verantwortlich, dass die Debatte rund um Mesut Özil derart eskalieren konnte. „Wir haben in Deutschland einige Spieler, deren Wurzeln in Ländern liegen, die keine wirklichen Demokratien sind. Aber nur Präsident Erdogan schafft es, hierzulande aggressiv aufzutreten und zu spalten“, sagte Kretschmann den „Badischen Neuesten Nachrichten“ sowie der „Stuttgarter Zeitung“.

Özil und Erdogan
Mesut Özil (l) posierte mit dem türkischen Präsidenten Erdogan im Mai für ein Foto. (Foto: Uncredited/Pool Presdential Press Service/AP / DPA)

Die Frage sei nicht in erster Linie, ob Özil und der DFB alles richtig gemacht hätten, sagte Kretschmann. Wichtiger sei es, eine klare Haltung gegenüber spalterischen Politikern zu zeigen. Egal ob sie Erdogan, Trump oder Putin hießen.

CDU-Bundesvize Thomas Strobl (CDU) forderte von dem Fußballer ein Bekenntnis zu den deutschen Werten. „Niemand muss oder soll Wurzeln verleugnen“, sagte Baden-Württembergs Innenminister der „Bild“-Zeitung. Ein klares Bekenntnis zu den Werten in Deutschland sei indes durchaus wünschenswert - „auch und gerade gegenüber jemandem wie Herrn Erdogan“, sagte Strobl. Özil hatte am Sonntag mit seinem Rücktritt Konsequenzen aus der Affäre um umstrittene Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor der WM gezogen.

Grünen-Politiker Cem Özdemir bezeichnete Özils Erklärung vom Sonntag, der Fototermin mit Erdogan sei aus Respekt vor dem höchsten Amt des Landes seiner Familie erfolgt, als nicht überzeugend. Stattdessen hätte der Fußballer auch Respekt etwa für Pressefreiheit, für Menschenrechte, für Demokratie betonen können. Özdemir kritisierte auch die DFB-Spitze: „Erst hat sie die Affäre nicht vor der WM aus der Welt geschafft und nach dem Scheitern hat sie alles bei Özil abgeladen.“

Sozial- und Integrationsminister Minister Manne Lucha (Grüne) kritisierte zwar Mesut Özils Foto an der Seite Erdogans, gleichwohl schlug er nachdenkliche Töne an. Vor allem Özils Sichtweise - man sei nur als Leistungsträger willkommen ohne wirklich dazuzugehören -, werde von vielen Einwanderern geteilt. „Wir als Gesellschaft müssen mehr denn je für diese Ziele einstehen und gleichzeitig gegen jegliche Form von Rassismus, so wie er jetzt auch Mesut Özil entgegenschlägt, laut die Stimme erheben“, teilte er mit. Das gelte nach „dem Herumlavieren in der Causa Özil“ auch für den DFB.

VfB-Profi Berkay Özcan bezeichnete Özil als sportliches „Vorbild“ und forderte, Sport müsse verbinden. „Was für eine Nationalmannschaftskarriere! Du bist immer noch für viele von uns ein großes Vorbild, wie man es mit ausländischen Wurzeln von ganz unten nach ganz oben schaffen kann“, schrieb der Spieler des VfB Stuttgart bei Instagram.

„Nach Özil sollte nun die ganze Leitungsebene des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zurücktreten, damit ein echter Neuanfang für die deutsche Nationalmannschaft denkbar ist“, sagte der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschlands, Gökay Sofuoglu, der „Heilbronner Stimme“. Özil als Sündenbock für das Ausscheiden aus der WM zu deklarieren sei mehr als billige Ausrede.

Der DFB-Sponsor Mercedes-Benz will die Vorwürfe von Özil in Ruhe analysieren. „Mercedes-Benz ist seit über 40 Jahren Partner des DFB und der Nationalmannschaft, in guten wie in schlechten Zeiten“, hieß es in einem am Sonntagabend veröffentlichten Statement von Daimler-Kommunikationschef Jörg Howe bei Twitter.

Scharfe Kritik an der Rücktrittserklärung Mesut Özils kam von der deutsch-türkischen SPD-Politikerin Lale Akgün. Sie sagte der „Heilbronner Stimme“: „Mesut Özil stellt sich als Opfer dar. Das empört mich. Özil ist kein Opfer.“ Der Fußballer habe sich ganz bewusst mit Erdogan zu diesem Fototermin getroffen und sei später nicht in der Lage gewesen, die Konsequenzen seines Verhaltens zu tragen, hieß es weiterhin von der Sozialdemokratin.

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