Prozess gegen Pflegeoma: Mord oder fahrlässige Tötung?

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Tod eines Siebenjährigen
Ein Herz liegt zwischen Blumen auf einer Mauer vor dem Haus. (Foto: Sina Schuldt/Archiv / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

War es Mord oder fahrlässige Tötung? Nach dem gewaltsamen Tod eines Siebenjährigen aus Künzelsau (Hohenlohekreis) liegen Staatsanwaltschaft und Verteidigung mit ihren Plädoyers weit auseinander. Während der Anklagevertreter am Donnerstag 13 Jahre Haft wegen Mordes forderte, plädierte die Verteidigerin der 70 Jahre alten Angeklagten auf fahrlässige Tötung. Dabei beschäftigten sich beide Seiten eingehend mit der Frage des Warum - zu welcher sich die frühere Pflegeoma des Getöteten bis zuletzt vor dem Landgericht Heilbronn nicht äußerte.

Staatsanwalt Harald Lustig sah es als erwiesen an, dass die 70-Jährige das Kind aus Verlustangst erwürgt habe: „Sie hatten Angst, dass es bald enden würde mit den Besuchen, dass Sie ihn verlieren“, wandte er sich an die Angeklagte. Die 70-Jährige hatte sich jahrelang immer wieder um den Jungen gekümmert. Dessen Eltern vertrauten der Seniorin so weit, dass sie das Kind bei ihr übernachten ließen. „Für mich heißt das, dass man sich selbst wichtiger nimmt, als das Leben eines anderen Menschen, eines kleinen Jungen. Sich selbst wichtiger nimmt, als das Glück anderer Menschen, denen man ihr Ein und Alles nimmt.“ Die Tat sei selbstherrlich und selbstsüchtig gewesen, so der Staatsanwalt.

Damit sah Lustig das Mordmerkmal der niederen Beweggründe erfüllt und rückte von der ursprünglichen Anklage wegen Totschlags ab. Der Nebenklageanwalt - der die Eltern des getöteten Jungen vertritt - bewertete das Geschehen zudem als heimtückisch und deshalb ebenfalls als Mord: Die Pflegeoma habe den wehrlosen Jungen im Schlaf angegriffen. Beide Männer waren sich sicher: Die ehemalige Krankenschwester habe bewusst und gewollt getötet - mindesten drei Minuten lang würgte sie das Kind einem Gutachten zufolge am Hals.

Die Verteidigerin der 70-jährigen Deutschen betonte in ihrem Schlussvortrag, dass die Tat im April 2018 unerklärlich geblieben sei. Warum hätte die Pflegeoma den von ihr geliebten Jungen töten wollen - und warum in dieser Nacht?, fragt Anke Stiefel-Bechdolf. „Diese Frau ist krank und sie wird noch kränker werden“, lautet die Antwort der Anwältin. Ihre Mandantin habe zum Zeitpunkt der Tat an einer akuten organischen Depression gelitten und nicht überlegt gehandelt.

Ein psychiatrischer Sachverständiger hatte aufgrund einer Untersuchung mit einem Kernspintomographen nicht ausschließen wollen, dass eine Schädigung des Gehirns der 70-Jährigen vorliege und möglicherweise eine verminderte Schuldfähigkeit. Der Staatsanwalt hatte unter Bezug darauf nicht die vorgesehene lebenslange Haftstrafe für Mord gefordert, sondern 13 Jahre.

„Es tut mir alles sehr, sehr leid“, sagte die Angeklagte in ihrem letzten Wort. „Ich schließe mich meiner Verteidigerin an. Ich finde keine Worte für das, was passiert ist.“ Zuvor hatte der Anwalt der Nebenklage gesagt: „Die Eltern haben an diesem Prozess teilgenommen, um zu verstehen, um Antworten zu finden.“ Dass sie den Tod des Kindes bis zuletzt als Unglücksfall darstelle, empfände die Familie als weiteren Schlag ins Gesicht.

Das Urteil soll am Montag fallen.

Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft

Folgemitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft

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